1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Warburg
  6. >
  7. Werk sichert Arbeitsplätze und Existenzen

  8. >

Geschichte und Bedeutung der Warburger Zuckerfabrik für die Börde

Werk sichert Arbeitsplätze und Existenzen

Warburg (WB). Die Börde steht hinter »ihrer« Zuckerfa­brik und kämpft für ihren Erhalt . Anlass für das WESTFALEN-BLATT, die Geschichte und Bedeutung des Warburger Werkes für die Region zu betrachten.

Ralf Benner

Die Warburger Zuckerfabrik wohl Anfang des 20. Jahrhunderts zeigt diese undatierte Ansichtskarte aus dem Museum im »Stern«. Foto: Museum im Stern

Gegründet wurde die Warburger Zuckerfabrik in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. 1747 hatte der Apotheker Andreas Sigismund Marggraf entdeckt, dass Rüben Zucker enthalten. 1799 wurde der erste Rübenzucker produziert, die erste Zuckerfabrik entstand 1804 in Schlesien.

Neuer Einkommenszweig

In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts geriet der Getreideanbau durch billige Importe aus den USA unter starken Konkurrenzdruck. Deshalb suchten die Landwirte auch im Warburger Land und in Nordhessen im Zuckerrübenanbau einen ergänzenden Einkommenszweig. Bereits 1876 warb ein auswärtiges Konsortium durch Agenten im Kreis Warburg für den Rübenanbau und konnte die vergleichsweise bescheidene Anbaufläche von 1100 Morgen sichern. Der daraufhin am Warburger Bahnhof in Angriff genommene Bau einer Zuckerfabrik kam allerdings nicht über Ansätze hinaus und wurde eingestellt.

Genossenschaft gegründet

Drei Jahre später fasste man dann vor Ort den Plan, eine Aktien-Zuckerfabrik zu gründen, die von den Rüben produzierenden Landwirten getragen werden sollte. In Kassel sollte eine Fabrik entstehen, die aus den Kreisen Warburg, Hofgeismar, Kassel, Fritzlar und Homberg beliefert werden sollte. Allerdings scheiterte das anspruchsvolle Projekt daran, dass für die Kreise Fritzlar und Homberg 1881 eine Zuckerfabrik in Wabern gebaut wurde.

Noch längere Zeit wurde über den Standort der Fabrik für die verbleibenden Interessenten aus den Kreisen Warburg und aus Nordhessen diskutiert, bis schließlich am 21. November 1882 in Warburg durch 182 Landwirte aus dem Großraum Warburg, Hofgeismar und Grebenstein die »Genossenschaft Zuckerfabrik Warburg« gegründet wurde.

Grundstein wird am 25. August 1883 gelegt

1665 Morgen Rüben sollten angebaut werden. Der Grundstein für die Zuckerfabrik wurde am 25. August 1883 in der Nähe des Warburger Bahnhofs gelegt. Zunächst wurde eine Tagesleistung von 4000 Zentnern ins Auge gefasst, die Kapazität sollte dann auf 8000 Zentner erhöht werden. In der ersten Rübenkampagne 1884 verarbeitete man 329.660 Doppelzentner Rüben zu 30.143 Doppelzentner Rohzucker.

Mit dem Zuckerrübenanbau konnten die Landwirte in der Börde endgültig aus dem jahrhundertealten System der bäuerlichen Selbstversorgung heraustreten. Die Landwirtschaft wurde zumindest in diesem Teilbereich zu einem Segment der industriellen Volkswirtschaft. Die Zuckerfabrik schuf, sicherte und sichert Arbeitsplätze und Existenzen in der Landwirtschaft, im Handwerk und im Dienstleistungssektor.

»Rübengeld« wird gezahlt

1905 wurde das Gesellschaftskapital der Zuckerfabrik erhöht. Die aktienbesitzenden Landwirte waren verpflichtet, eine festgelegte Morgenzahl mit Zuckerrüben zu bebauen, gleichzeitig waren pro Aktie aber auch Höchstgrenzen der Anbaufläche festgelegt. Im Gegenzug erhielt der Landwirt für sein Produkt das sogenannte »Rübengeld«. Der Aufsichtsrat der Gesellschaft setzte jährlich den Zentnerpreis fest, allerdings erhielt jeder Aktieninhaber zehn Pfennig pro Zentner garantiert. Der darüber hinaus gezahlte Durchschnittspreis sollte eine Mark pro Zentner nicht überschreiten. Erst wenn dieser Preis für die Rüben erzielt war, wurden außerdem noch Dividende gezahlt.

Im ersten Vierteljahrhundert der Geschichte der Warburger Zuckerfabrik wurden durchschnittlich 4,08 Prozent Dividende ausgeschüttet. Der Landwirt, der Anteilscheine an der Gesellschaft besaß, konnte also zum einen mit der Festabnahme seiner Produkte zu einem in ungefähr kalkulierbarem Preis rechnen und war außerdem über die Dividende noch am wirtschaftlichen Erfolg »seiner« Fabrik beteiligt.

