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Unterirdische Anlage diente zur Verstärkung von Telefonsignalen von Berlin über Nieheim nach Dortmund

Unterwegs im geheimen Bunker

Nieheim

Ob über den „heißen Draht“ Nachrichten aus dem Führerhauptquartier oder von der Obersten Heeresleitung über Nieheim an die Westfront geleitet wurden, weiß heute wohl niemand mehr. Fest steht: Versteckt unter einem schmucken Fachwerkbau findet sich direkt neben dem Nieheimer Weberhaus eine geheime Bunkeranlage.

Ralf Brakemeier

Mehr als 80 Jahre alte Baupläne halten Bürgermeister Johannes Schlütz (links) und Stadtheimatpfleger Ulrich Pieper hier in Händen. Das zweiteilige Gebäude im Fachwerkstil wurde 1937 gebaut und diente lediglich als Tarnung für die umfangreiche unterirdische Bunkeranlage. Foto: Ralf Brakemeier

Sie wurde 1937 in Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg gebaut. Hier wurden Telefonsignale von Berlin auf dem Weg nach Dortmund mit Hilfe damals modernster Röhrentechnik verstärkt. Stadtheimatpfleger Ulrich Pieper vermutet, dass so auch Nachrichten an die 16. Infanterie-Division in Münster und womöglich auch während des Krieges an die Front nach Frankreich weiter geleitet wurden. Noch aus Kindertagen kennt Pieper das „neue Postgebäude“ wie es von Beginn an genannt wurde. Später erfuhr er, dass Soldaten mit Maschinengewehren die Eingänge in den geheimen Bunker überwachten.

Fachwerkhaus als Tarnung

„Meine Tante wohnte direkt nebenan, ich habe hier viel Zeit verbracht“, sagt Ulrich Pieper über seine Erinnerungen aus Kindertagen. Das in Fachwerktechnik gefertigte, mehrstöckige Gebäude steht heute leer, gehörte nach dem Krieg der Post, später der Telekom und wurde zuletzt als Wohnhaus vermietet. Dabei diente das Haus lediglich als Tarnung für die Bunkeranlage, in der auch nach dem Krieg Fernmeldetechnik untergebracht war. Später wurde auf dem Gelände ein weiteres Funktionsgebäude mit Fernmeldetechnik oberirdisch errichtet.

In Nachbarschaft zum Weberhaus

Ulrich Pieper hat sich mit der Geschichte des Gebäudes beschäftigt, hat aus dem Nachlass von Zimmermann Josef Hermens Baupläne des Gebäudes, Friedrich-Wilhelm Weber-Straße 19, erhalten. Hier zeigt sich die aufwändige Bauweise mit Eichenbalken, -zapfen und Holznägeln. Von einem Bunker unterhalb des eigentlichen Kellers, ist in den Plänen aber nichts zu sehen. Das zeigt erst ein Blick in einen abgedeckten Versorgungsschacht. Hier geht es, ebenso wie an verschiedenen Kellerschächten rund um das Haus, einige Meter in die Tiefe, von oben sind lediglich schwere Stahltüren zu sehen. Eine ähnliche Verstärkerstation muss sich auf der Strecke wohl in Thüringen befunden haben. Ihr Standort ist heute aber nicht mehr bekannt. Viele solcher Bunker sind von der Roten Armee gesprengt worden. Von Nieheim aus gingen die Telefonsignale nach Rheda-Wiedenbrück. Hier ist das Verstärkeramt bestens dokumentiert, vor mehr als 20 Jahren wurde die Anlage in die Denkmalliste der Stadt eingetragen, heute befindet sich dort unter anderem ein privates Radio- und Telefonmuseum.

Die Technik ist noch vorhanden. Foto: Ralf Brakemeier

Germanisches Schriftgut

Das Gelände in Nieheim gehörte früher Elisabeth Weber, der Tochter des 13-Linden-Dichters Friedrich-Wilhelm Weber. „Die war in arger Geldnot und hat nach dem Verkauf des Grundstücks noch öfter versucht, vom Nazi-Regime zu profitieren“, hat Ulrich Pieper herausgefunden. Unter anderem habe sie gemeinsam mit einem Steinheimer Fotostudio einen Bildband über das 13-Linden-Epos ihres Vaters erstellt. Pieper weiß nach eigenen Angaben von Versuchen Elisabeth Webers, die damals sehr bekannte Kunstfliegerin Hanna Reitsch, die zur Kur in Bad Hermannsborn war, und Adolf Hitler selbst, während seines Aufenthalts auf der Grevenburg bei Sommersell, davon zu überzeugen, das Epos als „Germanisches Schriftgut“ klassifizieren zu lassen. Ob sie von der Funktion des Bunkers auf ihrem ehemaligen Grundstück gewusst hat, oder nicht, bleibt aber unklar.

Blick in die Bunkeranlage. Foto: Ralf Brakemeier

Klar ist hingegen, dass der „Postneubau Nieheim“, so der offizielle Titel des Bauprojektes 1937, für die Datenübertragung vor, während und auch nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig war. Nur auf etwa 70 bis 140 Kilometer Entfernung konnten die Telefongespräche zu dieser Zeit geleitet werden. Dann mussten die Signale verstärkt werden. Schon gut 100 Jahre vor dem Bau des geheimnisvollen Gebäudes wurde die optische Telegrafenleitung durch Nieheim (Lattberg in Entrup) geführt.

Von der Westfront gut informiert

Viele Geschichten ranken sich um das großzügige mehrstöckige Gebäude. So soll der Bruder des Bauplaners Hermens schon 1933 nach Amerika emigriert sein und habe nach dem Krieg als Jurist an der deutschen Verfassung mit gearbeitet.

„Nieheim war über die Entwicklung an der Westfront stets gut informiert – so erzählte man sich zumindest“, weiß Ulrich Pieper aus den Erzählungen der Älteren in der Nachkriegszeit. Ob tatsächlich Inhalte der verstärkten Telefongespräche, womöglich sogar geheime Inhalte, in Nieheim mitgehört wurden oder werden konnten, ist zweifelhaft.

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