Ära geht zu Ende: Helmut Driehorst schließt in Höxter-Godelheim nach 52 Berufsjahren die Traditionsbäckerei – Firma Klingenberg übernimmt Laden

Pure Leidenschaft für die Backkunst

Höxter-Godelheim

Während die einen vielleicht gerade im Bett vom Urlaubsstrand am Meer träumen, ist für Helmut Driehorst aus Höxter-Godelheim um 3.15 Uhr die Nacht beendet. Der Wecker klingelt und die Arbeit in der Backstube beginnt. Doch das hat bald ein Ende – die Traditionsbäckerei schließt. Der Laden aber wird bleiben.

Harald Iding

Hier hat Helmut Driehorst in den vielen Jahren gestanden und die unterschiedlichsten Brotsorten aus dem Ofen „gezaubert“. Die Backstube schließt Ende Mai. Foto: Harald Iding

Eigentlich hätte der Bäckermeister in vierter Generation schon vor Jahren den Ruhestand verdient gehabt. Aber jetzt ist nach 52 Berufsjahren und mit 66 Lebensjahren der Punkt erreicht, um Abschied von seiner Arbeitsstätte, nur einen Steinwurf vom Wohnhaus entfernt, zu nehmen. Dieser Entschluss sei ihm und seiner Ehefrau Lucia (62), die bislang den Laden als Verkaufsleiterin mit ihrer ganz eigenen, herzlichen Art geführt hat, nicht leicht gefallen – im Gegenteil. Beide stehen mit Herzblut und Leidenschaft für einen kleinen, aber leistungsfähigen Betrieb, den man so in seiner Art in Deutschland heute kaum noch vorfindet.

Helmut Driehorst schließt zum 30. Mai 2021 die seit 1878 von der Familie Driehorst geführte Bäckerei. Damit geht eine Ära zu Ende. Für den Laden hat sich schon ein Nachfolger gefunden. Driehorst: „Wir freuen uns, dass Bäckermeister Andreas Klingenberg aus Holzminden und seine Frau Martina den Laden als Mieter weiterführen werden.“

Umbauphase mitVerkaufswagen

Der Bäckereiladen soll ab Juni neu gestaltet werden. Während dieser Umbauphase würde der Verkauf der Klingenberg-Produkte in einem Verkaufswagen weiterlaufen. „Wir sind auch sehr dankbar, dass die Firma Klingenberg alle Mitarbeiter, darunter zwei Bäckergesellen, übernehmen will“.

Als „Bäckerei und Schankwirtschaft“ begann einst mit Wilhelm Driehorst zum Ende des 19. Jahrhunderts die erfolgreiche Firmengeschichte der Familie vor Ort. Es gab aber auch Schicksalsschläge. So musste der Betrieb im Dorf nach einem schweren Brand in 1904 ganz neu aufgebaut werden. Der große Festsaal wurde dann 1926 erweitert – auch um den Teil, wo heute unten der aktuelle Bäckerei-Laden zu finden ist – direkt an der Bundesstraße 64 gelegen.

„Godelheim ist Driehorst und Driehorst ist Godelheim“ – auf diese einfache, aber wertschätzende Formel bringen es viele Stammkunden. Man kennt sich zum Teil über Jahrzehnte, auch wenn man nicht direkt im Ort wohnt. Ob Angestellter im feinen Anzug oder Malocher mit Latzhose – auf dem Weg zum Arbeitsplatz oder zur nächsten Baustelle halten tagsüber viele Kunden gerne „mal eben“ an, um sich ein leckeres Mehrkornbrötchen mit Käse oder Wurst belegen zu lassen – und einen heißen Kaffee zum Mitnehmen zu kaufen. Oder man bringt der „Liebsten“ daheim ein leckeres Stück Torte mit, die Auswahl ist riesig. Die Freude darüber ist garantiert, denn die Bäckerei und Konditorei ist bekannt für erstklassige Qualität. Ein nettes Gespräch mit den freundlichen Damen hinter der Theke – es ist im Preis inklusive.

Die Adresse dieser feinen „Spitzenbäckerei“ in der Region lernten früher schon Nachwuchspolizisten kennen. Die Besatzungen der Höxteraner Streifenwagen holten sich gerne noch vor Ladenöffnung bei Driehorst in der Backstube ofenwarmen Brötchen zum Ende oder zu Beginn ihrer Schicht ab. „Die haben kurz geklopft und freuten sich über die Tüte mit den Backwaren. Das Geld hatten sie passend parat“, erinnert sich Helmut Driehorst im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT gerne an viele schöne Momente. Auch daran, als er 2015 die „Schlingnatter“ als käufliche Backware präsentierte – als humoristische Anlehnung an die B64-Debatte (Umgehung). Die hatte es als Geschenk sogar bis in den NRW-Landtag geschafft. „Ich half auch gerne aus, wenn die Leute am Sonntag schnell noch eine Torte für ihre Feier benötigt haben. Zwei Stunden später konnte man sie hier abholen!“ Und würde sich Driehorst wieder für dieses Handwerk entscheiden, wo er doch dauernd im Einsatz war und nur in den Betriebsferien „frei“ hatte?

Mit 14 Jahrenin die Lehre gegangen

„Das ist mein Beruf, ich würde es wieder tun. Als 14-Jähriger bin ich gleich beim Bäckermeister Klaus Behrens in Höxter in die Lehre gegangen. Von ihm habe ich viel gelernt – auch die Leidenschaft für die Backkunst.“ Von diesem „Feuer“ in den Augen hat er nichts verloren, wenn man ihn in seiner Backstube antrifft. Aber die anstrengenden Jahrzehnte vor dem Ofen und am Arbeitstisch – sie haben körperlich ihren Tribut gefordert. Die Kunden wünschen ihm und seiner Ehefrau Lucia jedenfalls das Allerbeste für die Zukunft. „Es ist gerade in diesen Tagen schön zu erfahren, wie viel Wertschätzung dem ganzen Team entgegengebracht wird. Wir gehen alle mit Freude und Liebe unserem Beruf nach“, so Lucia Driehorst. Und: „Bei vielen habe ich schon beim Betreten des Ladens gewusst, wie viel Stück Zucker sie in ihrem Kaffee haben möchten. Es war eine schöne Zeit!“

Auf jeden Fall wird Helmut Driehorst zukünftig genügend Zeit haben, mit seinem Bruder Wilhelm (68), der weiterhin den Gasthof Driehorst (Restaurant und Hotel) mit den kulinarischen Köstlichkeiten aus der Region führt, bei einer Tasse Kaffee und einem Stück selbst gemachten Kuchen über die alten Zeiten und die neuen Herausforderungen zu sprechen.

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