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Eine etwas bizarre Konzertprobe mit Startrompeter Ludwig Güttler in der Kilianikirche in Höxter

Organistin und Wirsing retten Auftritt

Von Michael Robrecht Höxter (WB). Ludwig Güttler ist einer der berühmtesten Musiker Deutschlands. Nach der Wende initiiert der sächsische Trompetenvirtuose maßgeblich den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Am 6. September gastierte er in Höxter.

Mit dem Kollegen Thomas Irmen probt der erfahrene Trompeter Ludwig Güttler aus Dresden in der Höxteraner Kirche die Stücke. Foto: Harald Iding

Güttler gilt viele Jahre als die »Goldene Trompete« der DDR. Der 74-Jährige ist bundesweit auch als kämpferisches Gesicht für den Erhaltes des Welterbestatus’ der Sachsenhauptstadt bekannt geworden. Eigensinnig wirkt er immer noch, der »König der Trompete«. Auch in Höxter. Das WESTFALEN-BLATT hat die Konzertprobe in der Kilianikirche besucht – und ist in eine etwas bizarre Situation geraten. Wegen Kommunikations- und Technikproblemen hängt der Höxter-Auftritt zeitweise am seidenen Faden. Was ist passiert?

Um 15 Uhr kommt Maestro Güttler mit Thomas Irmen (Trompete) und Friedrich Kircheis (Orgel) in die Kilianikirche. Der knorrige, aber sehr sympathische Musiker mit dem Schnauzbart, mit noch vollem grauen Haar und mit Hemd und Pullunder, steigt mit seinen Hörnern und Trompeten die steile Treppe zur Orgelbühne empor. Schon beim ersten Anspielen der Orgel kommt es zum Eklat: »Das ist eine technische Katastrophe. Das Manual der Orgel ist einen halben Ton höher als unsere Blasinstrumente. Das hätten wir vorher wissen müssen«, setzt sich Güttler kopfschüttelnd auf einen Stuhl und ruft seinen »Agenten« an. »So etwas habe ich noch nie erlebt. Uns fehlen wichtige Informationen zur Orgel. Das geht nicht.« Den Organisatoren von Volkshochschule und Evangelischer Kirchengemeinde fährt der Schreck in die Glieder. Wackelt das Konzert? Was tun? Die Kirche ist ausverkauft. Hunderte Besucher kommen. Jetzt sind Fachwissen und Charme von Kilianiorganistin Marion Kusserow gefragt. Der Einsatz der weiblichen »Geheimwaffe« funktioniert.

In ihrer ruhigen Art erklärt die Höxteranerin den Herren die historische Orgel von 1710. »Eigentlich können wir kaum etwas vom geplanten Programm spielen«, grummelt der Welt-Trompeter, um dennoch mit den Proben zu beginnen. »Ich kann nicht mit ansehen, dass Sie so traurig gucken«, meint er zu Marion Kusserow. Und: Er sei im Hotel »Stadt Höxter« untergebracht und habe zu Mittag eine vorzügliche Wirsing-Roulade gegessen. »Stellen Sie sich vor, die hätte nicht geschmeckt, dann würden wir heute nicht mehr spielen...« scherzt Unikat Güttler. Übersetzt heißt das: Die Küche des Hotels und Marion Kusserow haben den Auftritt des Weltstars in Höxter gerettet!

Jetzt gehen die Proben mit Trompeten-Glanz und Orgel-Gloria so richtig los. An Organist Friedrich Kircheis hänge alles: Der müsse die Orgel so bedienen, dass das Publikum nicht merke, dass es Probleme gebe, erläutert Ludwig Güttler. Einige Stücke würden umgestellt. Er wolle ansagen, wenn man eine Komposition der besonderen Situation der Orgel anpasse. Ganz Profis zaubert das Sachsen-Trio dann fulminante barocke Klänge aus Orgel und Blasinstrumenten, so dass sich alle, die mitlauschen, auf einen fulminanten Abend freuen. Noch ein Güttler-Spruch zur Orgel: »Wer in der DDR mit dem Trabi klar kam, schafft auch dieses Instrument«.

Das »Konzert für zwei Hörner und Streicher in F-Dur« von Johann David Heinichen klappt ganz gut. Als doch Misstöne aus dem Orgelgehäuse dringen, macht Marion Kusserow einen Orgel-Reset. »Mit uns könnt ihr es ja machen«, grinst Trompeten-König Ludwig Güttler und inszeniert die Empörung inzwischen auch etwas. »Die sind ja alle nett hier«, meint er zu den WESTFALEN-BLATT-Redakteuren, die eine unvergessliche Probe mit Irrungen und Wirrungen miterleben. Vom technischen Eklat werde das Publikum nichts merken, kündigte Ludwig Güttler an. Die beiden Mitstreiter nicken. Pfarrer Björn Corzilius sondiert nach einer Probenstunde die Lage und geht erleichtert die Treppe wieder herunter, als er in schönstem Sächsisch hört: »Joauuu, olles is juuutt.« Daumen hoch für den Auftritt des weltbekannten Trompeten-Virtuosen.

Güttler reist heute früh übrigens gleich zurück nach Dresden: Es sei noch nie in Höxter gewesen, und leider bleibe keine Zeit für ein touristisches Programm. Schade!

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