1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Steinheim
  6. >
  7. Stromnetz fit machen für Energiewende

  8. >

EU-Forschungsprojekt in der Ortschaft Hagedorn: TH OWL und Steinheim setzen auf Lösungen vor Ort

Stromnetz fit machen für Energiewende

Hagedorn/Steinheim/Lemgo (WB/hai). Wissenschaftler der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) wollen das Stromnetz fit für die Energiewende machen – und sie können dabei auf die Zusammenarbeit mit der Stadt Steinheim setzen.

Symbolfoto. Foto: Harald Iding

Das Stromnetz in Deutschland sei eigentlich nicht für die Energiewende gemacht. Professor Johannes Üpping vom „Future Energy-Institut für Energieforschung“ (iFE) der TH OWL betont: „Während früher der Strom hauptsächlich von Großkraftwerken erzeugt wurde, wird heutzutage immer mehr elektrische Energie dezentral produziert und ins Netz eingespeist.“ Gleichzeitig schwankt die Menge an Solar- und Windstrom je nach Wetterlage stark.

In dem neuen Projekt „Twin­ERGY“ arbeitet nun die Kommune Steinheim zusammen mit der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe und weiteren europäischen Partnern am „Stromnetz der Zukunft“. Dazu wird in der Steinheimer Ortschaft Hagedorn ein „Smart Grid“ (intelligentes Stromnetz) aufgebaut, um den Anteil erneuerbarer Energien im Strommix zu erhöhen. Das Projekt startet im nächsten Monat. Die Stadt Steinheim wird mit 200.000 Euro vom EU-Forschungsprogramm „Horizon“ gefördert.

Vor knapp einem Jahr habe die große Koalition ihre Klimaziele für das Jahr 2030 vorgelegt. Der Ökostromanteil soll bis 2030 auf 65 Prozent steigen. Die Herausforderung: Ein hoher Anteil von Solar- und Windstrom erhöht die Anforderungen an die Netze.

Stromnetz der Zukunft

Das Projekt „TwinERGY“ will deshalb dafür sorgen, das Stromnetze effizienter betrieben werden. Ziel sei es, dass Bürger den Strom von Windkraft- und Photovoltaikanlagen vor ihrer Haustür vermehrt lokal nutzen können.

In dem kleinen Ort Hagedorn (NRW-Gold in 2015 und Bundes-Bronze „Unser Dorf hat Zukunft“ in 2016), wo Professor Üpping lebt und Vorsitzender des Heimatvereins ist, wird dazu das Stromnetz umgebaut. Neben moderner Messtechnik werden neue automatisierte Schalt-Komponenten und elektrische Speichertechnik in Zusammenarbeit mit „Westfalen Weser Netz“ verbaut. Dadurch wird zusammen mit intelligenten Algorithmen der Anteil an erneuerbaren Energien im lokalen Stromnetz erhöht. „Um dieses komplexe System verständlich zu machen, werden durch die Stadt Steinheim noch mehrere Informationsveranstaltungen organisiert“, sagt Alexander Rauer, Projektleiter in der Kommunalverwaltung.

Dr. Lukasz Wisniewski (links) vom „Institut für industrielle Informationstechnik“ und Professor Johannes Üpping vom „Future Energy-Institut für Energieforschung“ der Technischen Hochschule OWL wollen das Stromnetz gemeinsam schlau machen. Foto: TH OWL

Neben dem Stromnetz liegt der Fokus auf dem effizienten Verbrauch von elektrischer Energie. Im Rahmen des Projektes würden den Projektteilnehmern unterschiedliche Technologien an die Hand gegeben und Informationen zur Verfügung gestellt.

Smarte Energienetze

„Ich freue mich, dass wir mit diesem Projekt einen Beitrag zur Energiewende leisten können, denn ohne smarte Energienetze wird uns diese nicht gelingen“, meint Professor Johannes Üpping, der zusammen mit den anderen Kollegen vom Institut Industrial IT (inIT) an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe die Umsetzung des Praxisprojektes begleitet. So wird den Dorfbewohnern im Rahmen der Forschungsarbeit für einen begrenzten Zeitraum ein Elektroauto mit einer Ladestation, die möglichst ausschließlich erneuerbare Energie lädt, zur Verfügung gestellt.

Und die teilnehmenden Haushalte bekommen in Echtzeit den Status ihres lokalen Stromnetzes angezeigt. Üpping: „So ist jederzeit sichtbar, wie viel Strom sie verbrauchen, erzeugen, speichern und ins Netz einspeisen.“ So könnten intelligente Hausgeräte, wie beispielsweise eine Wärmepumpe, aber auch die Einwohner selber ihr Verhalten anpassen und beispielsweise ihre Wasch– oder Spülmaschine zum optimalen Zeitpunkt anstellen.

Torke: „Ein Meilenstein!“

„Das Projekt ist ein Meilenstein für die intelligente Energieversorgung im ländlichen Raum!“ betont Steinheims Bürgermeister Carsten Torke, der die Ergebnisse und Informationen für alle Steinheimer Bürger transparent machen möchte – und auch für weitere Energieprojekte in der Stadt Steinheim nutzen will.

Das Projekt ist Teil von „Horizon 2020“, dem bisher größten Forschungs- und Innovationsprogramm der EU. Beteiligt sind neben der Stadt Steinheim und der TH-OWL noch 16 weitere Partner aus elf EU-Staaten mit der Koordination durch die Universität in Patras in Griechenland.

Das Gesamtprojekt „TwinERGY“ wird zunächst für drei Jahre mit knapp sechs Millionen Euro gefördert. Eines der Ziele sei es, die Erkenntnisse aus dem Projekt auf andere Regionen in der EU zu übertragen.

Wertschöpfung

Johannes Üpping: „Unser Ziel ist es, das Stromnetz schlau zu machen und für die Energiewende zu rüsten. Wir haben das Ziel, die Wertschöpfung von erneuerbaren Energien in der Region zu halten und gleichzeitig die Kosten der Stromversorgung zu senken.“

Im Rahmen des Projektes würden auch die Kommunikationsinfrastruktur und ein digitaler Zwilling eines lokalen Niederspannungsnetzes entwickelt. „Es ist ein ambitioniertes Projekt“, sind die Wissenschaftler der TH OWL überzeugt. Mit Hilfe von Algorithmen berechnen sie voraus, wann wie viel Energie erzeugt und verbraucht wird.

Mit diesem Wissen könnten später Netzbetreiber und Energiemanager besser planen, wie die Energie optimal verteilt werden sollte.

Professor Üpping sieht darin einen ganz praktischen wie umweltfreundlichen Ansatz: „Für Verbraucher hat es den Vorteil, dass sie vermehrt erneuerbaren Strom nutzen, der beispielsweise in elektrischen Speichern lokal gespeichert wird. Intelligente Systeme in den Haushalten sorgen dafür, dass beispielsweise das E-Auto im Carport dann aufgeladen wird, wenn möglichst wenig Emissionen erzeugt werden.“

Startseite