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Rana El Rifai fährt für die pflegebedürftigen Menschen in Nieheim jeden Weg und hört schöne Wintermärchen

Schnee stoppt Altenpflegerin nicht

Nieheim (WB)

Selbst alle Hauptstraßen seien am frühen Sonntagmorgen aufgrund des starken Schneefalls noch nicht geräumt gewesen. „Schnee und nochmals Schnee. So viel habe ich noch nicht gesehen und erlebt“, sagt Rana El Rifai.

Jürgen Drüke

Hoher Schnee in den Nebenstraßen kann die ambulante Pflegefachkraft Rana El Rifai nicht stoppen. Wenn gar nichts mehr geht, ist der private Räumdienst, hier mit Frank Oebbeke, in Nieheim zur Stelle. Foto: Jürgen Drüke

Trotzdem sei es ihr Ziel gewesen, bei den alten und pflegebedürftigen Menschen rechtzeitig anzukommen. Die weiße Pracht sollte und konnte die Pflegefachkraft des ambulanten Diensts nicht stoppen.

Die 45-jährige Libanesin arbeitet in der ambulanten Krankenpflege der Caritas- Pflegestation Mariental in Nieheim. Sie pflegt ältere Menschen in der Weberstadt und den umliegenden Ortschaften. „Es sind aktuell 15 Pflegedienstkunden, die ich morgens, nachmittags oder abends besuche und ihnen helfe.“ Die alten Leute wären so unendlich dankbar. „Es ist immer eine große Freude, wenn wir uns wiedersehen – und das ist ja fast täglich.“

Es gibt Hilfe

Die Pflegefachkraft lässt sich vom Schnee, dem Eis und den schlechten Straßenverhältnissen in diesen eisigen Tagen nicht beirren: „Ich setze mich ins Auto und fahre los. Wenn mich der Schnee stoppt, gibt es immer Hilfe.“ In Nieheim sei ein aufmerksamer Räumdienst aktiv. Klar könne man aktuell nicht in jede Nebenstraße fahren, da liege der Schnee immer noch meterhoch. Doch es gebe immer Wege, die zum Ziel führen würden. „So stelle ich mein Fahrzeug an den Hauptstraße ab und gehe einige Meter.“ Wichtig sei, dass die Pflege stattfindet.

Ihre Kunden hätten großes Verständnis gezeigt, als sie am Sonntag etwas zu spät gekommen sei. „Sehr viele ältere Menschen haben mir erzählt, wie streng und stark der Winter früher in Deutschland war – und das über Monate hinweg.“ Die Fensterscheiben seien sogar mit Eisrosen versehen gewesen. „Bei den Erzählungen habe ich den Schnee, den ich im Auto verflucht habe, sogar lieb gewonnen“, schmunzelt El Rifai.

Sie wiederum stehe nur stellvertretend für die vielen Frauen und Männer, die im Kreis Höxter in der ambulanten Pflege arbeiten würden. „Der Einsatz ist hier riesig. Ich bin stolz, dass ich meinen Beitrag beitragen und leisten kann.“ Ihr Arbeitgeber, das ist die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge, hat fünf Caritas-Pflegestationen und 200 Pflegefachkräfte in der ambulanten Pflege. „Wir betreuen etwa 1000 Pflegedienstkunden“, berichtet Andrea Bömelburg, die die Caritas Pflegestation in Nieheim leitet. „Rana El Rifai hat ein großes Herz. Sie verbindet Leidenschaft mit Fachkompetenz“, stellt Bömelburg heraus.

Die Libanesin hat in ihrem Heimatland Psychologie studiert und war danach Lehrerin. Die Umstellung auf die Pflege sei ihr in Deutschland trotz des völlig anders gelagerten Berufsbilds leicht gefallen: „Es macht mir großen Spaß, anderen Menschen zu helfen. Die Älteren haben noch so viel Lebensfreude und sind so dankbar.“

Dichter und starker Schneefall, Verwehungen und vereiste Strecken. Das seien in dieser Woche ihre Begleiter. „Überall werde ich getröstet. Die Menschen erzählen mir dabei wunderbare Wintermärchen“.

