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150 Jahre Bäcker Rieks in Nieheim – „Donutstag“ und Hochzeitstorten sind der Renner

Aus Liebe zum Backen

Nieheim

Anton-Ferdinand Rieks war 24 als er 1870 die Backstube mit Ladengeschäft in seiner Heimatstadt Nieheim eröffnete. Heute steht Ur-Urenkel Thomas Rieks Nacht für Nacht am heißen Ofen und sorgt dafür, dass die Nieheimer am Morgen mit leckeren Brötchen, gutem Brot und all den süßen Leckereien verwöhnt werden, die das Leben erst lebenswert machen. Ihm zur Seite steht seit einigen Jahren Ehefrau Anika.

Ralf Brakemeier

Am „Donutstag“ sind die Kunden von Bäcker Rieks immer ganz wild auf die neuesten Kreationen von Konditorin Anika Rieks (links). Jede Woche gibt es passend zur Jahreszeit sechs neue Sorten. Für kommenden Donnerstag ist unter anderem das Modell „Weihnachtsmarkt“ geplant. Foto: Ralf Brakemeier

Auch ihre Eltern helfen, wo sie können. Bis zu ihrem plötzlichen Tod innerhalb weniger Wochen, waren bis vor drei Jahren auch Thomas‘ Eltern und sein Bruder Teil des Familienbetriebes. „Unsere Familie, das sind aber auch unsere Mitarbeiter“, sagt Anika Rieks. Unter den Kollegen steht man zusammen, hilft sich, ohne Fragen zu stellen und feiert gemeinsam, wenn es etwas zu feiern gibt.

Auf bis zu 350 Arbeitsstunden pro Woche kommen die selbstständigen Handwerker, rechnet Anika Rieks vor und sagt: „Diesen Job muss man lieben, sonst geht es nicht.“ Und das tut das Bäckerehepaar. Da geht Anika direkt nach der Ankunft aus dem Kreuzfahrt-Urlaub auf der Aida nachts um 2 Uhr in die Backstube und tüftelt das eine oder andere neue Rezept aus. Als gelernte Köchin und Konditorin liebt sie es, in Sachen Gebäck und Süßigkeiten ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Heraus kommt dabei unter anderem der „Donutstag“ (Wortspiel aus dem Rundgebäck „Donut“ und Donnerstag). Jede Woche gibt es dann sechs immer wieder neue Donut-Variationen. Vergangene Woche standen Snickers, Bounty, Mon Chery und Co. Pate für die geschmackvollen Gebäck-Kreationen. „Jetzt vor Weihnachten wird es die Modelle ‚Weihnachtsmarkt‘ (mit Mandeln und kandiertem Apfel) oder ‚Schneeballschlacht‘ (mit Raffaello) geben“, verrät Anika Rieks schon einmal zumindest zwei ihrer Ideen.

Der Letzte

„150 Jahre, das ist schon etwas Besonderes“, findet nicht nur Thomas Rieks. Viele kleinere Bäckereien haben in den vergangenen Jahren schließen müssen. In Nieheim ist Rieks der letzte von früher einmal sechs heimischen Bäckern. Das hat der Traditionsbäcker ohne große Expansion geschafft. „Das wollen wir nicht“, sagt Anika Rieks, „wir wollen noch selbst in der Backstube und hinter der Ladentheke stehen und nicht nur delegieren.“ Rieks setzen voll auf Nieheim, auf die bunte Produktvielfalt, auf handwerkliche Qualität und darauf, als kleiner Betrieb auch spontan auf Anfragen reagieren zu können. Darüber hinaus kreiert Anika Rieks bis zu 140 große Hochzeitstorten im Jahr, sorgt bei vielen Feiern für das Catering. Auch das Bilster-Berg-Resort ist, neben unterschiedlichen Seniorenheimen, ein regelmäßiger Kunde der kleinen Bäckerei.

