1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Nieheim
  6. >
  7. Ein Anwalt ohne Rechte

  8. >

Stadtheimatpfleger hat Dissertation und Lebensgeschichte des jüdischen Nieheimers Dr. Ernst Ikenberg ausfindig gemacht

Ein Anwalt ohne Rechte

Nieheim

Einen kleinen Sensationsfund hat Nieheims Stadtheimatpfleger Ulrich Pieper bei seine Forschungen über jüdisches Leben in Nieheim im Internet gemacht.

Heinz Wilfert

Ulrich Pieper mit einem Bild, auf dem hinter dem Kirchturm der Meierhof, das Elternhaus von Dr. Ernst Ikenberg zu sehen ist. Das Gebäude existiert schon lange nicht mehr. Foto: Heinz Wilfert

Er hat die Dissertation von Dr. Ernst Ikenberg erworben – eines Juden, der 1902 in Nieheim geboren wurde. Seine Lebensgeschichte hat der Historiker Peter Schulze in seinem Buch „Anwälte ohne Recht“ nachgezeichnet, das von der Rechtsanwaltskammer Oldenburg herausgegeben wurde.

Coronabedingt muss der für dieses Wochenende in Nieheim geplante Vortrag und die Stadtführung zum Holocaustgedenktag an diesem Mittwoch in Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ausfallen. Pieper geht es in seinen Forschungen darum, das Wissen um jüdisches Leben weiterzugeben. „Juden haben seit 1603 in der Stadt gelebt, waren Bürger mit liberaler Gesinnung, die es zu Wohlstand und Ansehen gebracht haben“, erläutert der Nieheimer. Der Rassenwahn habe 1700 Jahre jüdische Kultur in Deutschland vielerorts ausgelöscht. Diese Geschichte müsse in Erinnerung und im Bewusstsein der Menschen gehalten werden.

Ernst Ikenberg hat zwischen 1921 und 1925 an den Universitäten Freiburg, München, Münster und Köln Jura studiert. Das Studium hatten ihm seine Eltern Joseph und Ida Ikenberg ermöglicht. Der Vater betrieb in Nieheim mit seinem Bruder Julius einen Handel mit Manufakturen sowie Getreide und Sämereien. Nach der Zweiten Staatsprüfung in Berlin wurde Ikenberg 1930 zum Gerichtsassessor am Amtsgericht Steinheim ernannt. Noch im gleichen Jahr meldete er sich zur Doktorprüfung an der Universität Köln an und reichte im Jahr 1931 insgesamt 200 Abdrucke der Dissertation bei der Uni ein. Einen dieser von der Druckerei Simonowski in Steinheim hergestellten Drucke hat Pieper ausfindig gemacht. Das Thema seiner Dissertation lautete „Sittlichkeitsdelikte unter Ausbeutung von Abhängigkeitsverhältnissen unter besonderer Berücksichtigung der amtlichen Entwürfe eines Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches von 1925 und 1927 und ausländischer Gesetzgebungen“. 1931 wurde Ikenberg als Rechtsanwalt in Emden zugelassen.

Sofort nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten traf ihn am 1. April 1933 der Juden-Boykott der NS-Regierung, als SA-Posten vor seiner Anwaltskanzlei aufzogen. Im Mai wurde ein Vertretungsverbot erlassen und mit Verfügung des preußischen Justizministers die Rücknahme der Zulassung als Rechtsanwalt, „weil er nicht arischer Abstammung war“. In einem Schreiben an den Justizminister bat er um eine weitere Zulassung als Anwalt, weil er im gesamten Gerichtsbezirk Ostfriesland der einzige jüdische Anwalt sei – vergebens. Nach gerade zweijähriger anwaltlicher Tätigkeit war ihm die berufliche Existenzgrundlage entzogen worden. Sein Brot verdiente er in den Folgejahren als Rechtsbeistand in Emden.

Im Juni 1937 kehrte Ernst Ikenberg noch einmal nach Nieheim zurück zu seinen Eltern auf den Meierhof. Er lernte Englisch, um sich offenbar auf die Ausreise nach Amerika vorzubereiten. Ein Jahr später heiratete er Irmgard Heimbach aus Brakel. Die Schikanen der Behörden gingen im Anschluss jedoch weiter. Nach der Pogromnacht am 9. November wurde er verhaftet und mehrere Wochen im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. 1939 gelang die Ausreise in die Niederlande, wo er in Amsterdam auf ein Visum in die USA wartete. Am 10. Dezember 1939 kam das Ehepaar Ikenberg mit dem Schiff in New York an, von hier erfolgte die Weiterreise nach Youngstown im Bundesstaat Ohio, wo Ikenberg unter anderem mit Hilfsarbeiten für die jüdische Gemeinde tätig war. Die amerikanische Staatsbürgerschaft wurde Ernst und Irmgard Ikenberg 1945 verliehen. Doch war die Gesundheit Ikenbergs zu dieser Zeit bereits sehr angeschlagen. Am 15. Dezember starb er in Youngstown an Herzversagen, er wurde nur 43 Jahre alt. Begraben ist er dort auf dem jüdischen Friedhof.

Schwer belastet hat ihn in Amerika auch die ungewisse Lage seiner Eltern in Nie-heim. Es ist aber nicht bekannt, ob Ernst Ikenberg von ihrem Schicksal erfahren hat. Sie mussten seit September 1941 unter anderem den Judenstern tragen. Im Juni 1942 wurden sie von Nieheim deportiert und nach Theresienstadt verschleppt. Ihr Hausrat und Mobiliar wurde in der Stadt Nieheim nach der Deportation öffentlich versteigert. In Theresienstadt ist Josef Ikenberg noch im gleichen Jahr umgekommen, seine Frau wurde 1944 nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

Startseite