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Das Haus am Paderborner Tor 104 war viele Jahrzehnte der Sitz des Warburger Bürgervereins

Band der Geselligkeit verbindet

Warburg

Vom Gesellschafts-Haus des Warburger Bürgervereins zur Gaststätte: Mit der Bedeutung des Gebäudes am Paderborner Tor 104 befasst sich diese Folge unserer Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“.

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Vom Gesellschafts-Haus des Bürgervereins zur Gaststätte: das Gebäude am Paderborner Tor 104, hier auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1915. Foto: Stadtarchiv Warburg

Wer die drei Personen sind, die sich mit den beiden Hunden vor dem Zugang zum Grundstück dem Fotografen stellten, darüber kann man nur spekulieren. Möglicherweise handelt es sich bei dem Mann in der Mitte um den Eigentümer Heinrich Hermes.

Wie das Haus genutzt wurde, ist deutlich an den Schriftzügen an den Wänden abzulesen. Die Restauration bot kalte und warme Speisen und Getränke, auch auf die Kegelbahn wird verwiesen. Die Gaststätte war zuvor mehr als 30 Jahre das Vereinshaus eines Geselligkeitsvereins, des Warburger Bürgervereins, gewesen.

Gegründet wurde dieser Verein im Februar 1867. In den Statuten heißt es: „Der Bürgerverein hat den Zweck, die Warburger Bürger und die geeigneten Personen aus der Umgebung im zweistündigen Umkreis durch das Band der Geselligkeit zu einigen.“ 70 Gründungsmitglieder konnte der Verein aufweisen. Mitglieder waren in erster Linie Selbstständige wie Handwerker, Kaufleute und Landwirte, aber auch einige Verwaltungsbeamte und Lehrer. Aufgenommen wurde man auf schriftlichen Antrag.

Wurde positiv entschieden, erhielt man eine persönliche Mitgliedskarte, die zum Besuch des „Bürgervereins“ berechtigte. Das neue Mitglied hatte neben den Jahresmitgliedsgebühren ein Eintrittsgeld zu zahlen.

In den ersten zehn Jahren fanden die Treffen und Veranstaltungen des Vereins im Hotel Dodt an der Ecke Hauptstraße/Bahnhofstraße statt, dort, wo heute noch das ehemalige Postgebäude steht. Dann entstand zwischen Teutonenburg und Göringsgraben ein eigenes Gesellschafts- oder Vereinshaus mit Gaststätte, Gesellschaftszimmern für die Herren, einem Damenzimmer, einem Saal mit Bühne, einer Küche, einem geräumigen Weinkeller und einer Kegelbahn im Garten hinter dem Haus – der „Bürgerverein“ mit der Hausnummer 104 an der Straße Paderborner Tor.

Das zweiteilige Gebäude mit seinem Fachwerkvorbau und dem reichen Bauschmuck wie den Ecklisenen, dem Sockel aus Backsteinen und dem umlaufenden Rundbogenfries bot einen äußerst repräsentativen Anblick. Finanziert wurde der Bau vornehmlich durch Schuldverschreibungen in Höhe von jeweils 100 Mark, die mit 4 Prozent verzinst wurden. Diese Obligationen wurden dann nach und nach abgelöst. Für die Verwaltung des Hauses einschließlich der Reinigung und für die Bedienung der Gäste wurde ein, wie es in den Jahresrechnungen heißt, Castellan angestellt. Neben seinem Gehalt durfte er mietfrei wohnen.

Ein Blick in die erhaltenen Jahresrechnungen zeigt, welche Aktivitäten hier stattfanden: 1905 zum Beispiel fanden ein Ausflug in den Wald und eine Schlittenpartie statt, zu den neun Tanzveranstaltungen spielten Musiker aus Arolsen, in der Karnevalszeit standen mehrere Sitzungen und ein Maskenball auf dem Programm, auch zu Weihnachten und zu Silvester traf man sich im „Bürgerverein“.

Außerdem wurde Theater gespielt und musikalische Abende mit professionellen Musikern und Laien veranstaltet. Allabendlich konnten sich die Vereinsmitglieder zu Bier und Wein treffen, Karten und Billard spiegeln und in der schönen Jahreszeit dem Kegelsport frönen. Drei Tageszeitungen waren abonniert, nämlich das Warburger Kreisblatt, das Westfälische Volksblatt und als überregionale Zeitung die Germania.

Der Weinkeller des Vereins scheint stets gut bestückt gewesen zu sein, ein Verzeichnis von 1887 zum Beispiel führt einen Bestand von mehr als 1000 Flaschen auf, 1905 waren es 505 Falschen. Die Vermietung an Warburger Vereine oder reisende Theatergruppen brachte ein wenig Zusatzgeld in die Vereinskasse, alljährlich steuerten auch mehr oder weniger gut gelaunte junge Männer den Bürgerverein an, weil hier die Musterung stattfand.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zeigte es sich, dass die Einnahmen aus dem Vereinsbetrieb und aus den gelegentlichen Vermietungen nicht ausreichten, um die Kosten zu decken. Deshalb beantragte der Verein 1907 eine öffentliche Konzession. Trotzdem musste wenige Jahre später verkauft werden.

Mit dem 2. Januar 1912 übernahm Heinrich Hermes aus Lippstadt, der mit Theresia Hartmann aus Warburg verheiratet war, den „Bürgerverein“. Auch in den folgenden Jahrzehnten fanden hier Vereinsveranstaltungen statt. Die Nutzung von zwei Räumen hatte sich der Verein bereits beim Verkauf gesichert. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war der Bürgerverein dann zumeist im „Hotel zum Desenberg“ zu Hause.

In der Mitgliederversammlung am 20. Februar 1984 wurde nach 117 Jahren schließlich die Auflösung des Vereins beschlossen. Die Mitgliederzahl war in den Jahren zuvor deutlich gesunken und ein neuer Vorstand konnte nicht gefunden werden. „Im Zeichen der Technik spielen andere Dinge eine größere Rolle.“ So wird der Hauptgrund für die Auflösung im letzten Protokoll des Vereins beschrieben. Erschienen waren 13 von 29 Mitgliedern. Das noch vorhandene Vereinsvermögen wurde an die Stadt zur Renovierung der Stadthalle überwiesen.

Dort, wo einst die Gaststätte Bürgerverein gestanden hatte, entstand Ende der 60er Jahre ein Geschäftshaus mit einem Flachdach und 1999 folgte die jetzige Bebauung.

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