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Millionenprojekt mit Kurparkfest abgeschlossen

»Das gewisse Mehr an Natur«

Warburg-Germete (WB). Echte Germeter sind als Kind mindestens einmal in den Kälberbach gefallen. Das wird im Luftkurort behauptet. Wenn dem so ist, kommen sicher bald viele neue Germeter hinzu. Denn der Kälberbach ist nicht nur renaturiert, sondern vor allem für Kinder erlebbar gemacht worden. Das Natur- und Hochwasserschutzprojekt ist am Samstag mit einem Fest offiziell abgeschlossen worden.

Jürgen Vahle

Ingenieur Bernd Schackers vom Planungsbüro »UIH« (rechts) hat am Samstag bei einer Führung erläutert, welche Besonderheiten der Kälberbach hat. Vier Jahre lang wurde das Gewässer umgestaltet und das Bachbett von 510 auf 630 Meter verlängert. Fotos: Jürgen Vahle Foto:

Vier Jahre lang wurde der Bach in zwei Abschnitten renaturiert. Zunächst wurde 2015/2016 ein 50 Meter langes Stück entlang der Straße Zum Kurgarten naturnah zurückgebaut. An dieser Stelle (Kosten etwa 300.000 Euro) wurde auch die Straße verschwenkt und neu asphaltiert.

1,2 Millionen Euo investiert

2018/2019 erhielt der Kälberbach dann praktisch durch den gesamten Kurpark hindurch ein naturnahes Bett. Für diese etwa 900.000 Euro teuren Arbeiten wurden 460 Meter des Baches umgestaltet. Und dies mit erheblichem Aufwand, weil teils gravierende Höhenunterschiede ausgeglichen, Wege umgelegt und Gebäude abgerissen werden mussten. Allein 3000 Kubikmeter Erde wurden bewegt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie viele Germeter und Besucher des Kurparkfestes am Samstag feststellten. Es gab kostenloses Minigolf für Mädchen und Jungen bis zehn Jahre, Mitarbeiter des Kindergartens St. Michael sorgten für Programm, Germeter Gastronomiebetriebe sowie die Vereinigung »Hand in Hand« übernahmen die Bewirtung bis in die späten Abendstunden.

»Optisch erheblich aufgewertet«

Bürgermeister Michael Stickeln, der die Gäste begrüßte, lobte, dass der Bach »nicht nur ökologisch, sondern ebenso optisch in erheblicher Weise aufgewertet wurde«. Ein wertvolles Stück Natur sei zurückgewonnen worden. Damit sei eine sichtbare Erhöhung der Aufenthaltsqualität verbunden, sagt der Bürgermeister und spielte darauf an, dass der Bach nun an vielen Stellen über kleine Trittwege und Steine erreichbar sei.

In der Vergangenheit seien auch im Warburger Land viele Gewässer »gezähmt worden«, um beispielsweise Grund und Boden im Umland besser nutzen zu können. »Diese starken Eingriffe in einen natürlichen und höchst sensiblen Landschaftsraum brachten vielfältigen Gewinn. Dass mit ihnen auch beträchtliche Verluste einhergingen, wurde erst allmählich erkannt«, analysierte Stickeln.

80 Prozent Förderung von Bund und Land

Werde ein Gewässer wie der Kälberbach renaturiert, könnten sie »ihre Selbstreinigungskraft zurückgewinnen und die frühere Artenvielfalt kehrt erstaunlich schnell zurück. Sicher kann es kein vollkommenes Zurück in frühere Zeiten mit komplett naturbelassenen Flächen geben, doch ein gewisses Mehr an Natur können und wollen wir uns leisten.«

Nicht nur zum Nutzen der Natur, sondern auch der Bewohner übrigens: In Germete war der zuvor in weiten Teilen in Rohren und Betonbett verlaufende Bach immer wieder über die Ufer getreten und hatte Teile des Dorfes unter Wasser gesetzt. Das ist seit der Renaturierung nicht mehr vorgekommen. Michael Stickeln wies in diesem Zusammenhang auch noch einmal darauf hin, dass Land oder dem Bund dies genauso einschätzten und von der Bausumme von 1,2 Millionen Euro 80 Prozent (960.000 Euro) übernommen hätten.

Kommentar

Im Germeter Kurpark kann man sich nicht verlaufen, weil man von einem Ende zum anderen gucken kann«, hat Ethno-Kabarettist Udo Reineke beim Germeter Dorfjubiläum festgestellt. Natürlich ist das überspitzt formuliert, aber im Kern richtig. Die »Anlagen«, wie die Germeter den Kurpark nennen, sind klein. Dennoch ist der Park dank der Angebote und seiner Lage am Diemelradweg beliebt. Minigolf, Wassertreten, Spiel- und Fitnessgeräte, Liegebänke, ein Insektenhotel und ein Café locken Besucher. Als kleine Oase für Spaziergänger und Radfahrer hat der Kurpark seinen Wert für die Stadt. Das Fleckchen Erde hat zudem Potential. Ein Ausbau des Spielplatzes und eine Sanierung des in die Jahre gekommenen Tretbeckens könnten die nächsten Projekte sein. Nach Westen hin ist der Kurpark verwildert, der Grillplatz heruntergekommen. Auch hier könnten gemeinsame Überlegungen von Experten und Dorfbevölkerung dazu führen, dass die Attraktivität gesteigert wird. Zudem wäre der Park ein idealer Ort für Kunst im öffentlichen Raum oder für die Darstellung der Brunnengeschichte des Ortes. In nahen Volkmarsen wird derzeit genau auf dieses Pferd gesetzt. In die Anlage am Sauerbrunnen wird seit Jahren immer wieder investiert. In Germete könnte es nach der Millionen-Renaturierung ebenfalls in diese Richtung weitergehen. Jürgen Vahle

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