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Nach dem verheerenden Tornado am 20. Mai haben viele Freiwillige beim großen Aufräumen tagelang  geholfen

Lütmarsen sagt einfach nur „Danke!“

Höxter/Lütmarsen

Ein Dorf sagt „Danke“. Die Bürgerinnen und Bürger sowie die Vereine und ihre Helfer sind immer noch beeindruckt über die große Hilfsbereitschaft und Unterstützung, die Lütmarsen nach dem verheerenden Tornado vom Freitag, 20. Mai von vielen Seiten erhalten hat. In einer öffentlichen Erklärung will die Dorfgemeinschaft unterstreichen, dass das alles so nicht selbstverständlich war und ist.

Von Michael Robrecht

Tornado über Lütmarsen: Niemand hätte das vor dem 20. Mai für möglich gehalten: Die ehemalige Gaststätte „Oase“ am Ortseingang von Lütmarsen ist nach Sturm und Abriss jetzt Geschichte. Das marode Gebäude hatte einige Sturmschäden und stand direkt an der L755. Foto: Michael Robrecht

Ein Dorf benötigte sofort Hilfe und viele waren gekommen, um anzupacken. Stefan Steiner (stellvertretender Löschgruppenführer) aus Lütmarsen drückte in dem Schreiben aus, was viele Ort denken: „Die Lütmarsen Dorfgemeinschaft ist allen Helferinnen und Helfern sowie allen Unterstützern sehr dankbar.

Landesministerin Ina Scharrenbach besucht Lütmarsen am 22. Mai und hört vor Ort, was Lütmarsen an Schäden hat. Foto: Marius Thöne

Am 20. Mai wurden Ovenhausen und Lütmarsen von einem noch nie dagewesenen Naturereignis in dieser Größenordnung heimgesucht. Der Tornado, der viele Häuser und Fahrzeuge massiv beschädigte, unzählige Bäume umstürzen ließ und die Straßen unpassierbar machte, hat die Dorfgemeinschaft in der Stunde des Unglücks stark zusammengeschweißt“, erklärte Stefan Steiner. Rettungsweg geräumt: Verletzter wird versorgt.

Drei Tage haben die vielen Freiwiliigen in Lütmarsen aufgeräumt. Foto: Dennis Pape

Die meisten Bürgerinnen und Bürger im Ort hätten am Freitagabend bis in die Nacht, am Samstag und Sonntag mitgeholfen, die Unwetterschäden so schnell wie möglich zu beseitigen. „Damit ein Rettungswagen zu einem Verletzten durchkam, haben sie viele mit Besen und Schaufeln ins Zeug gelegt“, nannte Stefan Steiner nur einen Fall, wo es auf schnelle Hilfe angekommen ist.

So sah es bei David Riva in Lütmarsen am 20. Mai aus. Foto: Dennis Pape
Lütmarsen wurde durch einen Tornado verwüstet: Viele Dächer wurden abgedeckt. Hier stürzte ein 150 Jahre alter baum auf ein Haus. Foto: Marius Thöne

Aber darüber hinaus erhielt Lütmarsen sehr schnell fachliche und unkomplizierte Hilfe von allen Seiten: Menschen aus der Region haben mit Tatkraft und Geräten, Traktoren, Anhängern und diversen anderen Gerätschaften bei der Schadensbekämpfung unterstützt, darunter die Hilfsorganisationen, viele Unternehmen – vor allem Dachdeckerfirmen – aber auch die Stadt Höxter mit dem Bauhof und der Stadtgärtnerei. Diese Hilfe kam sehr schnell eine Stunde nach dem Unglück. „Die Verpflegung stellten das DRK, die Fleischerei Maßmann und der Quellenhof schnell und unkompliziert zur Verfügung. Die Politik, allen voran Bürgermeister Daniel Hartmann, außerdem Landtagsabgeordneter Matthias Goeken und Landesministerin Ina Scharrenbach, haben sich ebenfalls ein Bild von der Lage vor Ort gemacht und Unterstützung entsandt und in Aussicht gestellt. Dafür möchte die Dorfgemeinschaft Lütmarsen auf diesem Wege an alle Unterstützerinnen und Unterstützern ein großes Dankeschön aussenden, das von Herzen kommt“, schreibt Stefan Steiner.

Schneise der Verwüstung auf der Straße entlang des Ellernberges - vom frisch sanierten  Sportplatz bis hinter die Ellerscheune. Foto: Feuerwehr Höxter

Der Tornado, den der Deutsche Wetterdienst am Samstag auch offiziell als solchen einstufte, war innerhalb nur weniger Minuten von Ovenhausen kommenden im Bollerbachtal Richtung Sportplatz und Dorfmitte Lütmarsen gezogen und hatte Dutzende Bäume entwurzelt, Dächer abgedeckt, Gegenstände wie Wurfgeschoss durch die Gegend geschleudert und alle Rettungswege versperrt. So verwüstet hat noch niemand Lütmarsen je gesehen. Über acht Kilometer lang und 350 Meter breit war die Schneise der Zerstörung  laut einem Wetterforscher. Es seien Windgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h erreicht worden, so Experten.

