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Organisatorin der Feierabendmärkte Warburg freut sich auf Neustart

Neues Bewusstsein für regionale Produkte

Warburg (WB). Obst und Gemüse aus der Region, Fleisch und Wurstwaren, Honig und Kunsthandwerk: All das gibt es an diesem Dienstag von 16 bis 20 Uhr auf dem Warburger Neustadtmarktplatz. Nach monatelanger Corona-Pause gibt es die nächste Auflage des Feierabendmarktes.

Vera Prenzel möchte den Wert und die Wertigkeit regionaler Produkte noch stärker ins Bewusstsein der Menschen bringen. Die von ihr organisierten Feierabendmärkte bilden einen Baustein, um dieses Ziel zu erreichen.

Doch Corona hat etwas verändert. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Menschen sich mehr für ihre Region interessieren, regionale Wirtschaftskreisläufe, die auch in der Krise funktionieren, zu schätzen gelernt haben. Über dieses Thema hat WB-Redakteur Jürgen Vahle mit der Organisatorin der Märkte, Vera Prenzel von der BI Lebenswertes Bördeland und Diemeltal, gesprochen.

Nach monatelanger Corona-Pause gibt es jetzt wieder Feierabendmärkte. Was wird sich für die Kunden ändern?

Vera Prenzel: Wir freuen uns wirklich sehr, dass wir zusammen mit der Hansestadt Warburg und vor allem in Zusammenarbeit mit dem Ordnungsamt ein Konzept entwickeln konnten, mit dem die Feierabendmärkte nun wieder stattfinden können. Die Besucher müssen sich insofern an die aktuelle Situation anpassen, dass auf dem Gelände des Feierabendmarktes eine Mund-Nasen-Schutz-Pflicht gilt, sofern nicht an den (Steh-)Tischen gegessen oder getrunken wird. Weiterhin sollte auf die Abstände zu den Mitmenschen geachtet werden und es gibt an vielen Stellen die Möglichkeit zum Desinfizieren der Hände. Diese sollen gerne genutzt werden. Es wird dieses Mal keine Live-Musik geben, aber der Markt wird trotzdem musikalisch begleitet.

So kann es für alle eine gemütliche und hoffentlich trotzdem entspannte Einstimmung in den Feierabend werden.

Corona hat die Wichtigkeit regionaler Wirtschaftskreisläufe noch einmal in den Fokus gerückt. Wie sind wir in der Region aufgestellt?

Vera Prenzel: Wir können uns im Kreis Höxter beziehungsweise der Warburger Börde und über die Landesgrenzen hinaus nach Nordhessen und Südniedersachsen recht glücklich schätzen, hier gibt es noch viele Landwirte, auch Direktvermarkter und Weiterverarbeitungsstrukturen wie eine Mühle, Schlachtbetriebe, eine Ölmühle und Bäcker. Viele dieser Betriebe sind inhabergeführt beziehungsweise Familienbetriebe. Doch auch im Kreis Höxter gibt es mittlerweile viele Dörfer ohne direkte Einkaufsmöglichkeiten, sodass natürlich noch reichlich Platz für Nachbesserungen ist. Was dabei nicht vergessen werden darf: Es gilt, diese Betriebe durch regionalen Einkauf zu erhalten. Die Regionalbewegung NRW, die ebenfalls im Steinernen Haus in Borgentreich ihren Sitz hat, führt derzeit einen Landesdialogprozess zur Förderung regionaler Vermarktung in NRW. Im Rahmen dieses Dialogprozesses wird am 31. August ein Online-Kulturland-Talk mit den Landratskandidaten zum Thema Regionalvermarktung im Kreis Höxter veranstaltet. Interessierte sind herzlich eingeladen.

Wie kann es gelingen, den Wert und die Wertigkeit regionaler Produkte noch stärker ins Bewusstsein der Menschen zu bringen?

