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Einstiger Alterssitz der Germeter Serviam-Schwestern wird abgerissen

Geschichte von Haus Maria geht zu Ende

Warburg (WB). Auf dem Heinberg zwischen Warburg-Germete und Warburg-Ossendorf geht demnächst eine fast 60-jährige Geschichte zu Ende. Das Haus Maria – einst Altenheim der Germeter Serviam-Schwestern, dann Sitz der Maronitenmission und zuletzt Flüchtlingsunterkunft – steht leer und soll abgerissen werden, weil es keine Nachfolgenutzung gibt.

Ulrich Schlottmann

Abschiedsbesuch im Haus Maria: Die Serviam-Schwestern Anastasia (2. von links) und Beatrix sind gemeinsam mit Claudia Vorschütz (links) und Jan Tillmann von der Flüchtlingsinitiative noch einmal durch das leer stehende Gebäude gegangen. Foto: Ulrich Schlottmann

»Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, noch einmal durch die leeren Räume zu gehen«, sagt Schwester Anastasia bei einem Abschiedsbesuch im Haus Maria am Mittwochabend. Und Schwester Beatrix bekennt, dass sie beim Anschauen der Bilder in den alten Fotoalben Wehmut empfindet.

Es ist schon einige Jahre her, dass die letzten Serviam-Schwestern ausgezogen sind, aber die in Germete ansässige christliche Gemeinschaft fühlt sich dem Haus immer noch sehr verbunden, wie die beiden Schwestern betonen.

1961 war der erste Spatenstich für den Alterssitz der Serviam-Schwestern auf dem Heinberg erfolgt. Nebenan befand sich die Landwirtschaft, die wesentlich zum Unterhalt der Gemeinschaft beitrug. Der Hof wurde 1994 an den Verein »Landhaus am Heinberg« verkauft, der dort seitdem eine christliche Bildungs- und Freizeitstätte betreibt.

Im Oktober 1963 ziehen die Schwestern ein

Knapp zwei Jahre nach dem Baubeginn, im Oktober 1963, konnten die älteren und kranken Schwestern das neue Gebäude beziehen, um dort von ihren jüngeren Mitschwestern betreut zu werden. 44 Zimmer waren vorhanden. »Das Haus war aber nie voll belegt«, erinnert sich Schwester Beatrix. Im Schnitt hätten dort 25 Schwestern gelebt.

Die meisten Frauen sind sehr alt geworden, einige über 100 Jahre. Schwester Beatrix schreibt das der guten Luft auf dem Heinberg zu. »Vielen unserer Älteren und Kranken war die Luft in Germete zu schwer geworden. Auf dem Heinberg konnten sie dann besser atmen und haben noch einige schöne Jahre dort verbracht«, erzählt sie.

Die Fotos aus den alten Alben vermitteln das Bild einer fröhlichen Gemeinschaft. Sie zeigen die Schwestern beim gemeinsamen Essen und Beten, bei der Hausarbeit, der Gartenpflege und beim Verabschieden von Gästen mit Musik. »Das Haus Maria war immer offen und gastfreundlich«, betont Schwester Beatrix. Geistliche Begleitung erhielt die Gemeinschaft von Pfarrern aus Warburg.

Haus Maria wird mehr und mehr zur Last

Nach der Jahrtausendwende wurde den Schwestern das Haus Maria aber mehr und mehr zur Last. Der Pflegeaufwand für die Bewohner wurde immer höher und konnte aus eigener Kraft nicht mehr geleistet werden. Es mussten also Pflegekräfte, auch für die Nacht, angestellt werden.

Hinzu kam das Problem, dass das Haus Maria kein anerkanntes Pflegeheim war, so dass es Pflegegeld nur für die Stufe der Häuslichen Pflege gab. »Letztlich hat uns das alles finanziell überfordert«, sagt Schwester Beatrix.

So reifte der Entschluss, das Haus Maria aufzugeben. Zwölf pflegebedürftige Schwestern sind 2011 in das Altenzentrum St. Johannes in Warburg gezogen. Bis auf eine sind inzwischen alle verstorben.

Maronitenmission Deutschland nutzt das Haus

Elf weitere Schwestern sind ins Mutterhaus zurückgekehrt, wo Räume für sie hergerichtet worden waren. 18 Schwestern leben derzeit in Germete, 25 Serviam-Schwestern gibt es in Deutschland, weltweit – vor allem in Brasilien und Bolivien – sind es rund 100.

Die Germeter Schwestern freuten sich 2011 sehr, dass sie ihr Haus Maria der Maronitenmission Deutschland zur Nutzung übergeben konnten. Das Gebäude sollte ein Zentrum für die arabisch-sprachigen Christen, vor allem Libanesen, in Deutschland werden.

Die Priester gingen das Projekt mit großem Elan an und brachten sich auch im hiesigen pastoralen Raum ein, konnten ihr Vorhaben aber letztlich nicht fortführen. Es fehlte das Geld für die hohen Unterhaltungskosten und notwendige Sanierungsmaßnahmen.

Flüchtlingsunterkunft der Stadt Warburg

2015 folgte die dritte und letzte Phase in der Geschichte des Haus Maria. Die Maroniten vermieteten das Gebäude für einen symbolischen Mietzins als Flüchtlingsunterkunft an die Stadt Warburg: Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise wurde jeder Quadratmeter gebraucht.

In Spitzenzeiten lebten 90 Flüchtlinge unterschiedlicher Nationen im Haus Maria. Und der gute Geist des Hauses wirkte weiter. Schnell bildete sich eine Flüchtlingsinitiative, die die Menschen unterstützte und die wesentlich dazu beitrug, dass es ein gutes Miteinander in der Unterkunft gab.

Zur Integration trugen beispielsweise Einladungen zu landestypischen gemeinsamen Essen von Flüchtlingen und Einheimischen bei. »Das Haus Maria hat sich immer durch eine familiäre Atmosphäre ausgezeichnet. Das war auch so, als dort Flüchtlinge untergebracht wurden«, betont Schwester Anastasia.

Die Flüchtlingsinitiative blickt zurück

Mitte April sind die letzten Flüchtlinge aus dem Haus Maria ausgezogen. Sie leben jetzt, sofern sie einen Aufenthaltsstatus haben, in eigenen Wohnungen, sind in andere städtische Unterkünfte umgezogen oder in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Jan Tillmann und Claudia Vorschütz von der Flüchtlingsinitiative blicken auf »eine intensive, fordernde, aber im Rückblick doch befriedigende Aufgabe zurück«.

Und ein wenig Wehmut beschleicht auch sie, wenn sie an das baldige Ende des Hauses denken, zu dem Jan Tillmann schon seit seiner Kindheit eine besondere Beziehung hat. Viele Jahre lebte seine Tante, Schwester Clementine Tillmann, im Haus Maria. Sie ist dort 2005, kurz vor ihrem 102 Geburtstag, verstorben.

Wie lange das Haus Maria noch stehen bleibt, ist offen. »Weil sich kein Investor gefunden hat, der das Gebäude übernehmen will, um es umzubauen und energetisch zu sanieren, sind wir gezwungen, es abreißen zu lassen«, teilte Pater Gaby Geagea, der Leiter der Maronitenmission Deutschland, mit. Das können auch die Germeter Schwestern akzeptieren. »Der Abriss ist besser, als neben dem Landhaus am Heinberg einen Schandfleck entstehen zu lassen«, meint Schwester Anastasia.

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