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Nach dem Aus für Zuckerfabrik: Bauern denken laut über eigene Genossenschaft nach

Die Börde ist traurig und enttäuscht

Warburg (WB). Die Entscheidung des Aufsichtsrates der Südzucker AG, das Warburger Zuckerwerk zu schließen , sorgt im Warburger Land für Betroffenheit. Der Schock sitzt tief. Die Menschen in der Börde sind traurig und enttäuscht.

Ralf Benner

Ihren Kampf haben sie verloren: Die Menschen in der Börde sind traurig und sehr enttäuscht darüber, dass der Aufsichtsrat der Südzucker AG das Aus für »ihre« Zuckerfabrik – neben dem Desenberg eines der Wahrzeichen des Warburger Landes – am Montagabend besiegelt hat. Foto: Jürgen Vahle

Bürgermeister Stickeln

»Mir fehlen auch noch ein Stück weit die Worte«, sagt Bürgermeister Michael Stickeln. Er bedanke sich »bei allen, die sich so engagiert mit eingebracht haben bei unserem gemeinsamen Engagement zum Erhalt unserer Zuckerfabrik«, postet das Stadtoberhaupt bei Facebook. »Wenn dieses Engagement eines gezeigt hat: Wir stehen alle geschlossen zusammen, wenn es darauf ankommt. Diese Geschlossenheit sollten wir uns für die Zukunft bewahren«, macht Stickeln Mut.

Gewerkschaft NGG

Die Belegschaft der Zuckerfabrik hofft auf weitere Gespräche. Das sagt der zuständige Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Armin Wiese. Er geht davon aus, dass die Arbeitnehmerseite noch einmal einen Versuch unternehmen werde, die Südzucker AG von dem Vorhaben abzubringen. »Wir hatten uns natürlich ein anderes Ergebnis gewünscht«, so Wiese.

Biobauer Josef Jacobi

»Wir haben so viel Energie in unseren Kampf gesteckt – vergebens«, bedauert Biobauer Josef Jacobi aus Körbecke, der bei den Demonstrationen gegen eine Schließung des Werkes den Treckerkorso mit organisiert hatte.

Jacobi regt an, beim Zucker zukünftig ganz auf Regionalität zu setzen. »Die Zuckerrübenanbauer sollten wie ihre Vorväter eine Genossenschaft gründen, um für sich selbst zu sorgen«, erklärt er. Es sei denkbar, dem Unternehmen das Werk für einen symbolischen Euro abzukaufen, um dort Zucker selbst zu produzieren – in der Region hergestellt und auch in Bioqualität.

Abnehmer für die 80.000 bis 90.000 Tonnen Zucker, die das Warburger Werk produzieren könne, seien vorhanden. Er denke dabei etwa an Unternehmen wie Stute in Paderborn. »Die Chancen für eine eigene Genossenschaft stehen gar nicht mal so schlecht«, ist Jacobi überzeugt. Er hat mit der Upländer Bauernmolkerei schon einmal bewiesen, wie solch ein Vorhaben erfolgreich in die Tat umgesetzt werden kann.

Antonius Tillmann

Bestürzt über die Entscheidung des Aufsichtsrates ist auch Landwirt Antonius Tillmann aus Bonenburg, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Höxter. »Ich bin zutiefst enttäuscht, dass unsere Proteste den Aufsichtsrat und den Vorstand der Südzucker AG in keiner Weise beeindruckt haben«, sagt Tillmann.

Er geht davon aus, dass sich viele Landwirte nun ernsthaft überlegen müssten, ob es sich für sie künftig überhaupt lohne, weiterhin Rüben anzubauen. »Die Rübenpreise sind derzeit sehr niedrig und die Fahrkosten steigen«, erläutert Tillmann. Er rechnet im Durchschnitt mit 120 Euro Fahrkosten pro Hektar mehr, sollten Anbauer ihre Zuckerrüben zukünftig in das etwa 60 Kilometer entfernte Werk nach Wabern im Schwalm-Eder-Kreis fahren.

Der Rübenanbau selbst aber habe in der Warburger Börde weiterhin eine Zukunft. »Ich rechne jedoch damit, dass die Anbaufläche in der Region um die Hälfte zurückgehen wird«, prognostiziert Tillmann.

Nach dem Ende der Zuckerquote hätte die Südzucker AG die Landwirte aufgefordert, weit mehr Rüben zu produzieren, als das Lieferrecht eigentlich vorsehe. Viele Bauern hätten fast doppelt so viel Rüben angebaut. »Diese Menge und Anbaufläche wird wieder zurückgefahren werden«, ist der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Höxter überzeugt. »Damit wäre für die Bauern aus der Börde auch noch Luft in Wabern«, so Tillmann.

MdB Christian Haase

Der heimische Bundestagsabgeordnete Christian Haase (CDU) hält die Entscheidung des Aufsichtsrates der Südzucker AG für falsch: »Ich kann das nicht nachvollziehen. Damit entscheidet sich das Unternehmen bewusst gegen die deutschen Rübenbauer. Das ist für mich ein Vertrauensverlust.«

Den Argumenten für einen Fortbestand der Zuckerfabrik sei anscheinend keinerlei Gehör geschenkt worden. »Ich bin traurig und enttäuscht, hatten wir doch alle Hebel in Bewegung gesetzt.« Christian Haase dankte Landrat Friedhelm Spieker, Bürgermeister Michael Stickeln, den Vertretern der Landwirtschaft und der Rübenbauer sowie den Bewohnern der Warburger Börde ausdrücklich »für die großartige, abgestimmte und konstruktive Zusammenarbeit in der Sache«. Und weiter: »Wenn man eine gute Nachricht aus der Enttäuschung ziehen kann, dann die, dass unsere Region fest zusammensteht, wenn es drauf ankommt.«

MdL Matthias Goeken

Die vom Aufsichtsrat beschlossene Schließung des Warburger Zuckerwerkes mache ihn »unglaublich traurig«, schreibt der heimische Landtagsabgeordnete Matthias Goeken (CDU) bei Facebook. Er bedankt sich bei allen Beteiligten für ihr Engagement zur Erhaltung des Zuckerstandortes Warburg. »Die Geschlossenheit und das Engagement in den letzten Wochen war einfach unglaublich«, zeigt sich Matthias Goeken beeindruckt.

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