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In Höxter werden Physio- und Ergotherapeuten ausgebildet – Stellungnahme des Landes zum Schulgeld

Schulalltag meistern trotz Corona

Höxter (WB). Die Entwicklung ist dramatisch: Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der Auszubildenden in den Bereichen Physiotherapie (PT) und Ergotherapie (ET) in den letzten Jahren erheblich reduziert. Doch Einrichtungen wie die „Medischulen“ in Höxter setzen ein Zeichen – gegen den Abwärtstrend.

Harald Iding

Die angehenden Physiotherapeuten der „Medischulen“ (Standort Höxter) bereiten sich aktuell auf ihr Examen vor. Foto: Harald Iding

Waren es 2008 bundesweit noch 13.342 ET-Azubis, ist die Zahl innerhalb von zehn Jahren um fast 3500 gefallen. Auch bei den Physiotherapeuten sank die Zahl deutlich – von 25.087 auf 21.220. Dabei ist der Bedarf an diesen Fachkräften in Kliniken, Krankenhäusern, Praxen und Gesundheitszentren enorm gestiegen.

Die staatlich anerkannte Schule für Physiotherapie in Höxter (seit 2014 „Medischulen“, Standort Höxter) ist laut Bezirksregierung neben den Schulen für Gesundheitsfachberufe in Bad Lippspringe, Bad Oeynhausen, Bielefeld, Detmold und Minden die einzige Einrichtung ihrer Art im Höxteraner Kreisgebiet – und blickt als Kooperationspartner zum Beispiel der Weserberglandklinik auf eine mehr als 35-jährige Erfolgsgeschichte zurück.

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie in diesen Wochen den Ablauf des Schullebens und konnte der Absturz der Ausbildungszahl abgeschwächt werden? Schulleiter Andreas Schwan stellte im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT fest, dass in den letzten Jahren vor allem das verbindliche Schulgeld ein „Hürde“ war.

Schulgeld als „Hürde“

Während im Nachbarbundesland Niedersachsen die Azubis kein Schulgeld aufbringen müssen und die Beiträge vom Land übernommen werden, geht NRW einen anderen Weg – und fördert seit Ende des vergangenen Jahres inzwischen 70 Prozent. Vorher mussten die Schüler die kompletten Kosten übernehmen.

Die aktuell 90 Schüler in Höxter (22 angehende Ergotherapeuten und 68 Physiotherapeuten), die von fünf festangestellten Lehrern sowie 15 Honorardozenten unterrichtet werden, müssen in der privaten Schule (seit Ende 2019) pro Monat 103,50 Euro als Zuschuss aufbringen – die Landesförderung ist bereits abgezogen. Allerdings: Eine Ausbildungsvergütung, die in manchen staatlichen Einrichtungen gezahlt wird, gibt es nicht.

Der Start in diesen Beruf ist also alles andere als leicht. Viele haben aber ein klares Ziel vor Augen und sind mit Leidenschaft dabei. „Bei den meisten von uns finanzieren die Eltern die Ausbildung. Dafür sind wir auch sehr dankbar. Wir haben einfach das Interesse, Menschen zu helfen. Gemeinsam mit ihnen kleine Schritte in der Rehabilitation zu erreichen – das spornt uns an. Durch bestimmte Techniken kann man ihnen oft den Schmerz nehmen“, so Schülerin Pia. Und ihre Kollegin, die 21-jährige Schülerin Abby aus Bad Driburg, ergänzt: „Nach den drei Jahren stehen wir nun alle vor den Prüfungen. Ich möchte gerne direkt danach mein Fachwissen einbringen und habe schon eine feste Stelle in einer Rehaklinik in Aussicht.“ Ihr Beruf würde leider oft nicht richtig wertgeschätzt – obwohl der Nachwuchs doch so viel Zeit und Geld dafür investiere.

Anspruchsvolle Ausbildung dauert drei Jahre

Abby: „Dabei ist unsere Ausbildung anspruchsvoll und vielseitig!“ Manche Bürger würden den Beruf des Physiotherapeuten mit der Arbeit eines Masseurs verwechseln, der heute kaum noch gefragt sei als zweijähriger Ausbildungsberuf (Masseur und med. Bademeister). Alle ET- und PT-Nachwuchskräfte der Schule, die jetzt in die Prüfungen gehen, hätten schon eine Zusicherung von zukünftigen Arbeitgebern erhalten – wenn sie die Prüfungen bestehen (im Oberkurs gehen jetzt 21 Schüler ins Examen). Ihre hohe Qualifikation bleibt gefragt.

Schulleiter Andreas Schwan freut sich, dass die 16 Kooperationspartner im Umkreis von rund 50 Kilometern (Kliniken, Krankenhäuser, Praxen) die Höxteraner Schule so stark unterstützen.

16 Kooperationspartner

In den Einrichtungen gibt es Mentoren, sie sich um die Schüler kümmern und ihnen in der Praxis zur Seite stehen. Elmar Wiesemann vom „Ego Vital“ aus Steinheim hat der Schule erst kürzlich mit einer Sachspende unter die Arme gegriffen – in Form von Arbeitstischen für den Ergotherapie-Bereich und eines Regalsystems für die Mehrzweckhalle. „Der Zusammenhalt ist großartig, gerade in der Corona-Pandemie“, lobt Schwan. Weil der theoretische Unterricht über mehr als acht Wochen im „Shutdown“ nicht möglich war, habe man den Schwerpunkt auf die Praxiseinheiten verlegt. Der Hörsaal (Platz für 60 Schüler) steht leer.

„Wir sind eine gemeinnützige, private Schule. Uns trifft Corona natürlich sehr. Wir hatten enorme Einschränkungen und konnten zeitweise nur Online-Unterricht erteilen. Es ist aber eine schulische Ausbildung mit einem sehr hohen praktischen Anteil. Wir mussten unsere Drei-Jahres-Planung daher komplett umstellen – und den praktischen Teil einfach nach hinten schieben. Wir haben dafür einfach mehr Theorieanteil vorweg genommen.“

Die Altersspanne der Schüler reiche von 18 bis Mitte 40. Es gibt auch Arbeitnehmer, die aus der Bürosparte kommend in diesen medizinischen Beruf aus Überzeugung wechseln. Es sei aber eine Vollzeitausbildung. Am Ende lockt das staatliche Examen und eine echte berufliche Perspektive.

Stellungnahme des Landes NRW zum Schulgeld

Auf Anfrage des WESTFALEN-BLATTES gibt es eine Stellungnahme des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen zum Schulgeld. Sprecher Axel Birkenkämper sagte gestern: „Das Land NRW hat im September 2018 als erstes Bundesland den Einstieg in die Schulgeldfreiheit gestaltet. Minister Laumann hatte deutlich gemacht, dass er sich auch weiter dafür einsetzt, dass die Ausbildungen – wie im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbart – gänzlich vom Schulgeld befreit werden. Seit September 2018 fördert das Land NRW 70 Prozent der anfallenden Schul­kosten für jeden Schüler. Hierfür sind im Landeshaushalt alleine für das Jahr 2020 rund 26 Millionen Euro vorgesehen.“

Gleichzeitig sei das Land NRW gemeinsam mit dem Bund und den anderen Ländern bestrebt, ein bundeseinheitliches Verfahren zur Schulgeldfreiheit in den Gesundheitsfachberufen zu schaffen. Das Bundesministerium für Gesundheit soll nun gebeten werden, den Ländern einen Vorschlag für die Finanzierung des Schulgeldes in den Gesundheitsfachberufen zuzuleiten.

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