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Beratungsstelle „donum vitae“ in Höxter: Leiterin Christina Irgang zieht nach 20 Jahren Bilanz

„Unsere Arbeit hat sich sehr verändert“

Höxter (WB). Der Ausstieg der katholischen Kirche aus der staatlichen Schwangerenberatung 1999 löste heftige Diskussionen aus. Die Gemüter haben sich inzwischen beruhigt. Und der Verein, den katholische Laien damals gründeten, „donum vitae“, ist mit einem Netz an Beratungsstellen und einem breiten Unterstützungsangebot etabliert.

Sabine Robrecht

Christina Irgang leitet als Frau der ersten Stunde seit 20 Jahren die Beratungsstelle von „donum vitae“. Neue Angebote wie die Elternlotsen und dem Väter-Crashkurs gehören zum Programm. Die Beratungszahlen sind stetig nach oben gegangen: Gab es 2001 435 Erstberatungen, waren es 2010 bereits 600 und im vergangen Jahr dann 930 Erstberatungen. Foto: Sabine Robrecht

Sprung ins kalte Wasser

Die Anfänge liegen zwei Jahrzehnte Jahre zurück. Christina Irgang, Leiterin der Beratungsstelle von „donum vitae“ für den Kreis Höxter, erinnert sich lebhaft an diese Zeit. Sie war dabei und schon leitend tätig, als die Anlaufstelle am Berliner Platz in Höxter vor genau 20 Jahren den Trägerwechsel vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) zum Verein „donum vitae“ vollzog. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sich die erfahrene Sozialpädagogin. „Der Verein war neu, es war nicht klar, ob es ihn zwei Jahre später noch geben würde. Wir wollten die Frauen und Paare in Konfliktsituationen aber nicht allein lassen, wir wollten weiter Ansprechpartner sein. Das war schon eine besondere Situation, wir haben einfach von einem Tag auf den anderen ein anderes Schild heraus gehängt. Die Personen blieben gleich, die Räumlichkeiten ebenfalls.“

Am Berliner Platz in Höxter hat die Beratungsstelle seit jeher ihren Sitz. Foto: Sabine Robrecht

Geschenk des Lebens

„donum vitae“ heißt übersetzt „Geschenk des Lebens“. Diesem Grundverständnis entsprechend zeigt Christina Irgang, einzige Frau der ersten Stunde und seit insgesamt 34 Jahren im Job, ebenso wie ihr Team den Ratsuchenden im Schwangerschaftskonflikt einfühlsam und zuversichtlich Perspektiven für ein Leben mit Kind auf. „Selbst wenn wir nur ein einziges Leben retten würden, wäre es alle Mühe wert“, betont Christina Irgang. Natürlich ist der Prozentsatz derer, die nach der Konfliktberatung vom Schwangerschaftsabbruch Abstand nehmen, wesentlich höher.

Das christliche Menschenbild ist Grundlage aller Unterstützung. „Die Würde eines jeden menschlichen Lebens, unabhängig vom Entwicklungsstadium, einer Krankheit oder Behinderung, ist die Ausgangslage einer jeden Beratung.“ Während sich die Arbeit vor 20 Jahren noch auf die Hauptfelder Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung konzentrierte, spielte die Prävention mit der Zeit eine immer größere Rolle. „Unsere Arbeit hat sich sehr verändert. 2005 hat uns der Zonta Club Höxter den Kauf von acht Babysimulatoren möglich gemacht. Mit diesen Babysimulatoren und einem Konzept haben wir Workshops über drei Tage vorwiegend in Förderschulen, Hauptschulen und Realschulen angeboten. Dieses Projekt hat uns im Kreis und auch darüber hinaus sehr bekannt gemacht. Es kam die bundesweite Onlinearbeit hinzu, die sich mittlerweile sehr gut etabliert hat. Gerade jetzt zu Zeiten von Corona wird sie noch mehr in Anspruch genommen. Im Schnitt hat das Onlineteam jährlich 1500 Erstberatungen. Hinzu kommen Folgeberatungen, da sich User durchaus wiederholt an uns wenden“, bilanziert Christina Irgang.

Starke Präventivarbeit

Die präventiven Angebote haben sie und ihr Team sehr stark ausgeweitet. „Wir sind im ganzen Kreis Höxter in alle Schulformen tätig, auch in der Werkstatt am Grünenberg. Zeitweise haben wir weit mehr als einhundert Workshops im Jahr angeboten. Die Arbeit mit den Babysimulatoren haben wir 2015 eingestellt, sie waren in die Jahre gekommen und hätten erneuert werden müssen.“ Außerdem tat sich, so die erfahrene Beraterin, „eine neue Tür auf“: In Zusammenarbeit mit den „Frühen Hilfen“ des Kreises Höxter und dem St.-Ansgar-Krankenhaus besucht das „donum vitae“-Team junge Eltern auf der Entbindungsstation der Klinik in Höxter. Als „Elternlotsen“ informieren und beraten sie über Hilfsstrukturen, rechtliche Themen angefangen vom Elterngeldantrag und den Alltag mit Kind. „Bis zum dritten Lebensjahr eines Kindes sind wir für die Familien da“, signalisiert Christina Irgang.

Crashkurse für Väter

Infos in Kürze

Das Hilfespektrum der Beratungsstelle „Donum vitae“ ist groß. Auch in Corona-Zeiten berät, begleitet und unterstützt das Team Ratsuchende. In Höxter, Brakel und Warburg werden Sprechstunden angeboten. Zu erreichen ist die Beratungsstelle unter 05271/1070 oder per E-Mail: hoexter@donumvitae.org.

Vor den regelmäßigen Kreißsaalführungen im Krankenhaus stellen sich die Elternlotsen von „donum vitae“ den (dann noch) werdenden Eltern ebenfalls vor. Und sie machen speziell den Männern ein neues Angebot: Der Crashkurs „Vater werden“, geleitet von den Gynäkologen Dr. Josef Molitor und Dr. Dirk Schulze, findet mehr Anklang als Christina Irgang es anfangs vermutet hätte. Das freut die Leiterin der Beratungsstelle natürlich sehr. Genau so freut sie sich, dass sie nach dem Abschied von Uwe Börner wieder einen Mann im Team hat: Roman Höritzsch komplettiert die Berater-Crew mit Christian Irgang, Heike Mertens und Annetta Listis. Martina Wilde und Dagmar Marhofen kümmern sich um die Verwaltung.

Dank für Unterstützung

Wenn die Leiterin einen Wunsch frei hätte, dann wäre es eine 100-prozentige Förderung der Beratungsstelle durch das Land. Derzeit sind es 80 Prozent. „Die anderen 20 müssen wir selbst aufbringen. Das ist immer ein Kraftakt, weil wir kein anderes Standbein haben. Es steht kein großer Verband hinter uns.“ Umsomehr dankt Christina Irgang dem Kreis Höxter, der mit einem Zuschuss hilft, und den Organisationen, Geschäftsleuten, Serviceclubs, Firmen, Arbeitskreisen und privaten Spendern für ihre verlässliche Unterstützung.

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