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Erntezeit: Drohnen mit Wärmebildkameras im Einsatz

Rehkitze vor dem sicheren Tod retten

Höxter/Holzminden (WB/hai). Die Kälte der Nacht liegt an diesem frühen Morgen noch über dem Feld. Ein noch junges Lebewesen wartet auf den Beginn des Tages – und mit ihm Naturfreunde, die sich als besondere Rettungskräfte engagieren.

Pilot Sascha Reimer (links) und Jäger Ingo Beck starten hier eine Drohne, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet über dem Feld in die Luft steigt. Foto: Team Rehkitzrettung Steinburg

Für viele Jungtiere ist es ein natürlicher Reflex, sich bei einem ersten Anzeichen von Gefahr ins hohe Gras zu ducken und sich nicht mehr zu bewegen. Denn die natürliche Tarnung durch die Färbung des Fells oder des Federkleides bei Vögeln sowie die Kombination mit der bei Jungtieren fehlenden Eigenwitterung – das ­sichert oft trotz der vielen natürlichen Fressfeinde das Überleben.

Doch gegen technologische „Feinde“ hat dieser natürliche Schutz keine Wirkung, sondern stellt eine ungewollt tödliche Falle dar. Gerade in diesen Tagen, wenn wieder die Mäharbeiten in der Region beginnen, erblicken auch die Rehkitze und andere Tier- und Vogelarten das Licht der Welt.

Nach den Wintermonaten ­rücken die Landwirte mit ihren Schleppern und Kreiselmähern dem hohen Gras an den Halm, um die ersten Heuschnitte einzubringen. Genau jetzt ist der Reflex, sich zu tarnen und der Versuch zu täuschen, aber tödlich. Denn im hohen Gras sehen die Landwirte von ihren inzwischen gewaltigen Schleppern die Kitze und Gelege der Wiesenvögel nicht oder wenn, dann leider zu spät. Genau dafür naht Hilfe von oben – in Form von speziellen Drohnen.

„Es ist eine effektive Ergänzung zur herkömmlichen Suche”, informiert Drohnenexperte Frank Potthast aus Boffzen. Es gäbe bereits gute Erfahrungen mit der neuen Technologie. Potthast möchte gerne die breite Öffentlichkeit über diese Möglichkeit informieren und hat sich umfassend erkundigt. „In unseren Revieren arbeiten wir bislang mit akustischen Geräten, richtigem Anmähverhalten, der sichtbaren Vergrämung mit ­Tüten und natürlich mit der Suche an der langen Leine mit dem Hund. All das funktioniert aber nur mit den Landwirten gemeinsam, in dem sie uns die Einsatztermine der Mähdrescher mitteilen“, erklärt zum Beispiel Henning Ohm von der Jägerschaft im Nachbarkreis Holzminden.

Die Suche nach den Rehkitzen mittels Drohnen beginnt zumeist in der Nacht oder in der Dämmerung, so dass die Rehkitze für die Wärmebildkamera der Drohne – gegenüber dem kühlen Gras – gut sichtbar sind. Der Einsatz in den frühen Morgenstunden, auch noch im Dunkeln oder in der Dämmerung beginnend, habe gute Aussichten auf eine hohe Erfolgsrate, „da auf den in der Nacht stark abgekühlten Grasflächen die Wärme der abgelegten Rehkitze mit der Wärmebildkamera gut sichtbar ist und die Rehkitze anschließend gerettet werden können“. In der Rehkitzrettung hätten sich inzwischen gut eingespielte Teams gebildet, weiß Potthast.

Jedes Mitglied kennt seinen Aufgabenbereich und die Rettung auch mehrerer Kitze ist somit schnell getätigt. An kühleren Tagen, an denen die Wärmesignatur der Rehkitze länger auffindbar ist, kann meistens länger gesucht und somit mehr Tiere gerettet werden. Mit steigenden Tagestemperaturen sinkt dann allerdings die Auffindbarkeit gen Null, da die so genannte Wärmesignatur des Rehkitzes mit dem gleich temperierten Umland nahezu verschmilzt.