Vera Prenzel: Dies versuchen wir als BI in Borgentreich seit Jahren über öffentliche Veranstaltungen und Aufklärungsarbeit. In Zeiten von Corona hat die BI eine kleine Liste mit regionalen Anlaufstellen für den Lebensmitteleinkauf bereitgestellt und wir haben im Austausch mit Einzelhändlern und Direktvermarktern gemerkt: Corona hat dazu geführt, dass das Bewusstsein für den Mehrwert regionaler Produkte gewachsen ist.

Ganz wichtig finden wir die Bewusstseinsförderung für regionale Produkte bereits im Kindesalter. Wie schon in der Vergangenheit hat die BI in den letzten zwei Jahren dazu verschiedene Grundschulen in Warburg und Umgebung besucht, um die Vorteile regionaler Produkte mit den Schulkindern zu erarbeiten. Aktuell läuft ein weiterer Antrag, um diese Arbeit fortführen zu können.

Unser Ansatz ist, die Menschen als Konsumenten wieder näher an die Produzenten heranzubringen, zum Beispiel durch die Feierabendmärkte. Wer die Menschen hinter der Produktion seiner Lebensmittel kennt und kein anonymes Produkt kauft, ist viel eher bereit, mehr als den Mindestpreis zu zahlen.

Nicht zuletzt ist aus der Bürgerinitiative heraus auch die Regionalbewegung entstanden, ein Verband, der sich bundesweit über öffentlich wirksame (Presse-)Aktionen, wissenschaftliche und politische Arbeit für regionale Wirtschaftskreisläufe einsetzt. Das größte Projekt der Regionalbewegung, der Tag der Regionen, zeigt seit über 20 Jahren immer zum Erntedanksonntag bundesweit die Stärken der Regionen auf. Auch hier in Warburg wird am 4. Oktober ein Erntedankmarkt zum Tag der Regionen stattfinden, veranstaltet von der BI und der Warburger Hanse.

Was sagen Sie dem kleinen Angestellten, der drei Kinder hat und sich im Vergleich zur Discounter-Ware oft deutlich teurere regionale Produkte nicht leisten kann?

Vera Prenzel: Die vermeintlich günstigere Discounter-Ware bildet oft nur einen Bruchteil der „realen Kosten“ des Lebensmittels ab. Lebensmittel, die zu Billigpreisen verkauft werden, verursachen Kosten, die wir an der Ladentheke gar nicht sehen. Zum Beispiel Kosten, die durch eine Verschlechterung der Bodenqualität durch Monokulturanbau entstehen, durch aufwändige Trinkwasseraufbereitung, weil das Grundwasser verschmutzt wird, oder es entstehen Gesundheitsprobleme durch Antibiotikaresistenzen. Diese Kosten zahlen wir durch Abgaben auf Frischwasser, Steuern und erhöhte Krankenkassenbeiträge.

Die Kosten nachhaltig produzierter Lebensmittel aus der Region können dementsprechend sogar günstiger ausfallen, wenn alle weiteren bei der Produktion und Verarbeitung entstehenden Kosten mit in den Endpreis einberechnet würden.

Wem diese Hintergründe nicht reichen, der hat noch weitere Möglichkeiten, auch regional produzierte Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen zu finden: „In der Saison“ gekaufte Lebensmittel sind oft günstiger. Dies soll heißen, wenn ein Lebensmittel gerade frisch in der Region geerntet wurde, ist es günstiger als wenn es aus einem entfernten Land importiert wurde oder einem Kühlhaus lange gelagert wurde.

Auch berücksichtigt werden sollte die Lebensmittelverschwendung. Es hat sich zum Glück schon etwas verändert, aber in vielen Discountern gibt es immer noch hauptsächlich abgepackte Lebensmittel zu kaufen, mit Mengen, die so oft gar nicht verbraucht werden. In Deutschland werden jedes Jahr 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Das sind im Schnitt 80 Kilogramm pro Person und circa 230 Euro pro Person pro Jahr. Geld, das für Lebensmittel ausgegeben wird, die hinterher in die Mülltonne wandern, ist weggeworfenes Geld. Bedarfsgerecht einzukaufen, Lebensmittel richtig zu lagern und Reste zu verwerten, das hilft, Lebensmittelverschwendung zu verringern und zu sparen.

