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Dass hierzulande Kaninchen leben, dafür hat Abt Wibald im Mittelalter gesorgt - Tiere Geschenke aus Südfrankreich

Wildkaninchen haben Deutschland von Corvey aus besiedelt

Höxter/Corvey (WB). Das Welterbe Corvey ist wissenschaftlich erforscht – bis fast ins letzte Detail. Manchmal kommen aber noch interessante Geschichten ans Licht, die kaum jemand kennt. So verbreitet die Nachrichtenagentur dpa in diesen Tagen im Zusammenhang mit der sinkenden Wildkaninchen-Population bundesweit, dass in Deutschland erst seit Mitte des 12. Jahrhunderts Kaninchen leben und Abt Wibald von Corvey die Tiere zur Stauferzeit ins Land geholt habe.

Michael Robrecht

Dass in der Mitte Europas Wildkaninchen leben, das ist wohl auf Abt Wibald im Mittelalter zurück zu führen. Der bedeutende Corveyer Abt hat zwei Kaninchenpaare aus Südfrankreich kommen lassen. Vielleicht leben die Nachkommen heute noch hier. Foto: dpa

Der im damaligen Reich mächtige Corveyer Abt, nach dem in Höxter in der Siedlung eine Straße benannt ist, soll der „Vater“ der niedlichen Langohren auf dem Festland in Mitteleuropa sein? Die Geschichte stimmt! Andrea Krug, Artenschutzexpertin der BUND-Umweltexpertin klärt auf: „Wildkaninchen sind hierzulande eigentlich gar nicht heimisch. Ursprünglich waren sie nach Angaben der Landesjägerschaft auf der iberischen Halbinsel und in Teilen Nordafrikas verbreitet. In Deutschland wurden die Kaninchen erst 1149 urkundlich erwähnt, als zwei Paare von Abt Gerald aus dem Kloster St. Peter Solignac in Südfrankreich ins Kloster Corvey gebracht wurden.“ Dort lebten die Tiere im Klosterbezirk in Gehegen. Später entwischten sie oder sie wurden ausgesetzt.

Die Vierbeiner vermehrten sich in den Jahrhunderten danach in Mittel- und Osteuropa wie „die Karnickel“. Das führte zur Etablierung von lokal frei lebenden Populationen, die auch bejagt wurden und als Delikatessen auf dem Tisch landeten – zuerst in der Reichsabtei Corvey bei Abt Wibald von Stablo (1098-1159), später an Adelshöfen, bei Bürgern in Städten und in vielen Klöstern.

Kaninchen galten seit den Zeiten von Wibald als beliebtes Jagdobjekt und dank der bequemen Haltung, und der enormen Vermehrungsrate dienten sie als Frischfleischvorrat. Da Kaninchen als Fastenspeise erlaubt waren, wurde sie oft in Klöstern gehalten.

Josef Kowalski, Kirchenvorstand und Gästeführer in Corvey, kennt den Zusammenhang von Abt Wibald von Stablo und der Ansied- lung von Kaninchen in Corvey und damit in Mitteleuropa nicht. Das sei eine interessante Ergänzung zu den vielen bedeutenden Fakten rund um das Kloster. „Wibald war nicht nur Abt in Corvey und Monte Cassino, er war auch ständig als Gesandter in Diensten der Kaiser Lothar III. und Konrad III.. Wibald gilt als einer der einflussreichsten Äbte von Corvey“, schildert Kowalski. Der Umbau von der Dreiturm zur Zweiturmkirche sei mit Wibald verbunden. Er wolle zur Kaninchengeschichte gerne weitere Nachforschungen anstellen.

In Deutschland zählen Kaninchen noch heute zum jagdbaren Wild. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es Jahre mit Wildkaninchenplagen. Der Landesjagdverband NRW ordnet das Kaninchen so ein: „Die hohe Vermehrungsrate und das große pflanzliche Nahrungsspektrum führten zu hohen Schäden und machten sie oft zu einem erbarmungslosen Plagegeist. Die Jahresstrecke der Wildkaninchen hat in den vergangenen zehn Jahren in NRW um 77 Prozent abgenommen. Gründe: Das Auftreten der Myxomatose schwächte vorübergehend die Besätze, aber die Populationen erholen sich relativ schnell.“

Es gibt übrigens Hinweise, dass 1235 die ersten Kaninchen in Großbritannien ausgesetzt worden sein sollen. Zeitgleich sind sie 1231 auf der Nordseeinsel Amrum aktenkundig geworden.

Buch über Corveyer Äbte

Monsignore Andreas Kurte, „Die Äbte, Fürstäbte und Fürstbischöfe von Corvey“, ISBN, 978-3-89710-727-4, Bonifatius Verlag

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