Corona-Auflagen und kein Ende: Wie die Gastwirtsfamilie Brand mit ihrem Köterberg-Haus überleben will

„Wir sind noch nicht über den Berg“

Höxter/Köterberg

Auch das Gasthaus auf dem 500 Meter hohen Köterberg ist wegen der Corona-Pandemie seit Monaten geschlossen. Nur der kleine Kiosk ist geöffnet. Viele Biker kommen.

Michael Robrecht

Und nun? Wie geht es weiter auf dem Köterberg? Seit den 1930er Jahren betreibt Familie Brand das Köterberghaus als Restaurant mit Kiosk: Rudolf Brand (86), seine Frau Ilona (58) und sein Sohn Florian (38) wollen auf jeden Fall weitermachen. Foto: Michael Robrecht

Kalte Windböen, Graupel- und Schneeschauer, dunkle Wolken, zwei Autos, drei Wanderer und ein Motorradfahrer: Die Szene an diesem April-Spätnachmittag auf dem Köterberg hätte ein Regisseur für einen Film über die Auswirkungen der Corona-Pandemie in Gastronomie und Tourismus nicht besser inszenieren können. Fehlt nur noch der über die Straße wehende Reisigbüschel wie im Western „Spiel mir das Lied vom Tod“. Doch Endzeitstimmung gibt es auf dem Drei-Kreise-Gipfel Höxter-Holzminden-Lippe zum Glück nicht: Perfekt, wie eine Anweisung im Drehbuch, schaut die Sonne plötzlich hinter den Wolken hervor, blauer Himmel erscheint und auch die Gesichter der Köterberg-Gastronomie-Familie Brand hellen sich auf. „Das sind seit einem Jahr sehr schwere Zeiten für uns hier auf dem Gipfel. Viele Wochen durften nur wenige Gäste zu uns auf den Berg kommen. Zuletzt war die Straßenauffahrt wochenlang unten im Dorf sogar komplett abgeriegelt. Jetzt hoffen wir auf ein paar Lockerungen und realen Perspektiven für uns Wirte“, sagt Florian Brand zur eigentlich jetzt anstehenden Frühjahrs-Saisoneröffnung.

Leben vom Kiosk

Verdient habe man seit März 2020 nur recht wenig. Nur der Kiosk dürfe betrieben werden, das Restaurant mit 200 Plätzen im Berghaus sei verwaist; nach Speisekarte zubereitet gibt es zurzeit nichts. Die treuesten Gäste auf dem „Brocken des Weserberglandes“ seien die Wanderer, die Biker und die Menschen aus den umliegenden Orten. „Hier kocht der Chef“, lacht Florian Brand (38), als er aus dem Kioskfenster auf den leeren Parkplatz schaut. Doch außer Imbissware wie Getränke, Würstchen, Schokoriegel oder Apfelkuchen serviert der „Chef“ in diesen Tagen nur recht wenig. Und wenn er erzählt, dass er sich 2020 und auch 2021 keinen Cent Gehalt habe überweisen können und der Rest der Familie in Kurzarbeit feststecke, dann schaut Brand etwas wehmütig zu seinem rüstigen Vater Rudolf Brand (86) hinüber, der von glorreichen Zeiten auf dem 500 Meter hohen Berg berichten kann.

Da das Köterberg-Haus neben dem 100 Meter hohen Fernmelde- und Sende-Turm, 1929 gebaut im Stil einer achteckigen Riesengebirgs-Baude, Familiensitz in dritter Generation sei, müsse man in diesem Corona-Pandemie-Zeiten die Zähne zusammenbeißen und sparen. Nicht in Urlaub fahren und beruflich abwarten, das sei 2021 angesagt, meint Seniorwirt Rudi Brand, den im Weserbergland viele kennen. „Wir haben hier soviel Freizeit, dass ich das erste Mal in 27 Jahren die herrliche Natur, die Sonnenauf- und -untergänge, Naturereignisse wie Stürme und Schnee, die Fernsicht und den Verlauf der Jahreszeiten intensiv hier auf dem Gipfel miterlebt habe“, schildert Ilona Brand (58) ihre unfreiwillige Auszeiterfahrung.

Die Motorradfahrer-Szene nutzt neben der Tonenburg den Köterberg als wichtigen Anlaufpunkt. Biker aus ganz Europa kommen hierher. Foto: Michael Robrecht

Wie überlebt man die Corona-Zwangspause mit dem Dauer-Lockdown, Betriebsschließungen und Straßenzufahrtssperren? „Wir schaffen das. Wir halten zusammen. Wir haben große Lust hier weiter zu wohnen und zu arbeiten. Aber über den Berg sind wir noch lange nicht, und große Sprünge kann man sich nicht erlauben“, sagen Rudi, Ilona und Florian Brand. Viele Kunden, besonders die Motorradfahrer, die zurzeit wieder auf den Parkplatz vor dem Haus kommen dürfen, hätten immer ein aufmunterndes Wort für die Gastwirtsfamilie. Viele geben am Kiosk ein Trinkgeld extra oder etliche hätten Mut-E-Mails und aufbauende SMS geschickt. „Das rührt uns sehr an“, sagen die Brands. So schreibt Winfried Rohde aus Pullach in Bayern, der aus Rolfzen stammt, dass er gerne demnächst bei den Brands wieder einkehren wolle und oft an den Köterberg denke. Als Motorradfahrer verbinde ihn sehr viel mit dem Berg.

