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379 suchenden Jugendlichen stehen 697 offene Stellen gegenüber

Handwerk im Kreis Höxter kämpft um Nachwuchs

Warburg/Kreis Höxter

Seit Jahren sinkt der Bundesagentur für Arbeit zufolge deutschlandweit die Zahl der Ausbildungssuchenden, während die Zahl der offenen Stellen steigt. Und das nicht erst seit der Corona-Krise.

Von Alice Koch

Wollen beim Dachdecker-Meisterbetrieb Heinrich Koch hoch hinaus (von links): Tim Bierwirth, Niklas Zembrzycki, Dachdeckermeister Marcel Bräuer, Niklas Brechtken und Aboubacry Diaw. Foto: Dachdecker-Meisterbetrieb Heinrich Koch

Hört man sich bei ausbildenden Betrieben und den Kammern um, kristallisieren sich drei Gründe für das Problem heraus: Geburtenschwache Jahrgänge plus Trend zum Studium plus schlechtes Image vieler Ausbildungsberufe ergibt Lehrlingsmangel. Auch im Kreis Höxter steigt die Nachfrage nach Auszubildenden stetig.

Das ist ein Trend, der sich bis Ende April am Ausbildungsmarkt bestätigt hat: 379 Jugendliche suchen noch eine Ausbildungsstelle. Demgegenüber stehen 697 unbesetzte Stellen. „Dieses deutliche Missverhältnis ist nach Branchen zu differenzieren“, sagt Gerald Studzinsky, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Höxter-Warburg.

Veraltete Klischees

Während etwa im Bereich Elektro und Sanitär noch Interesse da sei, blieben im Nahrungsmittelgewerbe zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt. Entscheidend für die Beliebtheit einer Branche sei das Bild, das Jugendliche von ihr im Kopf haben: Das ist beim Metzger sehr blutig, am Bau staubig und dreckig, und ein Bäcker muss früh aufstehen.

„Das sind veraltete Klischees, die längst nicht mehr zeitgemäß sind“, betont Studzinsky. Das Handwerk biete jungen Menschen tolle berufliche Perspektiven, und auch finanziell würden viele Handwerksberufe den akademischen in nichts nach stehen. Damit die Betriebe am Ende nicht ohne Nachwuchs dastehen, reicht es nicht aus, auf Bewerbungen zu warten. Vielmehr ist es inzwischen so, dass sich der Betrieb beim Auszubildenden bewirbt und nicht umgekehrt.

Kreishandwerkerschaftsgeschäftsführer Gerald Studzinsky

Gerald Studzinsky rät den Firmen daher, sich früh um geeignete Bewerber zu kümmern, an die Schulen zu gehen, um das Interesse zu wecken und den Betrieb auf Berufsmessen zu präsentieren. Denn wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, könnte der heutige Lehrlingsmangel für manche Firmen eine echte Bedrohung werden. Betriebe, die jahrelang keine Lehrlinge bekommen, während Leute in den Ruhestand gehen, können im Extremfall Aufträge nicht mehr annehmen.

Viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt

Diese Probleme sieht auch Dieter Böddeker, kaufmännischer Leiter der Firma Bauunternehmung Heinrich Nolte in Warburg. Sein Unternehmen bietet jedes Jahr sechs Ausbildungsplätze an, drei im Hochbau und drei im Tiefbau. Viele davon blieben in den vergangen Jahren unbesetzt. „Das Problem liegt oft darin, dass das Elternhaus großen Einfluss nimmt und dem Kind vermittelt, ein Studium sei das Nonplusultra“, schildert Boddecker seine Erfahrungen.

In den Köpfen der Jugendlichen geistere das Bild, dass Straßenbauer den ganzen Tag im Dreck buddeln und wenig Geld verdienen. Beides stimmt nicht, denn Straßenbauer hat sich zu einem hochtechnischen Beruf entwickelt, der gute Verdienst- und Aufstiegschancen bietet. Die „Drecksarbeit“ erledigen schon seit vielen Jahren die Maschinen.

Der Ausbildungsbeauftragte der Bauunternehmung Heinrich Nolte aus Warburg, Marius Bee (rechts) erklärt dem Schülerpraktikanten Simon Albrecht den Einbau von Asphaltmischgut, während der Auszubildende Jonas Kühnert sein Fingerspitzengefühl auf dem Bagger ausprobiert. Er steht nach zwei Jahren Ausbildung kurz vor der Prüfung zum Tiefbaufacharbeiter und kann nach einem weiteren Jahr seine Lehre zum Straßenbauer abschließen. Foto: Bauunternehmung Heinrich Nolte

Von den sechs Ausbildungsplätzen sind in diesem Jahr glücklicherweise bereits vier vergeben. Böddeker hofft, die anderen beiden ebenfalls besetzen zu können. Falls es noch weitere Interessenten gibt, sei er auch gerne bereit, weitere Ausbildungsplätze zu schaffen. Denn der Mangel an Bewerbern in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass der Nachwuchs fehlt. Das Problem sei der demografische Wandel: Für die Mitarbeiter, die in den Ruhestand gehen, rücken zu wenig Leute nach.

Dieter Böddeker

Lange Zeit hatte auch der Dachdecker-Betrieb Heinrich Koch in Warburg Nachwuchsprobleme. „Seit zehn Jahren hat kein einziger Azubi seine Ausbildung bei uns abgeschlossen“, bedauert Heike Waldhoff-Koch. Umso glücklicher ist sie, dass in diesem Jahr gleich vier Jugendliche Interesse an dem Handwerksberuf Dachdecker gezeigt haben. Schüler Aboubacry Diaw absolvierte zunächst ein dreiwöchiges Praktikum und arbeitet nun einen Tag in der Woche im Dachdecker-Betrieb mit. „Nach seinem Schulabschluss im Sommer dieses Jahres könnte er seine Ausbildung bei uns beginnen“, sagt Heike Waldhoff-Koch. Auch Schüler Niklas Zembrzycki macht derzeit ein schulbegleitendes Praktikum und arbeitet einen Tag in der Woche bis zu den Sommerferien in dem Dachdecker-Betrieb mit und sammelt erste Erfahrungen auf den Baustellen. Nach erfolgreichem Schulabschluss könnte er im kommenden Jahr seine Ausbildung in dem Betrieb beginnen.

Heike Waldhoff-Koch

Großes Interesse haben auch der Schüler Tim Bierwirth, der ein dreiwöchiges Praktikum in dem Meisterbetrieb absolviert hat, und Schüler Niklas Brechtken, der beim Boys Day für einen Tag auf einer Baustelle in Ossendorf Hand anlegen durfte. Dass gleich vier Jugendliche großes Interesse gezeigt haben, ist für Heike Waldhoff-Koch ein positives Zeichen. „Alle vier waren sehr motiviert und pünktlich“, zeigt sie sich begeistert und betont: „Wir müssen in die Facharbeiter von morgen investieren.“ Das Handwerk bietet gute Chancen, einen sicheren Arbeitsplatz und gute Verdienstmöglichkeiten. Dem Handwerk fehle nur der Zuspruch. Dabei betont sie: „Wer eine Ausbildung macht, hat einen Grundstock fürs Leben.“ Das sieht auch Kreishandwerkerschaftsgeschäftsführer Gerald Studzinsky so. „Alle unsere Betriebe suchen derzeit noch Nachwuchs. Wer im Handwerk eine Perspektive sieht, findet auch einen Ausbildungsplatz,“ ermutigt er die jungen Leute, sich zu bewerben. Denn: „Das Handwerk hat mehr denn je einen goldenen Boden.“ kh-hx.de/kh/azubi-gesucht/

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