Suche ist „Jagdausübung“

Doch was muss vom Fernpiloten oder den Auftraggebern bedacht werden, damit der erfolgreiche Einsatz nicht in einem „bürokratischen Desaster“ endet? Ein Verein oder ein Gewerbebetrieb zur Tierrettung seien schnell gegründet beziehungsweise angemeldet. „Wenn aber die dritte Dimension, der Luftraum, hinzu kommt, gilt es die eine oder andere Neuregelung zu beachten, um die Tierrettung auch rechtlich sicher durchzuführen“, betont Potthast. Eine Rehkitz- oder Schwarzkittelsuche oder einfach mal das Erkunden eines Jagdreviers aus der Luft – es bieten sich mit den aktuell verfügbaren technischen Mitteln ganz neue Optionen. „Doch wie immer ist das rechtlich betrachtet nicht einfach mal schnell durchgeführt, so wie es vielleicht von Laien oft vermutet wird”, sagt Frank Potthast dem WESTFALEN-BLATT.

So wird vom Ministerium für Landwirtschaft darauf hingewiesen, dass es sich bei der Suche nach Kitzen um eine Jagdausübung im Sinne des Aufsuchens und Fangens von Wild handelt (siehe Infokasten). Einen weiteren „Stolperstein“ birgt die Unbedenklichkeitsbescheinigung. Also: Wirtschaftsfremde Institutionen wie die Bundeswehr, das Technisches Hilfswerk, die Bundespolizei, Hilfsorganisationen und Vereine dürfen nur dann auf wirtschaftlichem Gebiet tätig werden, sofern sie mit ihrer Leistung nicht in Konkurrenz zur gewerblichen Wirtschaft treten. Diesen Sachverhalt prüft die für den Vereinssitz zuständige IHK eingehend, bevor eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt werden kann.

Potthast: “Wenn die Prüfung aber ergibt, dass ein Gewerbetreibender in der Region die Aufgaben übernehmen und ausführen kann, gibt es keine Bescheinigung.“ Um gewerbliche Aufgaben wahrnehmen zu können, muss der Betroffene, der Verein oder der Jagdpächter als Auftraggeber also vorher einen formlosen Antrag bei der zuständigen IHK stellen.

Beachtet werden sollte dabei, dass die Ausübung der Tätigkeit (nach Gewerbeordnung) ohne Erlaubnis eine Ordnungswidrigkeit darstellt (mit Geldbuße). „Auch diese Herausforderung lässt sich durch einen gegebenenfalls erforderlichen Antrag bei der für den Wohnsitz des Fernpiloten zuständigen Industrie- und Handelskammer problemlos angehen.”

Darüber hinaus gäbe es den Bereich der gesetzlichen Regulierung für den unbemannten Flugbetrieb, die zwischen privat beziehungsweise gewerblich und behördlich differenziert. Bei den Jagdpächtern, Jägern, Vereinen zur Tierrettung und Rehkitzrettung handelt es sich weder um eine Behörde, noch um eine Organisation mit Sicherheitsaufgaben (Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst). Somit kämen auch nicht die im §21a (2) Luftverkehrs-Ordnung für den Einsatz unbemannter Luftfahrtgeräte festgelegten Ausnahme zur Anwendung, sondern wie für alle privaten und gewerblichen Anwender die in §21a (1) veröffentlichten Voraussetzungen, Verbote und Einschränkungen.

Potthast: „Natürlich soll damit der Tierrettung kein Einhalt geboten werden. Sie ist auch weiterhin möglich, nötig und begrüßenswert – sofern die rechtlichen Bedingungen eingehalten werden.“ Das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz stellt fest: „Die Drohnensuche ist dem Absuchen zu Fuß deutlich überlegen, da die Kitze sicher gefunden und nicht eventuell überlaufen werden können und die Flächenleistung der Drohne deutlich größer ist.“ Der Landesverband Niedersachsen des BUND sieht es ebenso: „Aus Tierschutzgründen ist so eine Vorgehensweise mit Drohnen natürlich zu begrüßen.“ Neben den Rehkitzen seien auch Wiesenvögel, die im hohen Gras brüten, von den Gefahren der Mäharbeiten betroffen.

Erste Versuche, die Gelege mit Drohnen zu finden, wurden laut Potthast bereits von der Bezirksstelle Uelzen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen gemeinsam mit dem Agrar Dienst Uelzen durchgeführt. Potthast zieht daher ein durchweg positives Fazit: „Der Einsatz von Drohnen zur Tierrettung mit dem Ziel des Natur- und Tierschutzes ist sinnvoll und zeitgemäß!” Ein Informationsblatt mit Hinweisen zu den erforderlichen Genehmigungen und Bescheinigungen kann man auf seiner Homepage (www.frankpotthast.de) finden.

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