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Fatma Akkoc schließt nach 45 Jahren ihre Änderungsschneiderei – 1974 aus Ankara in die Hansestadt gezogen

„Warburg ist meine erste Heimat“

Warburg

Die Änderungsschneiderei am Paderborner Tor 89 schließt zum Jahresende ihre Pforten. Nach 45 Jahren, in denen sie das Geschäft geführt hat, geht Änderungsschneiderin Fatma Akkoc (74) nun in den Ruhestand. Sie möchte sich für die jahrelange Treue bei ihren Kunden bedanken.

Verena Schäfers-Michels

18 Jahre am Paderborner Tor und 27 Jahre in der Unterstraße war Fatma Akkoc die Anlaufstelle für zahlreiche treue Kunden. Neben Hosen kürzen, Reißverschlüsse austauschen und Säumen auslassen, nähte sie manchmal auch komplette Kleider für Tanzgruppen oder verwirklichte Wünsche zum Abi-Ball. Foto: Verena Schäfers-Michels

1974 ist Fatma Akkoc mit ihren Kindern aus der türkischen Stadt Ankara nach Warburg gekommen. Fünf Jahre wollte sie ursprünglich mit ihrer Familie in Deutschland bleiben und arbeiten, um ihren beiden Töchtern Filiz und Yasemin eine gute Schulbildung zu ermöglichen, die deutsche Sprache zu erlernen und ein schönes Auto zu kaufen. Aus fünf Jahren wurde ein ganzes Leben. „Warburg ist meine erste Heimat“, sagt die Schneiderin heute stolz.

Bereits 1973 zog ihr Mann Ali Akkoc nach Warburg, um im Warburger St.-Petri-Hospital als Diplom-Laborant zu arbeiten. Seine Familie holte er ein Jahr später nach. Für die damals 27-jährige Türkin war das Leben in Deutschland zuerst eine gewaltige Umstellung: „Wir hatten keine Freunde und Verwandte in Warburg. Wir kannten niemanden – und ich war Hausfrau.“

Deshalb machte sie sich, um der Langeweile vorzubeugen, auf die Suche nach einer Arbeit. Da sie auf der Berufsschule in Ankara das Nähen gelernt hatte, kam ihr die Aushilfsstelle beim türkischen Änderungsschneider Huseyin Yasaroglu, der zu dem Zeitpunkt sein Geschäft in der heutigen Krankengymnastikpraxis Egelseer hatte, gerade recht. Yasaroglu war von der Arbeit seiner jungen Angestellten so überzeugt, dass er ihr nur ein Jahr später vorschlug, die Schneiderei komplett zu übernehmen. Fatma Akkoc nahm das Angebot gerne an.

Immer mit Herzblut dabei

Oft habe sie bis in die Nacht hinein genäht und auch am Wochenende. Ihr Mann Ali ist sich sicher, dass es kaum einen Menschen gibt, der härter arbeitet als sie. In den 90er-Jahren bot sie auch hochwertige Lederwaren an, doch die kamen aus der Mode und zogen daher im Jahr 2002 nicht mit in die Passage am Paderborner Tor um.

Die Familie Akkoc 1974 in ihrem ersten Jahr in Deutschland (von links): Mutter Fatma, Yasemin, Vater Ali und Filiz. Foto: Fatma Akkoc

„Meine Mutter ist mit Herzblut dabei. Sie hat das Nähen immer geliebt“, weiß Tochter Filiz Elüstü, die heute das Kommunale Integrationszentrum des Kreises Höxter leitet und sich auch politisch engagiert. Sie war elf Jahre alt bei ihrer Ankunft in Warburg, ihre Schwester Yasemin acht. Beide Mädchen fanden sich schnell zurecht in der Hansestadt, besuchten das Hüffertgymnasium. Yasemin Emanetoglu zog es nach Hannover. Sie betreibt dort mit ihrem Mann eine Praxis.

„Nach sieben Monaten sagten die Lehrer zu mir, es sei erstaunlich, wie schnell und gut meine Töchter Deutsch lernen“, erinnert sich Fatma Akkoc stolz. Ihre Familie sei in Warburg herzlich empfangen worden. Sie wurden angenommen, fühlten sich nie wie Fremde.

Langer Urlaub geplant

Insbesondere ihre Kunden hätten ihr das Gefühl vermittelt, Teil einer Familie zu sein, berichtet die vierfache Großmutter. Sie erzählten der Schneiderin von ihren Freuden und Problemen, tauschten sich mit ihr aus und fragten sie um Rat. In Corona-Zeiten nahmen alle Rücksicht, vereinbarten telefonisch Termine mit der Änderungsschneiderei.

Als bekannt wurde, dass sie ihr Geschäft schließen wird, habe ihr Telefon kaum still gestanden, erzählt Fatma Akkoc. Zahlreiche Warburger hätten sich bei ihr bedankt, seien traurig gewesen und hätten sich gewünscht, dass sie es sich noch einmal überlegen würde. Ändern wird das aber nichts mehr. Zum Jahresende ist Schluss. „Der Zeitpunkt dafür ist gekommen“, ist Fatma Akkoc überzeugt.

Im neuen Jahr will sie sich um den heimischen Garten kümmern, viel Sport treiben – das sei einfach immer zu kurz gekommen –, spazieren gehen und sich um ihren Mann kümmern, der bereits 88 Jahre alt ist. Im Sommer ist ein langer Urlaub bei Schwester und Bruder in Ankara geplant, in dem Haus ihrer Mutter.

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