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„Freifunk“ für alle im Steinheimer Dorf – weitere Projekte für den Alltag geplant

Hagedorn wird „digital“

Steinheim (WB). „Nur Notruf möglich“ – beim Blick auf die Verbindungsqualität am Handy zum eigenen Provider kann man in vielen Dörfern des Kreises Höxter wie in der Steinheimer Ortschaft Hagedorn wohl nur verzweifeln. Wer sich Daten aus dem weltweiten Netz holen will, der ist aufgeschmissen – jedenfalls mobil. Das ändert sich jetzt im kleinen Hagedorn. Von null auf 100 in kürzester Zeit, dieser Traum wird wahr – auch für Gäste wie Radtouristen.

Harald Iding

Er ist Hochschulprofessor und Vorsitzender des Heimatvereins: Johannes Üpping (37) zeigt die Antennenlösung für den Freifunk in dem kleinen Ort. Das linke Gerät mit kurzer Antenne wird einfach mit einem vorhandenen Router per Netzkabel verbunden. Auch der Anschluss von Außenantennen (rechts) ist möglich – und sinnvoll. Foto: Harald Iding

Der 37-jährige Hochschulprofessor Johannes Üpping, engagierter Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins, Träger der „Reineccius-Medaille 2019“ der Stadt Steinheim und verheiratet mit Birte Brand (Ortsheimatpflegerin von Hagedorn), will Defizite nicht einfach hinnehmen. „Probleme müssen erkannt und gelöst werden. Da fühle ich mich herausgefordert“, sagt Üpping. Im exklusiven Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT stellt er die neue Eigeninitiative vor, die sich schnell zum „Leuchtturmprojekt“ in der ganzen Region etablieren könnte.

Denn über ein für alle frei zugängliches WLAN-Netz im ganzen Dorfbereich will man auch außerhalb der eigenen vier Wände den perfekten Zugang zum Internet und der digitalen Welt mit ihren vielen Aspekten für den Alltag schaffen. Dazu lud Üpping nun interessierte Bürger in das Dorfgemeinschaftshaus ein – mit Erfolg. Spontan wollten mehrere Haushalte bei dem „Freifunk-Projekt“ sofort mitmachen und ihren Beitrag dazu leisten, dass in Hagedorn jederzeit auf das Netz zugegriffen werden kann.

Erst im vergangenen Jahr hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Ausbau schneller Netze in Bezug auf den geplanten 5G-Ausbau auf dem Land gesagt: „Zu viele Orte liegen immer noch im Funkloch.“ Eine schnelle Internetverbindung im ländlichen Raum sei aus Steinmeiers Sicht ebenso wichtig wie die Grundversorgung mit Strom und Wasser.

Im neuen internen Dorfprojekt „Hagedorn Digital“ setzten die Bürger in Eigenregie, maßgeblich vorangetrieben von Johannes Üpping, unten dem Pseudonym „hof*WISSEN“ ihre eigene Vorstellung von der digitalen Zukunft im Dorf um. Die entwickelte Digitalstrategie gliedert sich in vier Bereiche: Netzwerk, Daten, Kommunikation und Daseinsfürsorge.

Ziel sei es, „Anwendungen zu erproben und das Dorf lebenswerter zu gestalten – und gleichzeitig die Dorfgemeinschaft zu stärken und interessierte Bewohner aktiv mit in den Prozess einzubinden.“

Es ist nur eine Fotomontage – aber in der Zukunft könnte das „Digitale Dorf“ in der Region als Qualitätssiegel für eine starke Gemeinschaft stehen. Foto: Harald Iding

Üpping sagte dieser Zeitung: „Wir wollten nicht warten bis hier irgendwann mal was passiert, sondern sind selbst aktiv geworden. Das Freifunk (WLAN)-Netzwerk ist die Grundlage für den sinnvollen Einsatz von vielen digitalen Angeboten im Ort. Mehrere untereinander verknüpfte Zugangspunkte verteilen auf diese Weise per kleinen Außenantennen ein flächendeckendes, offenes WLAN im gesamten Ort.“ So kann man sich mit dem für alle zugänglichen „Freifunknetz“ verbinden und es mobil überall im Ort nutzen. Aktuell würden bereits mehr als 60 Prozent der Ortsfläche abdeckt, inklusive Dorfgemeinschaftshaus und Feuerwehrhaus. „Im Laufe dieses Jahres werden wir die 100 Prozent Flächenabdeckung erreichen“, ist Üpping zuversichtlich. Die Hauptstraße sei schon „voll erfasst“.

