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Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“: die erste Landwirtschaftsschule

Im Schutz des Heiligen Isidor

Warburg

Vor dem Gebäude der Landwirtschaftsschule an der Landfurt stellten sich um 1900 Lehrer und fast 50 Schüler im Sonntagsstaat und „wohlbehütet“ dem Fotografen. Dieses Bild beleuchten wir in einer neuen Folge der Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“.

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Um 1900 ist dieses Bild an der Landwirtschaftsschule an der Landfurt entstanden. Leiter war Heinrich Fuest aus Germete. Foto: Stadtarchiv Warburg

In der ersten Reihe haben sich zwei kleine Jungen dazugesellt. Waren sie die Söhne eines Lehrers? Eine Person lässt sich identifizieren. Sitzend Zweiter von rechts ist Direktor Heinrich Fuest mit Bart und Spazierstock abgebildet. Die Vegetation lässt darauf schließen, dass die Aufnahme zu Beginn des Schuljahres, der traditionell Anfang November lag, gemacht wurde. Auf den Unterricht im Feldmessen verweisen das Nivelliergerät im Vordergrund und die Nivellierlatten.

Das Schulgebäude setzt sich aus einem größeren Teil mit Satteldach und Mittelrisalit, in dem vermutlich die Büro-, Wohn- und Internatsräume untergebracht waren, und einem flachgedeckten dreiachsigen Anbau zusammen, in dem wohl die Schulräume lagen. Der Backsteinbau wird architektonisch durch die Geschossbänder und den Zinnenfries verziert. In einer Nische in der Wand des ersten Stockwerkes ist eine Figur des beliebten Bauernheiligen Isidor auszumachen.

Heinrich Fuest war die prägende Gestalt an der Landwirtschaftsschule für mehr als ein Vierteljahrhundert. Er war am 11. Mai 1863 in Germete als Sohn des Landwirts Peter Fuest und dessen Ehefrau Anna geb. Fecke zur Welt gekommen. 1888/89 war er bereits als Lehrer an dieser Schule tätig. Mit dem 1. Juli 1900 übernahm er das Amt des Direktors, das er dann bis 1927 innehaben sollte. Seit 1890 war er mit Therese Bielefeld verheiratet, die 1926 verstarb. Heinrich Fuest starb am 25. Juli 1943 in Germete.

Am 4. November 1889 hatte der Schulbetrieb in diesem Gebäude begonnen. Die Gesamtleitung der Bauarbeiten hatte der Warburger Maurermeister Martin Kaufhold. Die ausführenden Handwerker stammten aus der Stadt und aus Daseburg. Die Erd- und Maurerarbeiten waren Wilhelm Schmitz aus Daseburg übertragen worden, die Zimmerarbeiten Tischlermeister Johannes Wittkop, die Schreiner-, Schlosser-, Glaser- und Anstreicherarbeiten August Reineke und die Dachdecker- und Klempnerarbeiten Johann Wigand. Im Haus befanden sich die Unterrichtsräume, die Wohnräume des Direktors und Internatsräume für maximal 36 auswärtige Schüler. Direktor Fuest berichtete 1909: „Es hat sich gezeigt, dass die Schüler im Internat weniger Gefahren ausgesetzt sind und fleißiger und gewissenhafter arbeiten.“

Gegründet worden war die Landwirtschaftsschule bereits 1885. Treibende Kraft war der Altstädter Kaplan Anton Krekeler gewesen. Er leitete bis 1887 dann auch als unbesoldeter „Dirigent“ die Schule. Krekeler wurde im Herbst 1887 an das Lehrerseminar Paradies in Posen versetzt. Im Sommer 1887 wurde die Schule vom Kreis Warburg übernommen. Ein eigenes Schullokal fehlte, deshalb fand der Unterricht bis zum Herbst 1889 in Gaststättenräumen statt.

Der Zweck der Schule wurde kurz und knapp wie folgt beschrieben: „Sie ist eine Unterrichts- und Erziehungsanstalt, die sich das Ziel gesteckt hat, junge Landwirte, die kleine und mittlere Güter bewirtschafteten wollen, für ihren Beruf vorzubereiten und sie zu brauchbaren Gemeindemitgliedern und tüchtigen Staatsbürgern heranzuziehen.“

Der Unterricht erstreckte sich über zwei Winterhalbjahre jeweils von Anfang November bis Ende März, deshalb wurde die Einrichtung auch „Winterschule“ genannt. Außer dem Direktor waren zwei weitere hauptamtliche Lehrer angestellt. Nebenberuflich wurde der Religionsunterricht, der Zeichenunterricht und der Unterricht in Tierheilkunde erteilt.

Auf dem Stundenplan standen unter anderem Naturwissenschaften (Chemie, Physik, Tierkunde, Pflanzenkunde) und landwirtschaftlicher Produktionslehre und Betriebslehre. Exkursionen führten zum Beispiel auf die größeren Güter in der Umgebung, zum Königlichen Hauptgestüt in Beberbeck (heute Hofgeismar) und in die Warburger Zuckerfabrik.

Im Winter 1914/15 diente die Landwirtschaftsschule als Lazarett. Nach dem Neubau der Landwirtschaftsschule am Alten Bahnhofsweg stand das alte Gebäude an der Landfurt zunächst in Privatbesitz, ab 1933 war es unter der Bezeichnung „Christopherushaus“ Wandererarbeitsstätte.

Im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt, diente das Gebäude als Unterkunft für ausländische Arbeiter. Unmittelbar nach Kriegsende waren ehemalige russische und polnische Kriegsgefangene hier untergebracht. Mit Hilfe des Caritasverbandes wurde das Christopherushaus in den nächsten Jahren wieder zweckmäßig hergerichtet. Flüchtlinge und wandernde Obdachlose fanden hier dann Unterkunft. In einem Nebengebäude war zeitweise eine Klasse der Kreisberufsschule untergebracht.

1977 löste sich der Trägerverein für das Christopherushaus auf. Auf dem Gelände steht heute das Seniorenzentrum St. Johannes.

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