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Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“: Ansichtskarte von 1903 zeigt Marktplatz und Marktstraße

Als Warburg ein „Hochhaus“ hatte

Warburg

Sechs Wohn- und Geschäftshäuser, darunter eine Gaststätte mit Brauerei, und einen Teil des Neustädter Marktplatzes, hatte der Fotograf im Blick, als er die Vorlage für diese Ansichtskarte schuf. Über dieses Stück Zeitgeschichte handelt die neue Folge unserer Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“.

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Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1903, die Teile der Marktstraße und des Neustadtmarktes zeigt, hatte der Verlag F. C. Werth aufgelegt. Foto: Stadtarchiv Warburg

Dass dem Fotografen das kitteltragende Kind vor die Linse lief, damit hatte er wohl nicht gerechnet.

Auf der linken Seite des Fotos sind die Häuser Marktstraße 6, Marktstraße 4 und Hauptstraße 61 zu sehen. Geradeaus geht der Blick auf das Haus Hauptstraße 62. Von der Brauerei und Gaststätte Kohlschein (Hauptstraße 60) ist der obere Teil zu erkennen, ebenso vom Haus Hauptstraße 58.

Ganz links im Bild ist das Wohn- und Geschäftshaus F. C. Werth abgebildet, Buch-, Kunst-, Musikalien- und Schreibwarenhandlung, Buchdruckerei und Buchbinderei unter einem Dach. Außerdem konnte man dort Bilder rahmen lassen und fotografische Artikel kaufen. Und zahlreiche Ansichtskarten stammen aus der Produktion des Verlages Werth, so auch die abgebildete Karte, die 1903 aufgelegt wurde.

Begonnen hatte die Geschichte der Firma Werth 1861. In diesem Jahr beantragte der Buchbinder Friedrich Christoph Werth aus Recklinghausen, geboren am 5. Oktober 1833, eine Niederlassungsgenehmigung in Warburg. Sein erstes Geschäft war im Haus Heidenreich, heute Kalandstraße 15. Bald war der Betrieb so etabliert, dass an der Marktstraße neu gebaut werden konnte. Zur Zeit der Aufnahme wurde das Geschäft von den Brüdern Heinrich und Franz geführt, Friedrich Christoph Werth war bereits 1889 verstorben.

Kolonialwaren und Kurzwaren

Das dreigeschossige Haus Marktstraße Marktstraße 4 dürfte im Kern auf einen wohl im 18. oder frühen 19. Jahrhundert errichteten zweigeschossigen Fachwerkbau zurückgehen. Er wurde dann wohl im späten 19. Jahrhundert aufgestockt und erhielt die Verbretterung an der Fassade. Hier befand sich spätestens seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Ladengeschäft des Kaufmanns August Menne. Weitergeführt wurde es von August Gödde.

Im Angebot von Gödde waren im frühen 20. Jahrhundert Kolonialwaren und Kurzwaren: Kaffee, Schokolade, Kakao, Tee, Vanille, Mandeln, Rosinen und Obst, aber auch Strickgarn, Strumpfwaren, Taschentücher, Hosenträger, Manschetten, Kragen und Korsetts. Zu Weihnachten wurde eine Spielwarenausstellung veranstaltet. 1932 wurde das Haus vom Gärtnereibesitzer W. Deist erworben. Im Verlauf des Umbaus verlegte man damals die im Foto noch vorhandene Außentreppe ins Haus.

Das Eckhaus Marktstraße/Hauptstraße 61 war als „Meyers Ecke“ bekannt. Hermann Meyer hatte es 1879 von Wilhelm Pielsticker gekauft und hier einen Laden eingerichtet. Im Angebot waren Damen- und Herrenkonfektion, Aussteuerartikel, Bettfedern und Daunen. 1893 beschäftigte Meyer bereits eine Verkäuferin, zwei Lehrlinge und vier Schneider. Der Geschäftsgründer war bis zu seinem Tod 1923 noch im Geschäft tätig.

Fünf Stockwerke hoch

Hauptstraße 62: 1865 gründeten dort die Brüder Pielsticker ein Manufaktur- und Modewarengeschäft. 1898 trat Gustav Küster als Teilhaber ein und wurde später alleiniger Inhaber. Neben dem Hauptgeschäft in Warburg gab es später Filialen in Moringen und Marsberg. Das Wohn- und Geschäftshaus dürfte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als mehrgeschossiger Fachwerkbau errichtet worden sein.

Unter der Anschrift Lange Straße 60 war das Wohn- und Geschäftshaus des Bierbrauers Franz Kohlschein im Adressbuch zu finden. Das mächtige Dach des ab 1831/32 entstandenen Hauses erhielt seinen heute noch charakteristischen Zwerchgiebel und die beiden seitlichen Gauben erst 1913.

Ungewöhnlich im Stadtbild von Warburg war über mehr als sechzig Jahre das Haus Marktstraße 58, im Foto sind ganz rechts die oberen Stockwerke zu erkennen. Mit fünf Stockwerken überragte dieses Wohn- und Geschäftshaus die benachbarte Bebauung deutlich und wurde deshalb „Hochhaus“ genannt. Es war nach Plänen eines Kölner Architekten 1902 als einsteinig ausgemauerte Stahlkonstruktion errichtet worden. Die Fassade zeigte einen aufwendigen Sandsteinschmuck.

Wasser im „Handumdrehen“

Seit 1903 betrieb hier Edmund Gödde neben seinem Kolonialwarenladen an der Marktstraße ein weiteres Geschäft. Im Angebot waren im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts vor allem Lederwaren und Reiseartikel, Geschenkartikel, Glaswaren, Seife, Parfüm und Warburg-Souvenirs. 1929 erwarb die Familie Kohlschein, deren Brauerei und Gaststätte nebenan lag, das Haus. In den sechziger Jahren wurde es weitgehend abgebrochen und beim Wiederaufbau der Bebauung am Neustadtmarkt angepasst.

Rechts im Vordergrund steht noch der Brunnen, der dann im August 1911 abgebrochen wurde. Seit dem 1. April 1894 war er funktionslos, denn an diesem Tag wurde die zentrale Wasserversorgung über das Wasserwerk in Betrieb genommen worden. Damit war Wasser im „Handumdrehen“ erhältlich. Seit dem Mittelalter hatten die Anwohner ihren Wasserbedarf mühselig an diesem zentralen Brunnen decken müssen.

In Teilen wurde er später an der Burg wiederaufgebaut. Der davor errichtete, im unteren Bereich aufgemauerte Mast mit den Stromleitungen und der Beleuchtung für die anliegenden Straßen und den Marktplatz stand noch in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zur Serie

Gemeinsam mit dem Warburger Stadtarchiv im „Stern“ bietet das WESTFALEN-BLATT die Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“. Wir haben interessante Motive und selten erzählte Geschichten entdeckt, die wir in loser Reihenfolge in dieser Zeitung aufbereiten sowie auf unseren Online-Kanälen präsentieren. Die bald 1000-jährige Stadtgeschichte bietet eine Fülle an Themen.

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