Nach der Lehre, unter anderem in Bielefeld, wollte die Himmighäuserin Anika Rieks eigentlich in die Schweiz gehen. Dann lernte sie ihren Thomas kennen und aus der Schweiz wurde Nieheim. „Das habe ich nie bereut“, beteuert sie. Sie sei von der ganzen Familie herzlich aufgenommen worden. Vor allem mit ihrem Schwiegervater Franz Junior hatte sie bis zu dessen Tod ein besonderes Verhältnis. „Bäcker Rieks ist weit über Nieheims Grenzen hinaus bekannt für seinen tollen Bienenstich. Als ich Franz nach dem Rezept fragte, sagte er: ‚Erst wenn Du den Thomas geheiratet hast‘“, erinnert sich die Konditorin lachend. Der wiederum hatte von 1996 bis 99 seine Lehre gemacht und absolvierte nach der Bundeswehrzeit 2003 seine Meisterschule. „Teig geknetet in der Backstube habe ich aber schon mit vier Jahren“, beschreibt Bäckermeister Thomas Rieks seinen Werdegang. Viele Jahre stand der passionierte Fußballer beim FC Nieheim im Tor und steht auch heute noch gerne in Nieheim oder anderswo im Kreis Höxter am Spielfeldrand. Alle vier Wochen wird gekegelt, früher war Rieks bei den Jungschützen aktiv, heute ist er bei den Altschützen. Ihre Familie komplettierte 2011 Sohn Max.

Bis zu 250 Kunden täglich

In den 1980er-Jahren reichten noch 45 Brötchen am Tag – die Leute aßen eine von drei Sorten Brot, auch zum Frühstück. Inzwischen fertigen Thomas Rieks und seine Mitarbeiter das Hundertfache an Brötchen pro Tag, die auf unterschiedlichen Touren auch bis an die Haustür gebracht werden. Zehn bis 15 Sorten Brot und bis zu 30 Sorten Brötchen werden täglich gebacken und angeboten. Am „Donutstag“ verlassen alleine 600 der gelöcherten Rundgebäcke die Backstube – „und am Nachmittag müssen wir dann noch nachbacken“, freut sich Anika Rieks über den Erfolg ihrer Idee. Dennoch setzt man bei Rieks auf Qualität statt Quantität, backt und verkauft weiter in den Räumlichkeiten, die Vater Franz Rieks schon in den 1970er-Jahren entsprechend umgebaut hatte. 17 Personen, von der Vollzeitkraft bis zu 450-Euro-Stelle umfasst das Team, das sich eher als Bäckerfamilie sieht. „Am Sonntag haben wir allen Mitarbeitern ein Nikolausgeschenk nach Hause gebracht“, so Anika Rieks, die gemeinsam mit ihrem Mann auch sonntags – wenn die Mitarbeiter in der Regel frei haben – in der Backstube und im Laden steht. „Das steht man nur durch, weil wir unsere Arbeit mit Liebe machen“, sagt Thomas Rieks. Zur Freude der bis zu 250 Kunden, die täglich in die Bäckerei kommen und zumeist mit Namen begrüßt werden. In Corona-Zeiten hat sich der Andrang eher noch vergrößert, da die Kunden nicht mehr auswärts Brunchen gehen können und viele Freizeitaktivitäten ausfallen müssen.

Leidenschaft

Brot und Brötchen bleiben die Leidenschaft von Thomas Rieks, so wie es schon beim Vater und Großvater Franz, bei Urgroßvater Franz-Konrad und sicher auch schon vor 150 Jahren bei Ur-Urgroßvater Anton-Ferdinand der Fall war. Eigentlich hatte das rührige Bäcker-Paar im September nach dem Käsemarkt eine Feier mit Gästen und Kunden geplant. Wie der Markt selber fiel auch die Feier der Corona-Pandemie zum Opfer, soll aber im kommenden Jahr nachgeholt werden.

Schließlich geht bei Thomas und Anika Rieks die Leidenschaft für‘s Backen bis unter die Haut. Anika hat sich die liebsten Gebäcke der zu früh verstorbenen Verwandtschaft auf den Arm tätowieren lassen. Auch der Bienenstich von Schwiegervater Franz ist natürlich mit dabei.

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