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Glockenturm in Höxter: Rudolf Lohmann übergibt an Florian Schachner

Spieler-Wechsel nach 59 Jahren

Höxter (WB). 59 Jahre lang hat Rudolf Lohmann zu besonderen Anlässen das Glockenspiel im Rathausturm gespielt. Jetzt hat der 88-Jährige dieses Ehrenamt in jüngere Hände gelegt. Sein Nachfolger ist der evangelische Kreiskantor Florian Schachner (33).

Marius Thöne

Das Glockenspiel ist 1,6 Tonnen schwer und wurde vor 60 Jahren auf Initiative des damaligen Justizoberinspektors Josef Michels in den Höxteraner Rathausturm eingebaut. Foto: Harald Iding

»Ich weiß gar nicht, wo die Jahrzehnte geblieben sind«, sagte Lohmann, nachdem er am Nachmittag ein letztes Mal in die Tasten des Spieltisches gegriffen hatte. Er kann sich noch gut an den 1. Mai 1959 erinnern. »Mehr als 4000 Menschen waren zur Einweihung des neuen Glockenspiels zum Rathaus gekommen, und ich stand mittendrin«, erzählte der rüstige Pensionär, der bis zu seiner Pensionierung 1995 48 Jahre lang bei der Stadt Höxter gearbeitet hat, zuletzt als Hauptamtsleiter.

Kosten lagen damals bei 34.000 Mark

Das 1,6 Tonnen schwere Glockenspiel wurde auf Initiative des Höxteraner Justizoberinspektors Josef Michels in den Rathausturm eingebaut. Drei Jahre dauerte es, bis Michels die Anschaffungs- und Installationskosten in Höhe von 34.000 Mark zusammen gesammelt hatte. Sie wurden fast gänzlich von der Bürgerschaft, Verbänden und Vereinen aufgebracht. Und schon bald nach dem Einbau war eine größere Reparatur nötig: »Man hatte vergessen, zum Schutz vor Tauben ein Netz in den Turm zu spannen«, erzählte Lohmann. Die Tiere hatten durch ihren Kot das Glockenspiel so verdreckt, dass es ausgebaut werden und die gesamte Technik gereinigt werden musste.

Das Glockenspiel soll an Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) erinnern. Der Dichter der deutschen Nationalhymne hat seine letzten Lebensjahre als Bibliothekar in Corvey verbracht und liegt auch dort begraben. Das Glockenspiel ist fünfmal täglich zu hören. Die Liedfolge ist seit 1959 nicht verändert worden. Auf speziellen Bändern sind die Lieder gespeichert. Im Winter- und im Sommerhalbjahr gibt es unterschiedliche Melodien. Die meisten zu hörenden Volkslieder stammen aus Hoffmanns Feder.

Die Höxteraner haben sich an ihr Glockenspiel gewöhnt, werden aber doch hellhörig, wenn es außer der Reihe manuell gespielt wird. So wie gestern, als Rudolf Lohmann seinen Abschied nahm. »Ich habe oft zu Empfängen gespielt«, berichtete er. Wenn beispielsweise Delegationen aus den Partnerstädten Corbie (Frankreich) oder Sudbury (Großbritannien) in Höxter zu Gast waren, war es seine Aufgabe, die jeweilige Nationalhymne auf dem Glockenspiel zu intonieren.

Das Glockenspiel lässt sich über eine Klaviatur bedienen. Der Spieltisch, der hoch oben im Rathausturm steht, erinnert ein bisschen an den einer Orgel. Wird eine Taste angeschlagen, wird ein elektronisches Signal an eine der 35 Glocken übertragen und sie schlägt. »Man muss sich beim Spielen ein bisschen an die Glocken anpassen, die oberen sind sehr leise, die unteren sehr laut«, gab Lohmann auch noch einen Kniff an seinen Nachfolger weiter.

»Kleine Konzerte« möglich

Florian Schachner intoniert zuerst den Hoffmann-Klassiker »Alle Vögel sind schon da«. Er möchte das Glockenspiel wieder mehr ins Bewusstsein rücken und kleine Konzerte geben, beispielsweise zum Schützenfest, zu Huxori oder zu Marktzeiten. Auch eine Kooperation bei kirchenmusikalischen Veranstaltungen in der Kiliani-Kirche schwebt Schachner vor.

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