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Bald kaum noch Neubauten in Höxter und Dörfern? Debatte um Regionalplanzahl von 15 oder 30 Wohneinheiten

Tretminen im Kleingedruckten

Höxter

Oft stecken die Tretminen im Kleingedruckten. Dürfen in Höxter und seinen zwölf Dörfern bald nur noch 30 neue Wohnungen oder Häuser pro Jahr gebaut werden? Alarm bei den Ratsparteien!

Michael Robrecht

Ist das Neubaugebiet in Ovenhausen das letzte seiner Art in Höxter und den zwölf Ortschaften? Im Regionalplan will die Mehrheit der Parteien eine Begrenzung auf 15 oder 30 neue Wohneinheiten nicht akzeptieren. Foto: Michael Robrecht

Der Regionalplan Ostwestfalen-Lippe ist ein dickes Zukunftsbuch mit vielen Regelungen, die die kommunale Planung für die nächsten Jahre massiv und nachhaltig beeinflusst. Grundsätzlich fand die Stellungnahme der Stadt zum Regionalplan OWL mit Anmerkungen zum Welterbe Corvey, zu Freiraumplanung, Naturschutz am Godelheimer See oder am Lüchtringer Weserbogen sowie zu Radverkehr, ÖPNV und Energieversorgung die Zustimmung des als „kleinem Rat“ in Corona-Zeiten tagenden Haupt- und Finanzausschusses. Als es jedoch um den Bedarf an Wohnbauflächen im nächsten Jahrzehnt ging, da schieden sich die Geister.

So mancher fühlte sich an die jüngste Debatte um den Feldzug der Grünen gegen den Bau weiterer Einfamilienhäuser erinnert. Im Passus der Stellungnahme der Stadtverwaltung zum Neubauen heißt es: Für die Gesamtstadt, das heiße für die Kernstadt und die zwölf Ortschaften zusammen, gebe es nur noch eine durchschnittliche Marge von jährlich rund 15 Wohneinheiten in Neubaugebieten. Diese Größenordnung reiche vor dem Hintergrund des Baugeschehens in Höxter bei Weitem nicht aus. Hier solle deshalb mindestens die doppelte Anzahl entsprechend dem vollen Ersatzbedarf in Anrechnung gebracht werden, so die Stadt. Nur noch 30 neue Wohnungen oder Häuser pro Jahr in Höxter und 12 Ortschaften?

In der Altstadt gibt es viele sanierungsreife Häuser, wie hier in der Wegetalstraße in Höxter. Foto: Michael Robrecht

Georg Heiseke (UWG) schüttelte den Kopf. 15 oder 30, das sei doch viel zu wenig. 60 Wohneinheiten müssten es schon sein. Es würde bei solchen Zahlen überhaupt nicht berücksichtigt, welche Entwicklung – auch durch die Corona-Pandemie – der ländliche Raum noch nehmen könne. Nicht Wegzug, sondern Zuzug sei das plötzlich das Thema. Homeoffice, Rückkehrer, Zuwanderung aus Ballungsräumen wegen der hohen Preise – das alles bedeute mehr Bedarf an Neubauten.

BfH-Ratsherr Ralf Dohmann verwies auf die große Nachfrage nach Wohnraum allein in der Kernstadt Höxter. Junge Familien suchten sehr oft Wohnungen. Ins Auge fassen müsse man aber auch alte Dorfkerne.

Volker Bertram (Grüne) war auf Öko-Parteilinie, wenn auch nicht ganz so streng wie anderswo: Möglichst wenig neue Flächenversiegelung, so sein Credo. Die Bevölkerung im Kreis und in Höxter werde um 16 Prozent sinken. Er sei gegen eine weitere Zersiedlung. Statt neu zu bauen müssten die Leerstände angegangen werden. Da müsse Wohnraum geschaffen werden. Es gelte, dass Dörfer unter 2000 Einwohnern keine Neubaugebiete mehr bekommen dürften.

Edison Buch (CDU) lehnte ein Festschreiben auf 15 oder 30 neue Wohneinheiten pro Jahr ab. Die Nachfrage nach Bauland gerade in der Kernstadt Höxter sei doch groß. Viele Familien und junge Leute bekämen zurzeit keine Grundstücke und keine neueren Häuser zu kaufen. Höxter schlafe bei dem Thema, in Brakel werde dagegen großflächig gebaut: “Die laufen uns, wie andere Städte, den Rang ab. Da ziehen die Leute hin.“

Günter Wittmann (SPD) sieht den Verwaltungsvorschlag auf nur 30 neue Wohneinheiten pro Jahr als Minimum an. Bei den Neubauflächen müsse drauf gelegt werden. Da sehe er sich eher bei den 60 der UWG. In den Dörfern würden Gebäude veröden, da müsse bei der alten Bausubstanz mehr passieren. Martin Kreuzer (FDP) meinte, dass die Regionalplanung nicht in Stein gemeißelt sei. Nach fünf Jahre würde das überarbeitet. Man müsse die Coronazeit-Auswirkungen und die Demografie, mit viel mehr Zuzügen, einkalkulieren.

Ein Kommentar von Michael Robrecht

Viele Grüne und genau so viele Planer in den Behörden haben einen neuen Feind: Einfamilien-Häuser und Neubauten! Auch die Macher des Regionalplanes müssen ein gestörtes Verhältnis zur Lebenswirklichkeit im ländlichen Raum haben. Sonst hätten sie für Höxter und alle Orte nicht die irrwitzige Zahl von mickrigen 15 oder 30 neuen Wohneinheiten pro Jahr in den Plantext – die „Bibel“ für Wohn- und Städtebau – hineingeschrieben.

Flächennutzungs- und Bebauungspläne regeln, was wo und wie aus dem Boden wachsen darf. Wenn wir jungen Familien – und auch anderen Bauwilligen – knallhart die Möglichkeit nehmen, sich in unseren schönen Ortschaften und in und am Rande der Kernstadt Höxter in neuen, selbst gestalteten Gebäuden nieder zu lassen, dann berauben wir uns der Chance, mehr Rückkehrer und mehr In-der-Heimat-Bleiber für die Region zu begeistern. Natürlich muss auch der Umbau der Dorfkerne und der Altstadt durch eine Förderoffensive wie Mitte der 1980er Jahre unterstützt werden. Aber Neubau und Sanierung – auch am Ortsrand – sind gleich wichtig.

Die Sehnsucht junger Mittelstandsfamilien nach den eigenen neuen vier Wänden ist ungebrochen. Ist das ein Verbrechen? Das eigene Haus und der Zweitwagen gehören zu den Wohlstandsattributen. Die Pandemie wird das verstärken. Und: Der Bevölkerungsschwund wird im Kreis nicht so krass wie prognostiziert. Der Altgebäude-Umbau ist auch nur eine, aber nicht die allein selig machende Alternative. Eine politische Mehrheit für einen Quasi-Neubau-Stopp gibt es zum Glück in Höxter nicht. Man muss die Menschen nicht überall erziehen wollen! Es gibt wirklich kreativeren Natur- und Klimaschutz als den reinen plakativen Verzicht auf Wohneinheiten.

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