Erste schwere Krise

Der Erste Weltkrieg brachte die erste schwere Krise. Während die Materialpreise stiegen, sank die Rübenproduktion, da die Arbeitskräfte fehlten. Zudem stand der Zucker wie alle anderen Lebensmittel unter Zwangswirtschaft.

1920 wurde die Rübenanbaupflicht der Anteilseigner abgeschafft, von nun an schloss man freie Lieferverträge. Infolge der Hochinflation waren Kapitalerhöhungen notwendig, stabilisiert werden konnte das wirtschaftliche Gefüge allerdings erst 1925. Die Zuckerfabrik in Brakel hatte die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre nicht überstanden, Rübenanbauer aus diesem Raum orientieren sich seit 1925 nach Warburg.

Im gleichen Jahr wurde die Ausfuhrvereinigung der deutschen Rübenzuckerfabriken ins Leben gerufen. Sie sollte den Export des Zuckers auf alle Fabriken gemäß ihrer Erzeugung umlegen. Einzelne Bezirke dehnten aber den Rübenanbau übermäßig aus, damit erhöhten sich die von allen Fabriken zu tragenden Ausfuhrlasten drastisch.

Weltweite Überproduktion

Scheinbar nur in der Gegenwart akute Probleme bei der Zuckerproduktion traten bereits in der Weimarer Republik auf: Eine weltweite Zuckerüberproduktion mit niedrigen Marktpreisen, die wiederum aus unterschiedlichen Produktionsbedingungen resultierten, bestimmten die späten 20er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Anbau wird ausgedehnt

Versuche, Produktions- und Exportbeschränkungen auf internationaler Basis zu erreichen, scheiterten. Gleichzeitig wurde der Anbau noch ausgedehnt, da das Ertragsergebnis bei Zuckerrüben noch immer höher war als bei anderen Feldfrüchten. Am 21. März 1931 beschloss die Reichsregierung in Berlin, die deutsche Zuckerindustrie in der »Wirtschaftlichen Vereinigung der Zuckerindustrie« zusammenzuschließen. Oberste Zielsetzung war eine allgemein verbindliche Kontingentierung der Produktion. Tatsächlich brachten die nächsten Jahre einen Vorratsabbau, eine Preisstabilisierung und einen Schuldenabbau der Zuckerfabriken.

Im Sinne der Produzenten war das deutsche Zuckerwirtschaftsgesetz von 1931: Festpreise für Zuckerrüben wurden über längere Zeit garantiert und der Anbauer konnte bereits zum Zeitpunkt der Aussaat Einnahmen kalkulieren. Da auch die Rübenannahme vertraglich geregelt und gesichert war, konnte er mit festen Einnahmen zu festgelegten Terminen rechnen.

Wichtigster Arbeitgeber

Bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die Zuckerfabrik der größte Industriebetrieb in Warburg bleiben. In den 30er Jahren bot sie 300 Arbeitsplätze und war damit im strukturschwachen Börderaum sicherlich der wichtigste Arbeitgeber.

Die 1920 vorgenommene Abkehr von der an den Aktienbesitz gekoppelten Rübenanbaupflicht sollte sich auf lange Frist als problematisch erweisen. Viele Bauern statteten ihre weichenden Erben wegen der erfreulichen Dividende mit Aktien der Zuckerfabrik als Erbteil aus. Diese Anteilscheine kamen auch auf den freien Markt und entfernten sich so immer weiter von den bäuerlichen Anteilseignern der Fabrik.

Die Situation kulminierte, als 1970 ein großer Zuckerhändler mit einem Aktienpaket von 40 Prozent in der Hauptversammlung erschien. Als Reaktion darauf wurde die Rübenanbauer-Interessengemeinschaft Warburg gegründet. Ihr Ziel: den Einfluss der bäuerlichen Produzenten zu sichern, was durch den massiven Ankauf von Aktien erreicht wurde.

Die Übernahme

1972 ging die Warburger Zuckerfabrik an die Zuckerfabrik Franken GmbH mit Sitz in Ochsenfurt über, 1977 kam es zum Zusammenschluss der Werke Warburg, Wabern und Obernjesa als Vereinigte Zucker AG Obernjesa-Wabern-Warburg mit Sitz in Wabern. Die in Wabern und Warburg 1985 erzeugte Zuckermenge füllte 4400 Güterwagen. Das Werk Warburg verarbeitete 3500 Tagestonnen Rüben, die auf 5000 Hektar angebaut worden waren. Das Werk beschäftigte damals 100 Arbeitskräfte, die in der Saison um weitere 40 Arbeitnehmer ergänzt wurden.

Im Jahr 1988 schlossen sich Zuckerfabrik Franken und Süddeutsche Zucker AG Mannheim zur Südzucker AG zusammen. Seitdem gehört die seit 1884 aktive Zuckerfabrik zum größten Zucker-Konzern Europas.

Startseite