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Senior war offenbar Drogenschmugglern in die Falle gegangen

Rentner aus Bad Salzuflen stirbt in japanischer Haft

Bad Salzuflen/Tokio (WB). Mit 71 Jahren ist ein Rentner aus Bad Salzuflen in Japan im Gefängnis gestorben – einsam, schwer krank, 9000 Kilometer von seiner Familie entfernt. Die ist verbittert. »Mein Vater war unschuldig. Er ist ein Justizopfer«, sagt sein ältester Sohn.

Christian Althoff

Agim P. zeigt ein Foto seines Vaters aus glücklichen Tagen. Sein älterer Bruder Bekim sagt: »Meinem Vater und seiner Familie wurden vier Jahre und acht Monate geraubt.« Foto: Christian Althoff

Seit viereinhalb Jahren saß Kadrush P. in Japan hinter Gittern. Vieles deutet darauf hin, dass der von seiner Familie als unbedarft beschriebene Rentner einem Drogenhändlerring in die Falle gegangen war. Drei Kilogramm Kokain hatten japanische Zöllner im Februar 2015 bei ihm entdeckt.

Kadrush P. kam vor 49 Jahren aus Jugoslawien. Er wurde deutscher Staatsbürger, arbeitete bis zu seinem Ruhestand in der lippischen Textilindustrie und bekam danach knapp 900 Euro Rente. Seit 2014 kümmerte er sich zu Hause um seine Frau, die nach zwei Schlaganfällen gepflegt werden musste.

»Er war euphorisch«

Agim P. (44), einer seiner Söhne: »Papa bekam seit Jahren Briefe mit Gewinnversprechen aus aller Welt. Wir haben immer gesagt: Wirf das weg, das sind Betrüger! Dann kam Anfang 2015 ein Schreiben, das ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Darin stand, ein reicher Japaner habe verfügt, dass seine Tochter nach seinem Tod sein Vermögen an Bedürftige in aller Welt verteilen solle. Einer dieser Menschen sollte mein Vater sein, auf den in Japan 50.000 Euro warten sollten.«

Niemand in der Familie habe das geglaubt – bis auf den damals 67-Jährigen. »Er war euphorisch. Je mehr wir ihn warnten, umso verbissener wurde er. Die Krankenkasse hatte damals die Reha für meine Mutter abgelehnt, und Papa hofft, Mama mit dem Geld in die Kur schicken zu können.«

Kadrush P. rief eine im Brief genannte Nummer an. »Ein deutsch sprechender Mann versicherte meinem Vater, dass er sich das Geld in Japan abholen könne. Der Mann bezahlte ihm Hin- und Rückflug und buchte für ihn ein Hotelzimmer in Hongkong.«

Prozess im Oktober 2015

Trotz aller Warnungen flog Kadrush P. im Februar 2015 nach Hongkong. Sein Sohn Agim und dessen Frau, die im selben Haus wohnen, übernahmen die Pflege seiner Frau. Zwei Wochen später erfuhr die Familie per Einschreiben, dass der Senior im Gefängnis saß. Agim P.: »Später hat Papa uns erzählt, der er von Hongkong über Shanghai nach Hiroshima fliegen sollte. Auf einem Flughafen hat eine Frau ihm eine Tasche gegeben und gesagt, darin sei ein Geschenk für seine Frau. Er hat nicht hineingesehen und wollte durch die Zollkontrolle. Da haben sie ihn gefasst.«

Zum Prozess im Oktober 2015 flogen Agim P. und sein älterer Bruder Bekim nach Japan. »Ich musste als Zeuge vor Gericht beschreiben, was mein Vater für ein Mensch ist. Aber es hat alles nichts geholfen. Sie haben ihn zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.«

Der Rentner kam nach Osaka ins Gefängnis. Regelmäßig schrieb er seiner Familie und bat die Söhne, die Tabletten für ihre Mutter nicht zu vergessen. »Mama starb 2017. Das haben wir aber vor Papa geheimgehalten, weil es ihm das Herz gebrochen hätte«, sagt Agim P. Er habe seinem Vater immer wieder Bücher geschickt: »Er saß ja in einer Einzelzelle ohne Fernseher und durfte nur eine Stunde am Tag raus.« Die Familie habe viel versucht viel, um den Rentner in ein deutsches Gefängnis verlegen zu lassen. »Wir haben an die Bundeskanzlerin geschrieben und an den Außenminister. Aber niemand hat uns geholfen.«

Im Oktober 2018 sei sein Vater in seiner Zelle durch Unterzuckerung in eine Art Koma gefallen, sagt der älteste Sohn Bekim. »Er kam ins Krankenhaus, aber anstatt ihn dort unter Beobachtung zu behalten, wurde er zurück in die Zelle gebracht. Da fand man ihn am nächsten Tag leblos. Er musste wiederbelebt werden.« Zusammen mit seinem älteren Bruder sei er nach Osaka geflogen, erzählt Agim P. »Wir erfuhren, dass unser Vater einen Schlaganfall erlitten hatte. Zehn Tage waren wir dort. Wir durften aber nur eine halbe Stunde am Tag zu ihm.«

Beerdigung in Herford

Nach einem halben Jahr im Krankenhaus sei Kadrush P. ins Gefängniskrankenhaus nach Tokio verlegt worden. »Zu diesem Zeitpunkt lag er immer noch im Koma. Er ist bis zu seinem Tod am 5. Oktober nicht mehr erwacht.« Die Todesnachricht hätten Polizisten der Familie überbracht, als er seine Frau gerade zum Einkaufen gewesen seien, sagt Agim P. »Die Beamten haben es unseren Kindern gesagt. Unsere 14-jährige Tochter hat uns schreiend angerufen. Sie war völlig verzweifelt.«

Am Samstag wurde der Sarg nach Deutschland geflogen, heute will die Familie Kadrush P. auf dem »Ewigen Frieden« in Herford zur letzten Ruhe betten. »Papa bekommt ein Grab in der Nähe von Mama«, sagt Agim P. Zwölf Enkel gehören zu der Trauergemeinde, seine jüngste Enkeltochter hat Kadrush P. nie kennengelernt.

Für die Familie ist mit der Beerdigung die Zeit der Sorgen noch nicht vorbei. »Meine drei Brüder und ich sind normale Arbeiter«, sagt Agim P. »Wie sollen wir die 25.000 Euro für die Überführung und die Beerdigung bezahlen?«

Wer mit der Familie Kontakt aufnehmen möchte, kann sich per Mail an agimpireva@icloud.com wenden.

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