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Behörde nimmt drei Geschwister in Obhut – 15 Monate später werden die Eltern gewalttätig

Brandanschlag aufs Jugendamt?

Detmold (WB)

Versuchte schwere Brandstiftung, Körperverletzung – seit Montag steht ein nigerianisches Ehepaar in Detmold vor Gericht. Die beiden Angeklagten sollen im August im Jugendamt Lemgo Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angegriffen haben.

Christian Althoff

Ein Justizbeamter führt Blessing D. (32) zur Anklagebank. Rechts Martin Mauntel, der Anwalt des Ehemanns, und die Englisch-Dolmetscherin. Foto: Althoff

Dem Mann wird außerdem vorgeworfen, er habe Benzin im Treppenhaus der Behörde verteilt. „Wir wollten niemanden verletzen. Wir wollten nur, dass uns endlich jemand zuhört und wir unsere Kinder sehen können!“, sagte Itogo S. (35).

Der Nigerianer und seine Frau Blessing D. (32) waren 2013 mit einem Visum nach Deutschland gereist und hatten hier zwei Söhne und eine Tochter bekommen. „Für uns musste niemand bezahlen“, beteuerte der 35-Jährige und gab an, in Nigeria als Modedesigner gearbeitet zu haben. „Ich habe in Bad Salzuflen in einer Schuhfabrik gearbeitet, und meine Frau hat sich um die Kinder gekümmert.“ Ganz problemlos soll das Familienleben kurz nach der Ankunft in Deutschland allerdings nicht gewesen sein, denn damals suchte der junge Vater das Jugendamt von sich aus auf. Dabei soll es angeblich um Gewalt zwischen den Eheleuten gegangen sein. Nachhaltige Maßnahmen der Behörde soll es aber nicht gegeben haben.

Jahre später, im Mai 2019, geriet die Mutter, die vor Gericht sehr impulsiv wirkt, mit Mitarbeiterinnen des Kindergartens aneinander. „Jemand hatte unserer Tochter eine blonde Strähne abgeschnitten.“ Sie sei außer sich gewesen, und habe ihre Tochter aus der Kita genommen, sagte die Angeklagte.

Kurz darauf tauchten zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamts mit Polizisten in der Wohnung des Ehepaares auf. „Mein Mann war zur Arbeit. Die Polizisten sagten, ich müsste mit ihnen zur Wache. Es war das letzte Mal, dass ich unsere Kinder gesehen habe.“ Das Jugendamt nahm die heute vier, sieben und acht Jahre alten Kinder in Obhut – wegen angeblicher Kindeswohlgefährdung. Der Angeklagte: „Was habe ich falsch gemacht, dass man mir die Kinder weggenommen hat? Wer kann mir das sagen?“ Er habe seinen Kindern nie etwas getan und sei auch kein Alkoholiker. „Warum also?“ Er habe immer wieder beim Jugendamt angefragt, aber nie eine richtige Antwort bekommen.

Das Ehepaar nahm sich einen Anwalt, und der Fall landete beim Oberlandesgericht in Hamm. Doch bevor dort einen Entscheidung fallen konnte, eskalierte die Situation im August 2020. Da hatten die Eltern ihre Kinder seit 15 Monaten nicht mehr gesehen. Itogo S. füllte eine Waschmittelflasche mit etwa einem Liter Benzin und suchte zusammen mit seiner Frau das Jugendamt am Marktplatz von Lemgo auf.

Staatsanwalt Alexander Görlitz wirft den Eltern vor, mehrere Mitarbeiter der Behörde geschlagen und mit dem Tode bedroht zu haben. Itogo S. soll außerdem in zwei Büros Computer und andere Gegenstände von Schreibtischen gefegt haben. Und als ihn ein Mitarbeiter aus dem Amt gedrängt habe, soll er auf seinem Weg nach draußen das Benzin im Treppenhaus verschüttet haben.

Draußen auf der Straße habe er versucht, so sagt es der Staatsanwalt, Bettlaken vor der Tür anzuzünden – bis er und seine Frau festgenommen worden seien. Die Eheleute kamen in Untersuchungshaft, wo sie jetzt seit sechs Monaten sitzen - sie in Bielefeld, er in Detmold.

Die wesentlichen Anklagevorwürfe gab Itogo S. am ersten Verhandlungstag zu. „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich hätte das Benzin aber nie angezündet. Ich wollte nur, dass man auf uns aufmerksam wird.“ Sein Verteidiger Martin Mauntel sagte, was sein Mandant getan habe, sei natürlich nicht in Ordnung gewesen. „Es geschah aus purer Verzweiflung.“

Worin die Kindeswohlgefährdung bestanden haben soll, die 2019 zur Wegnahme der drei Kinder und 2020 zu den Taten des Ehepaares geführt hatte – das wurde in der Verhandlung vor dem Landgericht nicht deutlich. Deborah Weinert, die Anwältin der Frau: „Als Strafverteidiger haben wir mit der familiengerichtlichen Auseinandersetzung nichts zu tun. Ich weiß nicht, was das Jugendamt den Eltern konkret vorwirft.“

Der Prozess wird fortgesetzt. Das Urteil soll am 12. März gesprochen werden.

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