1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Nieheim
  6. >
  7. Vorfinanzierte Mode hängt in den Regalen

  8. >

Große Sorgen im Einzelhandel: Kurzarbeit beim Modehaus Stamm in Nieheim +++ Mit Kommentar

Vorfinanzierte Mode hängt in den Regalen

Nieheim

Mitte Dezember begann der zweite Lockdown, der Modegeschäfte wie das Modehaus Stamm besonders hart getroffen hat. Die sieben Mitarbeiterinnen befinden sich in Kurzarbeit, nur die Postfiliale ist geöffnet.

Heinz Wilfert

Alle warten auf konkrete Öffnungsperspektiven: Gerd Stamm hofft für sein 85 Jahre altes Traditionsmodehaus in Nieheim auf ein rasches Ende des Lockdowns in diesem Frühling. Foto: Heinz Wilfert

Der Paderborner Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann sprach drastisch schon von einem dramatischen Problem im Einzelhandel, über den Corona wie eine Dampfwalze hinweggerollt sei.

Nicht nur, dass bereits zum zweiten Mal nach 2020 der Umsatz praktisch gegen Null geht. Niemand kann vorhersagen, wann die Geschäfte wieder aufschließen dürfen. Doch die Zeit brennt den Geschäftsleuten unter den Nägeln. „Wir haben eine Vorplanungszeit von sechs bis acht Monaten,“ beschreibt Gerd Stamm die Problematik, ohne den Kopf in den Sand zu stecken. Die Sommermode ist bereits geordert und die Geschäftsleute sitzen in den Startlöchern für die Bestellung der Herbst-Winter-Kollektion. Allerdings hängt die alte, vorfinanzierte Wintermode noch im Geschäft auf den Ständern, die aber mit Beginn des Frühjahrs keine Käufer mehr findet. Sie müsse deshalb eingelagert werden. „Die neuen Kollektionen gibt es nicht auf Kommission, sie müssen vorfinanziert werden,“ so Stamm.

Deshalb wäre es besonders wichtig, dass wenigstens die zugesagten staatlichen Überbrückungshilfen geleistet werden. An deren Umsetzung hakt es nach wie vor, die Bürokratiehürden seien immens hoch. Gespräche mit der Politik hätten bislang keine entscheidende Besserung gebracht. Selbst das Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiterinnen habe vom Betrieb vorgestreckt werden müssen. An Entlassungen habe er aber nie gedacht, so Stamm. Die Entwicklung nach dem ersten Lockdown im vergangenen Jahr verlief nach seiner Ansicht noch einigermaßen positiv. Die Kundschaft kam nach Wiedereröffnung am 20. April und anfänglichem Zögern wieder zum Einkaufen, auch das Wetter spielte in dieser Zeit mit. Allerdings hinterließen der Wegfall von Festen und Feiern wie Schützenfesten und Hochzeiten tiefe Umsatzlücken.

Online-Handel mit hohen Retourenquote ist für Stamm keine wirkliche Lösung. Die Nähe zum Kunden bedeute das größte Pfund und die Kernkompetenz seines Modegeschäftes mit dem hohen Anteil an treuer Stammkundschaft, die auf Beratung größten Wert lege. Dabei könnten auf den Verkaufsflächen in Nieheim sämtliche Hygieneregeln mit Lüften, Masken und Abstand „perfekt“ eingehalten werden. „Die Menschen verstehen die Lage und halten sich an die Regeln. Das Ansteckungsrisiko ist gering.“

Dennoch will Gerd Stamm für seinen Betrieb den Kopf nicht in den Sand stecken, der in diesem Jahr sein 85-jähriges Bestehen feiern kann. Und er hofft auf ein dauerhaftes Ende des Lockdowns. Für die schlechteste Lösung hält er eine kurzzeitige, vorschnelle Öffnung, um dann wegen ansteigender Corona-Zahlen erneut schließen zu müssen. Das würde vielen Klein- und Mittelbetrieben des Handels endgültig die Luft abschnüren.

Ein Kommentar von Michael Robrecht

Der massive Online-Boom und der anhaltende Lockdown treffen die Innenstädte ins Mark. Große Ketten wollen sich aus den Einkaufsstraßen ebenso zurückziehen wie kleine Modeläden. Seit Jahren kämpfen City-Geschäfte gegen das Online-Geschäft an. Während es bei Amazon und Co. brummt, stagnieren die Umsätze in Schuh- und Modefilialen – oder sie gehen stark zurück.

Durch die beiden Lockdowns hat sich die Lage nun verschlimmert. Auch im Kreis Höxter bleibt vielen Branchen nichts anderes übrig als jetzt doch eilig ins Online-Business einzusteigen. Manchen kann das retten. Dabei gelten gerade die Geschäfte der Bekleidungshändler seit Jahrzehnten als tragende Säule des „Systems Innenstadt“ mit Fachberatung und Shoppingtour mit Atmosphäre. Die verordneten Schließungen wirken nun für manchen Shop aber wie ein Brandbeschleuniger für das Dauer-Aus. In jeder Stadt gibt es Gerüchte über drohende Insolvenzen, Sparmaßnahmen und Ladenaufgaben.

Halten im Kreis alle durch? Viele wollen kämpfen. Gut so. Es wird nach Corona erzwungenermaßen eine Mischform von klassischem Modeladen mit angeschlossenem Kleidungsonlinehandel übrig bleiben. Schön ist das für unsere Einkaufsstraßen nicht. Der Slogan „Kauf in deiner Stadt“ wird gelobt – aber nicht gelebt und wertgeschätzt. Die Narben der Krise werden wir bald sehen. Das ist kein Schlechtreden, das ist die Realität.

Startseite