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Gebäude an der Hauptstraße 54 war eines der schönsten Anwesen der Stadt

Prachthaus brannte völlig ab

Warburg (WB). Es war der 3. Oktober 1911, nachts um drei Uhr. Da brach im Hause Hauptstraße 54 Feuer aus. Mehr als sechs Stunden tobte der Brand, erst dann konnte ihn die Feuerwehr löschen. Das Haus brannte allerdings vollständig ab. Die Ursache blieb unbekannt. Damit verschwand nach mehr als 350 Jahren eines der prächtigsten Bürgerhäuser aus dem Warburger Stadtbild, um das sich diese Folge unserer Serie „Ein Bild – und seine Geschichte“ dreht.

Am 3. Oktober 1911 vernichtete ein Feuer das imposante Haus an der Hauptstraße 54, das eine lange Geschichte hatte. Die Aufnahme stammt vermutlich von 1906. Auf den Grundmauern der Ruine wurde das noch heute stehende Haus gebaut. Foto: Stadtarchiv Warburg

Erbaut wurde das Haus wohl im 16. Jahrhundert. Eingebaut in das abschüssige Gelände, zeigte es drei Stockwerke, darüber erhob sich noch ein hoher dreigeschossiger Giebel. Die Fassade war mit reichen Schnitzereien versehen. 1913/14 ließ der Goldarbeiter Wilhelm Drawe auf der Brandstelle das heute noch stehende Haus errichten.

Überreste der Relieffelder noch vorhanden

Auch wenn das imposante Gebäude abgebrannt ist, ein Überrest ist heute noch vorhanden. Am Haus Marktstraße 10 befinden sich am Erker die Überreste der Relieffelder im Stil der Spätrenaissance, die einst an der westlichen Seite des Hauses Hauptstraße 54 im Brüstungsbereich der Obergeschossfenster zu finden waren.

Nach den Steuerregistern stand das Fachwerkhaus von 1555 bis 1599 im Eigentum von Dietrich Nabercord, Sohn einer einflussreichen Warburger Patrizierfamilie, die seit dem 14. Jahrhundert in der Stadt ansässig war. Gesichert ist die Besitzerfolge seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie beginnt mit Ferdinand Wiegand um 1755. Im frühen 19. Jahrhundert gehörte das Haus Wilhelm Neukrüger, dann spätestens ab 1836 Bürgermeister Adam Rinteln, der von 1831 bis 1842 im Amt war. Auf zwei andere Eigentümer folgte ab 1887 Wilhelm Krewet. Ihm gehörten 1909 auch die angrenzenden Häuser mit den Hausnummern 52 und 50. Auch sein Haus Nr. 52 brannte im Oktober 1911 teilweise zur Straße hin ab.

Flaschenbierhandlung für Dortmunder Bier

Das Foto wurde vermutlich 1906 aufgenommen. August Häsing betrieb hier zu diesem Zeitpunkt einen Bierverlag mit Flaschenbierhandlung für Dortmunder Bier, im Bild ist die Zugangstür an der Hellepfortengasse zur Hälfte geöffnet. Im Erdgeschoss zur Hauptstraße hin waren Josef Schirmer und seine Ehefrau Helen in ihrem „Rasier & Frisier Salon“ tätig, wie der Schriftzug über der Tür zeigt. Als Handwerks- bzw. Zunftzeichen hängt ein kleines Rasierbecken an der Hausecke aus. Auf diesen flachen Tellern wurde ursprünglich der Rasierschaum aufgeschlagen. Schirmer war gleichzeitig auch als Agent für die Feuerversicherungsgesellschaft „Londoner Phönix“ tätig, das zeigt ein weiteres Schild am Haus. Ein anderes Werbeschild preist „Steckenpferd Lilienmilch-Seife“ an. Das dritte Schild offenbart, dass die heutige Hauptstraße damals Lange Straße hieß. 1909 wohnte außerdem der Buchhalter Josef Münchhausen mit Familie in diesem Haus.

Sandsteinpfeiler heute auf dem Brunnen am Graf-Dodiko-Weg

Links im Bild angeschnitten ist das Wohn- und Geschäftshaus von Benjamin Nassau zu sehen, der ein „Manufactur- und Confektionsgeschäft“ betrieb. Ein weiteres interessantes Detail bietet der rechte Bildrand. Deutlich wird, dass das gegenüberliegende Kirchengrundstück so weit an die Straße reichte, dass kein Platz für einen Bürgersteig blieb.

Wenige Jahre später erwarb die Stadt einen schmalen Streifen zur Anlage eines Fußgängerweges. Der vorne rechts zu sehende Sandsteinpfeiler wurde nicht etwa zerschlagen, sondern sorgsam aufbewahrt. Seit 1984 steht er als Mittelstück und Speiersäule auf dem Brunnen am Graf-Dodiko-Weg.

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