Acht Kilometer lang war die Schneise der Verwüstung: von Ovenhausen bis Lütmarsen und dem Bielenberg bei Höxter. Seit 20. Mai werden Häuser renoviert (hier Dachdecker in Ovenhausen). Foto: Michael Robrecht

Video vom Tornado

Es gibt beeindruckende Videos aus Höxter, die den typischen Trichter eines Tornados zeigen, der über Lütmarsen von West nach Ost zieht und der über Bielenberg und WK Höxter sich dann auflöst. Umgeknickte zum Teil dicke Bäume und Unmengen Schutt war überall rund um Lütmarsen zu finden: am Elversberg, am Friedhof, an der Straße nach Ovenhausen. Das ganze Wochenende im Ort aufgeräumt.Neben der Feuerwehr war auch das Technische Hilfswerk aus Höxter im Einsatz. Ebenso das DRK, das die Verpflegung der 180 Einsatzkräfte übernahm. Bis spät in die Nachtwaren viele tätig. In Lütmarsen wurde die Versorgung in der Kirche, in Ovenhausen am Gerätehaus organisiert. Bagger, Traktoren, Harvester und Lastwagen von privaten Unternehmen und Landwirten kamen beim Aufräumen zum Einsatz.

Der Tornado zieht über Lütmarsen zum Bielenberg Höxter Im Internet gibt es ein Video von Mirko Niederprüm. Foto: Niederprüm

Wegen Baufälligkeit und Windbruch auf dem Gebäude wurde am Samstag die alte Gaststätte „Oase“ abgerissen. Schwer getroffen hatte es auch die Feuerwehr und den Sportverein Tus Lütmarsen, die sich ein Domizil am Sportplatz teilen. „Wir waren im Sportheim“, berichtet Vorstand Reinhard Preuß dem WB. Als der Tornado kam, sei das Dach abgehoben. Traurig seien sie alle, dass der frischsanierte Tennenplatz komplett hinüber sei. „Der Tornado hat die Asche aufgewirbelt.“ Im Dorf berichteten viele, dass der Wirbelsturm mit Wucht angerauscht gekommen sei und in Sekundenschnelle alles verwüstet habe. So schnell wie er gekommen sei, sei er auch wieder weg gewesen. Die Menschen sind froh, dass es keine Toten und Schwerverletzten gegeben habe.

Höxters Feuerwehrchef Jürgen Schmits lobte den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft. „Es ist beeindruckend zuzuschauen“, schrieb er in einem Facebook-Post. Bezirksverwaltungsstellenleiter Ralf Kunzmann erzählte, dass es Probleme bei der Materialversorgung gegeben habe. Dank sprach er am Sturmwochenende den Baumärkten in Höxter und Holzminden aus, bei denen man auch nach Dienstschluss flexibel Material erhalten konnte.

Kommentar von Michael Robrecht

Bei den Aufräumarbeiten nach dem Tornado von Lütmarsen und Ovenhausen hat es viele beeindruckende Gesten der Hilfe und Solidarität gegeben. Nicht nur Nachbarn halfen sich, sondern auch Hilfsorganisationen wie Feuerwehr und DRK packten mit an. Wenn es etwas gibt, das im Kreis Höxter immer funktioniert, dann ist das die praktische Hilfe bei Unwettern und Katastrophen. Für viele Freiwillige war es selbstverständlich, auch am Samstag und Sonntag Schäden zu beseitigen. Es tut sicher vielen Helfern gut, wenn ein Dorf öffentlich Danke sagt. Der Tornado macht erneut deutlich, mit welcher Macht die Natur binnen Minuten Unheil auch hier im Kreis bringen kann und wie hilflos die Menschen dann sind.

Doch derlei Herausforderungen fördern auch Tugenden ans Licht, die im Alltag oft nicht mehr gelebt werden: Hilfsbereitschaft, Solidarität und Durchhaltevermögen. Und noch etwas ist aufgefallen: Junge Menschen kamen freiwillig, saßen nicht tatenlos zu Hause am Handy. Die „faule und egoistische junge Facebook-Generation “ hat in Ovenhausen und Lütmarsen niemand gesehen. Die Ehrenamtlichen zeigen das andere Gesicht einer Gesellschaft. Solidarität wird im Kreis Höxter gelebt, wenn es darauf ankommt. Diese Erkenntnis bleibt haften.

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