Für regionale Produkte wird kaum geworben. Sind die Margen zu klein oder die Produzenten mit den Umsätzen schon heute zufrieden?

Vera Prenzel: Werbung ist oft teuer und zeitintensiv. Große Firmen haben dafür eigene Abteilungen und oft einen sehr hohen Werbeetat. Viele Betriebe, die regional produzieren, vermarkten direkt, zum Beispiel im Hofladen oder auf dem Wochenmarkt, sind zudem Familienbetriebe, kleinste und kleine Betriebe. Hier fehlen häufig zeitliche und finanzielle Kapazitäten, um neben der täglichen Arbeit noch in die Werbung zu investieren. Trotzdem freuen sich viele Anbieter über die Möglichkeiten, auf andere Art auf ihre Produkte aufmerksam zu machen, sei es mit Hofführungen oder auch durch die Präsentation auf dem Feierabendmarkt.

Regional wird oft mit Bio verwechselt. Was sagen Sie, wenn Sie Menschen mit solchen Vorurteilen begegnen?

Vera Prenzel: Bio-Produkte sind zertifiziert und erfüllen so diverse Kriterien, die der Bio-Verband festlegt. Unter anderem stehen sie für eine umweltverträgliche Landwirtschaft, zum Beispiel werden hier keine chemischen Pestizide oder Kunstdünger eingesetzt, Antibiotika kommen nicht zum Einsatz und Gentechnik ist verboten. Ein Produkt, das ein Bio-Siegel trägt, kann aber trotzdem einen schlechten ökologischen Fußabdruck aufweisen, zum Beispiel die Bio-Banane, die aus Mexiko hierher transportiert wird.

Aber auch regionale Produkte, die konventionell produziert werden, haben oft einen Mehrwert und erfüllen ökologische und/oder soziale Zusatzkriterien. Sie sind daher nachhaltiger, ohne, dass sie alle Kriterien einer Bio-Zertifizierung erfüllen. Der einfachste Weg, diese zusätzlichen Werte herauszufinden, ist die Nachfrage beim Produzenten: Im Hofladen, auf dem Wochenmarkt oder auch mal über die Fleisch-theke im Supermarkt fragen, woher die Produkte kommen.

Wenn Sie es sich malen könnten: Wie sieht die ideale regionale Versorgung in zehn oder 20 Jahren aus?

Vera Prenzel: Idealerweise haben Menschen überall auf der Welt die Möglichkeit, sich aus der Region unverpackt mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen und können zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf dem Markt, im Hof- oder Dorfladen einkaufen.

Nicht falsch verstehen: Ich möchte nicht die Globalisierung rückgängig machen. Doch für eine global erfolgreiche Versorgung sind kleinräumig landwirtschaftliche Produktions- aber auch Verarbeitungs- und Vermarktungsbetriebe notwendig.

Zur Person

Vera Prenzel (31) hat Agrarwissenschaften in Bonn studiert. Seit Ende 2017 ist sie bei der Bürgerinitiative tätig – zunächst als Projektmitarbeiterin, seit Mitte 2018 als Projektleiterin. Bis Ende 2019 hat sie das Projekt „Warburg isst“ geleitet, seit 2020 das Projekt „Kulturland isst“. Die Feierabendmärkte in Warburg koordiniert Prenzel seit 2018. Seit Ende 2017 ist sie ebenfalls tätig beim Bundesverband der Regionalbewegung. Vera Prenzel ist in Natzungen aufgewachsen und hat ihr Abitur an der Brede in Brakel abgelegt. Seit Ende 2017 ist sie wieder wohnhaft in Natzungen.

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