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Prozess um mutmaßliche Vergewaltigung in Steinheim endet mit Freispruch

Im Zweifel für den Angeklagten

Steinheim (WB). Es war eine brutale Tat – wenn sie denn so stattgefunden hat. Allerdings hatte das Landgericht Paderborn erhebliche Zweifel, dass ein 51-Jähriger in Steinheim eine Frau vergewaltigt haben sollte. Zu viele Steine in dem Puzzle der Wahrheitsfindung passten nicht zusammen – und das führte zum Freispruch.

Ulrich Pfaff

Das Landgericht Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Flucht ins Badezimmer

Nach der Schilderung des 41 Jahre alten Opfers hatte der Angeklagte die Frau im November 2016 in der Wohnung attackiert, in der sie zusammen mit einer armenischen Familie lebte. Die Ukrainerin berichtete in einer langwierigen und von vielen Nachfragen geprägten Aussage vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts über den Vorfall. Der 51-Jährige habe versucht sie zu küssen, sie dann wegen ihrer Gegenwehr mit einem Messer bedroht. Auch die Flucht ins Badezimmer habe nichts genützt: Dort habe sie der Armenier überwältigt, vergewaltigt und sexuell erniedrigt. Angezeigt habe sie ihn erst im Juni 2018, als er ihr aufgelauert und sie bedroht habe, niemandem von dem Vorfall zu erzählen.

Psychotherapeutin bestätigt Glaubwürdigkeit

Während der 51-Jährige schwieg, bestätigten eine Polizistin und die Psychotherapeutin, von der die 41-Jährige seit einiger Zeit behandelt wird, dem mutmaßlichen Opfer eine hohe Glaubwürdigkeit. Sie leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung, berichtete die Therapeutin – sogar eine »latente Suizidalität« liege vor. Die Polizistin, die seinerzeit im Zuge der Strafanzeige die 41-Jährige vernommen hatte, betonte: »Sie hat alles sehr detailliert geschildert.« Allerdings vermochten diese Zeugenaussagen das Bild der angeklagten Tat nicht wirklich abzurunden. Das lag vor allem an dem, was die 41-Jährige selbst sagte. So hatte Richter Torsten Wolbring schon zu Beginn der Vernehmung Mühe, Nationalität und Aufenthaltsstatus der Frau festzustellen – Ukraine, Russland und Afghanistan tauchten auf, auch gab es wohl zwei unterschiedliche Vornamen. Sie habe den Armenier im Asylbewerberheim in Steinheim kennen gelernt, gab die 41-Jährige an, verneinte jedoch nähere Kontakte zu ihm.

Vergewaltigung könnte in anderem Umfeld stattgefunden haben

Der 24-jährige Sohn des Angeklagten wiederum sagte aus, die drei hätten öfter zusammen gekocht, auch gejoggt. Die Frau habe sich wegen seiner Krankheit um ihn gekümmert und sei auch zum Dolmetschen mitgekommen ins Krankenhaus. Stück für Stück musste sich die Kammer durch die Zeugenbefragungen arbeiten, um Widersprüche weiter aufzuklären. Einer der gravierendsten dabei war die Schilderung der 41-Jährigen, sie habe eine Beziehung zu einem Paderborner geführt und heiraten wollen – der Mann aber habe sie nach der Vergewaltigung verlassen. Tatsächlich hatte der Bräutigam in spe der Ausländerbehörde des Kreises Höxter 2016 mitgeteilt, die Frau habe ihm ihre wahre Identität und Herkunft verschleiert, und er wolle sie nicht mehr heiraten. Das Verwaltungsgericht Minden hatte dann im Juli 2018 ihre Klage gegen die bereits 2014 angedrohte Abschiebung abgewiesen. Auch passte die Version des mutmaßlichen Opfers nicht zur Aussage einer Therapeutin der Bad Driburger Psychiatrie: Dort war die 41-Jährige im Januar 2017 für zwei Wochen gewesen – der Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung habe sich nicht bestätigt. Es sei auch denkbar, dass es eine Vergewaltigung früher und in einem anderen Umfeld gegeben habe.

Verteidigung plädiert auf Freispruch

Verteidiger Robert Bergschneider stellte fest: »Ausländerrechtlich hat sie nur die Option: Posttraumatische Belastungsstörung oder Heirat mit einem Deutschen.« Er plädierte ebenso auf Freispruch wie die Staatsanwaltschaft, die auch ein Motiv für eine Falschbeschuldigung des 51-Jährigen sah: der Wunsch, trotz der Asylablehnung in Deutschland zu bleiben. Die Kammer erkannte auf Freispruch nach dem Grundsatz »Im Zweifel für den Angeklagten« – was nicht heiße, dass man der 41-Jährigen nicht glaube, vergewaltigt worden zu sein. Die Posttraumatische Belastungsstörung könne ihre Ursachen aber auch in der persönlichen Asylproblematik haben, betonte Richter Wolbring.

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