Für die Umsetzung nutzen die Hagedorner übrigens die bewährte Freifunk-Technologie aus Lippe. „Wir müssen ja nicht alles selbst erst erfinden“, so Üpping. Die nötigen Startinvestitionen in niedriger, vierstelliger Höhe (gesamt für alle im Dorf notwendigen Antennen und Zusatzgeräte als Access Point (Knoten) für den Freifunk, hinter vorhandenen Router geschaltet) wurden von Üpping unter dem Namen „hof*WISSEN“ privat übernommen.

Daten werden „durchgeschaltet“

Die Funktechnik hört sich auf den ersten Blick vielleicht kompliziert an. Aber dahinter steckt ein einfaches Verfahren: Es gibt rund 30 Haushalte in Hagedorn. Wenn davon etwa sechs bis acht Anschlussnehmer ihren Zugang zum Provider zur Verfügung stellen und an ihren Router ein spezielles Freifunk-Gerät (schon deutlich unter 100 Euro zu bekommen) und daran noch eine kleine Außenantenne anschließen, dann entsteht daraus ein stabiles Netzwerk aus mehreren Knoten – mit bis zu 50Mbit schnellem Internetanschluss. Die Daten werden quasi über eine durchgeschaltete Verbindung (Durchsatz) zum „Freifunk Lippe“ (als Provider) durchgeschleust. „Man braucht als Anschlussnehmer eines Routers keine Angst haben, dass die eigene Leitung dadurch belastet oder auch manipuliert wird.“

Es gibt jetzt viele Ideen für die weitere digitale Welt im Dorf: Durch das leistungsfähige WLAN- Netzwerk können zum Beispiel Gottesdienste und andere Veranstaltungen kinderleicht live ins Netz gestreamt werden. Üpping: „Ein gerade in der Entwicklung befindliches Teilprojekt ist der ‚digitale Rollator‘. Dabei werden Rollatoren mit einem simplen Hilfeknopf ausgestattet. Per Mail sendet dieser eine Hilfebotschaft mit den GPS-Koordinaten an eine vordefinierte Empfängerliste – ohne Smartphone und Folgekosten.“

„Digitaler Rollator“ geplant

Auch denkbar: „Wir wollen einen digitalen Dorfkalender etablieren, der über einen QR-Code im Smartphone oder auf dem Rechner eingebunden werden kann – und sich so nahtlos in die vorhandene heute alltägliche Kommunikation einfügt.“ Als weiter Anwendung versuchen sie in Hagedorn einen Lesezirkel im Dorf zu etablieren – unter dem Stichwort „Walking Book“. Darüber könne man Bücher sowie Lektüren ausleihen oder verleihen.

Üpping zum Gesamtkonzept: „Bei allen einzelnen Themen setzten wir nur auf freie Software und ‚Open-Source-Lösungen‘. Dadurch hält sich der Aufwand in der Umsetzung und für den Betrieb in Grenzen. So kann im Prinzip jedes Dorf, auch ohne externe Förderung, diese Maßnahmen einfach, schnell und mit minimalem finanziellen Aufwand umsetzen!“

Kommentar

Sie nehmen die Sache selbst in die Hand und sorgen für eine schnelle Lösung. Die Bürger im kleinen Ort Hagedorn mit knapp über 100 Einwohnern machen es vor. Es wird nicht die übliche Frage gestellt: „Wer macht das denn für uns?“ Statt jahrelang auf Lösungen von oben (Bund) zu warten, packen sie es selbst an und schaffen in kurzer Zeit eine digitale Versorgung im ganzen Dorf. Die Gesamtkosten liegen im unteren vierstelligen Bereich, privat finanziert. Das Netz ist zudem öffentlich und von jedem – auch Gästen – zu nutzen. Es ist ein echtes Vorzeigeprojekt! Harald Iding

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