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Berühmter niederländischen Maler Johannes Tavenraat hat 1856 Warburger Ansichten in Skizzen festgehalten

Als der Meister zu Besuch war

Warburg

Das Rijksmuseum in Amsterdam zählt zu den größten und wichtigsten Museen Europas, wenn nicht der Welt. Die Sammlung umfasst rund eine Million Objekte. Darunter sind auch 20 Skizzenbücher des niederländischen Malers und Zeichners Johannes Tavenraat (1809-1881). In einem dieser Bücher, das 88 Seiten umfasst, findet man unerwarteterweise außer Zeichnungen von Mönchen, Tieren und Landschaften aus der Umgebung von Delft und Rotterdam auch 14 Motive aus Warburg und Umgebung. Eines dieser Bilder ist Thema in einer neuen Folge unserer Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“.

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Johannes Tavenraat, Blick vom Marktplatz in die Hauptstraße, Bleistift auf Papier, 1856 Foto: Stadtarchiv Warburg

Auf einer Doppelseite hat Tavenraat im Hochformat einen Blick vom Neustadtmarkt nördlich an der St.-Johanneskirche vorbei in die Hauptstraße festgehalten und acht Häuser mehr oder weniger genau skizziert, wobei zum Teil nur die Dächer auszumachen sind. Der Turm der Neustadtkirche ist angeschnitten.

Besonders fasziniert hat ihn anscheinend das Haus Hauptstraße 52, ist es doch detaillierter skizziert als alle anderen. Das Haus wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbaut. In der Skizze von Tavenraat ist die Tordurchfahrt noch rundbogig. Auch das Dachgeschoss zeigt noch die ursprüngliche Form. Um 1860 erfolgte dann hier ein Umbau, der dem Haus weitgehend die heutige Gestalt gab.

Das Fachwerk der Straßenfront des Hauses mit den charakteristischen Fächerrosetten ist deutlich zu erkennen. Künstlerische Freiheit ist das sich anschließende Haus, warum der Zeichner es eingefügt hat, ist nicht klar. Wieder der Realität entspricht die Skizzierung des mächtigen Hauses Hauptstraße 46. An seinen Vorkragungen deutlich zu identifizieren ist auf der anderen Straßenseite das Engelhardsche Haus (Hauptstraße 47). Eine Mauer grenzt den Kirchhof ein. Der angeschnittene Kirchturm zeigt die Form, die er im 18. Jahrhundert erhalten hatte.

Das Jahr, in dem der Künstler Warburg besuchte, war für die Stadt und das Umland ein sehr schwieriges. Am 14. August wüteten den ganzen Tag über schwere Gewitter. Am frühen Abend kamen noch starker Hagel und gewaltiger Sturm dazu.

Die gesamte Ernte wurde vernichtet, Häuser stürzten ein oder wurden beschädigt, Bäume wurden umgerissen. Der Stadtchronist schreibt: „Der Schaden ist unermesslich. Der ganze Erntesegen ist vernichtet, und der Landmann beweint den Verlust seiner vielen Mühen Lohn.“

Johannes Tavenraat war der Sohn eines wohlhabenden Tuchfabrikanten. Finanziell so unabhängig, widmete er sich der Kunst nicht als Broterwerb, sondern aus Neigung. 1846 bis 1860 lebte er in Materborn, heute ein Stadtteil von Kleve. Er gilt als Außenseiter unter den niederländischen Romantikern.

Tavenraat unternahm zahlreiche Studienreisen. 1856 machte er sich von Kleve aus auf den Weg nach Kassel, um in der dortigen Gemäldegalerie die Alten Meister zu studieren. Warburg lag an seiner Reiseroute. Die Stadt, ihre Umgebung und vor allem der Desenberg müssen ihn so fasziniert haben, dass er sein Skizzenbuch aufschlug.

Motive waren für ihn außer der abgebildeten Szenerie unter anderem die Altstadtkirche, Kloster Wormeln von Warburg aus gesehen, die Nordansicht der Stadt, Calenberg aus der Ferne, zwei Brücken und ein Schäferkarren. Den Desenberg zeichnete er aus der Ferne und bestieg ihn, um die Ruinen auf zwei Blättern genauer zu skizzieren. Auf der Rückseite einer Desenbergskizze findet sich eine relativ ausführliche Beschreibung, die zeigt, wie groß Tavenraats Interesse an den Ruinen war. Eingeschoben sind Notizen für die farbliche Umsetzung der Skizze in ein Gemälde.

Auch wenn Johannes Tavenraat zu den weniger bekannten niederländischen Künstlern zählt: 1981 war ihm eine Ausstellung gewidmet, die in Kleve und zwei niederländischen Städten gezeigt wurde.

Betreut wurde das Projekt übrigens von dem niederländischen Kunsthistoriker Ronald de Leeuw, der später als Direktor des van Gogh-Museums und dann des Rijksmuseums bekannt werden sollte.

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