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Fachtagung im Jugenddorf Petrus Damian: Lebensthemen von Kindern und Jugendlichen erfahrbar machen

„Systemsprenger“ besser verstehen

Warburg

Zum zweiten Mal haben sich Fachkräfte aus Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zu einer Fachtagung zum Umgang mit sogenannten „Systemsprengern“ im Jugenddorf Petrus Damian getroffen. Das geht aus einer Pressemitteilung hervor.

Nicole Evers, Pädagogische Leiterin im Jugenddorf Petrus Damian (vorne), erläuterte das Konzept des Jugenddorfes. Foto: WB

Im Vordergrund stand demnach die Frage, wie die Mitarbeiter in Heimen, in Jugendämtern und bei anderen Diensten die Kinder und Jugendlichen mit ihren zum Teil extrem herausfordernden Verhaltensweisen besser verstehen und ebenso helfen können.

Elmar Schäfer, der Leiter des Jugenddorfes, wird zitiert mit: „Wir sind gerne wieder Gastgeber für die Tagung, da wir im Jugenddorf sehen, wie die Anzahl der sogenannten ‚Systemsprenger‘ deutlich zunimmt. Als Jugendhilfeeinrichtung greifen wir diese Thematik seit Jahren auf und werden unsere Angebote erweitern.“

Konfliktthemen erkennen

Die sogenannte „sozialpädagogische Diagnostik“ biete einen neuen Ansatz im Umgang mit extrem herausfordernden Verhaltensweisen. Hinter den „sozialpädagogischen Diagnosen für Kinder und Jugendliche“ und den „sozialpädagogischen Familiendiagnosen“ verberge sich eine Methode, welche die Lebensthemen von Kindern und Jugendlichen oder von Familien erfahrbar mache.

Eine in dieser Methode ausgebildete Fachkraft führe durch die Diagnose. Mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene würden Interviews geführt. Die Auswertung erfolge nach festgelegten Standards. Die Sichtweisen der Befragten, ihre Wünsche, Verletzungen und ihre aktuellen Lebensthemen stünden dabei im Vordergrund. Aus diesen Ergebnissen würden gemeinsam Ziele und Handlungsleitlinien für die weiteren Hilfemaßnahmen entwickelt.

„Wichtig ist es uns dabei, dass nicht Außenstehende sagen, was los ist und zu tun ist, sondern, dass Kinder und Jugendliche beziehungsweise die Erwachsenen ihre Lebens- und Konfliktthemen erkennen und selber für sich Schritte entwickeln, um diese zu bearbeiten“, wird Nicole Evers, Pädagogische Leiterin im Jugenddorf Petrus Damian, in der Mitteilung zitiert.

Experten aus Österreich

Durch Möglichkeiten der Videoübertragung konnten bei der Tagung auch in diesem Jahr wieder Fachkräfte aus Kärnten teilnehmen. In Österreich wird mit der „sozialpädagogischen Diagnostik“ bereits intensiv gearbeitet, hießt es in der Pressemitteilung weiter.

An der Tagung mit dem Titel „Systemsprenger verstehen – professionelle Vernetzung – Praxisaustausch“ nahmen neben österreichischen Fachkräften aus Wien und Kärnten Sozialpädagoginnen und -pädagogen aus verschiedenen Regionen Deutschlands (Dresden, Aachen, Berlin, Strausberg, Aachen, Bensheim, Frankfurt/Main und Hagen) teil.

Das Jugenddorf Petrus Damian war mit Kolleginnen aus den Bereichen Inobhutnahme, Mutter-Vater-Kind-Gruppe und dem Traumapädagogischen Zentrum vertreten, die Wissenschaft durch Prof. Dr. Nicole Rosenbauer aus Dresden. Fachlich vorbereitet und moderiert wurde die Tagung von Stephan Cinkl aus Brandenburg, der die sozialpädagogischen Diagnosen und sozialpädagogischen Familiendiagnosen mitentwickelt hat und mit dem Jugenddorf als Berater schon länger zusammenarbeitet.

Eine Fachgesellschaft gründen

Im ersten Beitrag in Form eines Erfahrungsberichtes schilderten Stefanie Husemann und Nicole Evers als Leitungskräfte im Bereich der Inobhutnahme des Jugenddorfes Erfahrungen einer teilnehmenden Beobachtung und Beratung durch Stephan Cinkl in der Arbeit einer Wohngruppe. Die Sicht des externen Beraters führte zu Auseinandersetzung und ebenso zu produktiven Veränderungen. In der Diskussion wurde der Mut hervorgehoben, sich von außen kritisch „in die Karten schauen zu lassen.“

Werner Mayer aus Wien berichtete von einem Beratungs- und Clearingprozess zu zwei „Systemsprengern“ in einem SOS-Kinderdorf im Burgenland. Es wurde deutlich, dass neben der sozialpädagogischen Diagnostik, die Unterstützung der betreuenden Teams besonders wichtig ist. Durchaus auch selbstkritische Darstellung und Diskussion von drei Fallbeispielen zu „Systemsprengerinnen“ aus Pforzheim, Rostock und Dresden schlossen sich an.

Zum Abschluss der Tagung wurde beschlossen, eine „Fachgesellschaft Sozialpädagogische Diagnosen – Sozialpädagogische Familiendiagnosen“ zu gründen, um beide Verfahren weiter zu etablieren, erreichte Qualitätsstandards zu sichern und Praxis- und Forschungsprojekte zu initiieren. Alle Tagungsteilnehmer hoffen, dass die Tagung 2022 wieder analog im Jugenddorf stattfinden kann.

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