Die vergangenen Monate waren hart

Keine Familienfeiern, kein Osterfeuer, keine Weihnachtstreffen und kein Rotary-Abend: Die vergangenen Monate waren hart, und werden es bleiben. Und auch für dieses Frühjahr ist auch nur eine Hochzeit gebucht – aber outdoor auf der Wiese neben Köterberghaus und Sendeturm. Man freue sich über jeden Gast, meint Florian Brand. An die treuen Kunden hat Familie Brand jetzt E-Mails und Briefe mit Flyern verschickt: Motto: „Wir leben noch!“

Besonders skurril sei es während der „Verkehrs-Quarantäne“ in diesem Winter gewesen, wo die Polizei häufig zu Kontrollen auf den Gipfel gefahren sei. Auf dem NRW-Teil des Bergrückens habe man rodeln dürfen, auf dem niedersächsischen Wiesenbereich gab es „Knöllchen“, und im Kreis Lippe habe es an manchen Tagen wieder andere und ständig wechselnde Verhaltensregeln gegeben, durch die viele Besucher gar nicht mehr durchgestiegen seien.

Die berühmte Köterberg-Gulaschkanone aus Beständen der DDR-NVA werde hoffentlich bald wieder angefeuert. Zurzeit dürfe niemand an den hochstellten Tischen mit Fernblick sitzen. Rudi und Florian Brand setzt die Ungewissheit der nächsten Monate zu: „Gibt es Lockerungen im Mai oder Juni? Halten uns die Biker die Treue, wenn sie denn kommen dürfen? Oder müssen wir wieder lange mit dem Ordnungsamt um die Kiosk-Öffnung ringen?“, fragen sich die Wirtsleute. Florian Brand sagt, dass man von staatlichen Hilfen hier im Berghaus nicht viel habe. Die Familie müsse ans Gesparte gehen. Reparaturen mache man selbst, bei den Fixkosten werde gespart.

Treffpunkt an Pfingsten

„Hoffentlich dürfen Pfingsten ein paar Biker und Ausflügler auf den Berg kommen“, sagt Florian Brand. Froh sei die Familie, dass sie gesundheitlich bislang von dem Coronavirus verschont geblieben sei. Sie hätten viele Krankengeschichten von den Gästen gehört. Das Schicksal der Gastronomiefamilie Brand ist nur ein Beispiel für die unveränderte Existenzängste vieler Wirtsleute und Hoteliers im Weserbergland.

Viele Prominente besuchen den Köterberg: König, Prinz und Diktator

Was haben der verstorbene britische Königin-Gemahl Prinz Philip (der heute zu Grabe getragen wird), König Willem Alexander der Niederlande, Bundeskanzler Konrad Adenauer, Prinz Bernhard von Lippe-Biesterfeld (Vater von Königin Beatrix/Biesterfeld liegt unweit des Köterberges) und britische und amerikanische Generäle gemeinsam? Sie alle waren als Besucher auf dem 496 Meter hohen Köterberg – zumeist bei Militärübungen. Neben dem 1929 errichteten hölzernen achteckigen Köterberghaus stehen seit 1971 der mehr als 100 Meter hohe Fernmeldeturm sowie zwei weitere Sendemasten von Mobilfunkanbietern. Im Kalten Krieg betrieb das US-Militär auf dem Gipfel einen Sendeturm. Bei klarer Sicht kann man vom Berg sogar den Brocken im Harz ohne Fernglas sehen. Die Gebrüder Grimm nannten in ihren Deutschen Sagen, den Köterberg auch Götzenberg, weil die Götter der Heiden dort angebetet wurden.

Wenig bekannt ist, dass Nazi-Diktator Adolf Hitler während der Reichserntedankfeste in Bückeburg in den 1930er Jahren das Köterberghaus als Schlafstätte nutzte. Familie Brand berichtete, dass sich bis in die 80er Jahre besonders gerne britische Soldaten im und am blauen Bett in jenem Gästezimmer fotografieren ließen, in dem Hitler mehrfach geschlafen hatte. Auffällig viele Briten kannten diese Bett-Geschichte. Rudolf Brand hat das Holzbett irgendwann im Sperrmüll entsorgt. Die Engländer, besonders eine Hubschrauber-Staffel, luden Familie Brand als Dankeschön für häufige Bewirtung im Berghaus sogar zum Rhine-Army-Abschied nach Gütersloh ein.

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