Die alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen (14 und 24) ist Anfang 2016 nach Deutschland gekommen und hat bei der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge eine dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft absolviert. „Hier in Nieheim fühle ich mich sehr wohl. Die Menschen sind bodenständig. Ganz nebenbei lerne ich bei der Arbeit noch besseres Deutsch.“ Schnee hat Rana El Rifai auch schon in ihrem Heimatland gesehen „Mit meiner Familie habe ich in Baalbek, einer Stadt im Gebirge, gelebt.“ Allerdings würden sie im Libanon bei Schneefall in den Häusern bleiben. „Das ist hier ganz anders“, hat Rana El Rifai inzwischen erfahren.

Ein Kommentar von Jürgen Drüke

Zuversicht, Kraft und Entschlossenheit. Das sind drei Hauptbegriffe, die gerade in schweren Zeiten Mut machen. „Auch wenn der Schnee noch so hoch ist und die Straßen eisig glatt sind, fahre ich zu den alten und pflegebedürftigen Menschen, die meine Hilfe brauchen und auf mich warten.“ Diese Worte von Rana El Rifai sind mir in dieser Woche unter die Haut gegangen.

Zuversichtlich, kraftvoll und entschlossen: Die Frau aus dem Libanon arbeitet in der ambulanten Pflege der Caritas-Pflegestation Mariental in Nieheim. Wir haben die Pflege-Fachkraft in unserer Ausgabe am Freitag, 12. Februar, vorgestellt. Wie kämpft sich eine Libanesin, die in ihrem Leben selten Schnee gesehen und Kälte erlebt hat, bei eisigen Bedingungen und katastrophalen Straßenverhältnissen zu den älteren Menschen vor? „Wenn ich irgendwo nicht mehr weitergekommen bin, haben mir Menschen geholfen“, antwortete die 45-Jährige mit einem Lachen. So sei ein Mann in Nieheim herbeigeeilt, der ihr Auto aus dem Schnee geschoben habe. Außerdem gebe es im Kreis Höxter sehr gute Räumdienste und eine große Solidarität. Hier würde das Wir-Gefühl großgeschrieben.

Zuversichtlich, kraftvoll und entschlossen: Alte Menschen müssten die drei Attribute gerade jetzt in der Pandemie spüren. Sie seien ihr ganzes Leben für uns ­alle vorangegangen. „Wir dürfen die Alten in diesen schweren Zeiten nicht alleine lassen. Sie sind so dankbar und geben immer noch unendlich viel zurück“, hat Rana El Rifai erfahren.

Zuversichtlich, kraftvoll und entschlossen: Es sind die Mutmacher, die Zeichen für die schwächeren und gebeutelten Menschen setzen. Woher nimmt die ­Frau aus dem Libanon, alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen (14 und 24), die Kraft und ihre Zuversicht? „Weil ich hier in Deutschland so viel Unterstützung und Hilfe erfahren habe“, antwortet sie. Ihre dreijährige Ausbildung bei der Katholischen Hospitalvereinigung Weser-Egge zur Pflege-Fachkraft sei keine Selbstverständlichkeit gewesen. Danach habe sie eine Festanstellung bekommen. Jetzt wolle sie ­etwas zurückgeben. „Wo kann das besser als in der Pflege gelingen?“

Zuversichtlich, kraftvoll und entschlossen: Die Pflegefachkraft aus dem Libanon steht stellvertretend für die vielen Menschen, die sich im Kreis Höxter um die älteren, schwachen und kranken Menschen kümmern. Wir alle brauchen Mutmacher, die sich bei widrigsten Bedingungen zu uns hinbegeben. Schneechaos, klirrende Temperaturen und selbst eine Pandemie können sie nicht ausbremsen.

Zuversichtlich, kraftvoll und entschlossen: Mutmacher könnten letztlich wir alle sein. Rana El Rifai macht es eindrucksvoll vor.

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