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Dr. Traute Prinzessin zur Lippe ist mit 94 noch voll auf der Höhe

»Ich brauche keine Apps«

Detmold (WB). Neulich hat sie sich sehr geärgert. Da hatte sie gelesen, dass sich die EU vertraglich verpflichtet hat, mehr Rindfleisch aus Amerika zu importieren. »Das ist schlecht für unsere Bauern und für die Umwelt«, sagt Dr. Traute Prinzessin zur Lippe.

Christian Althoff

Traute Prinzessin zur Lippe, hier mit Hund Heiner, sitzt unter einem Popart-Bild des spanischen Künstlerduos »Equipo Cronica«. Foto: Christian Althoff

94 Jahre ist die Prinzessin, aber sie steht noch mitten im Leben. Sie trägt ihre Einkäufe die 62 Stufen zu ihren Gemächern im zweiten Stock des Detmolder Schlosses, und auch geistig ist sie voll auf der Höhe. »Das ist kein Verdienst. Das ist eine Gnade, für die ich jeden Tag dankbar sein muss«, sagt sie.

Gestern jährte sich der Todestag ihres Mannes Armin Prinz zur Lippe zum vierten Mal, und man spürt, wie der Verlust die Prinzessin nach 62 Jahren Ehe bis heute schmerzt. Jahrzehntelang war es Tradition, dass das Ehepaar am Nachmittag durch Detmolds Innenstadt schlenderte, doch diese Zeiten sind vorbei. »Alleine mache ich mich nicht auf den Weg. Es macht mich traurig«, sagt Traute Prinzessin zur Lippe.

Leben hat sich verändert

Sie hat sich mit ihrem veränderten Leben arrangiert. Nachdem ihr Sohn Stephan Prinz zur Lippe mit seiner Familie ins Schloss gezogen war, wechselte sie in den Westflügel, wo sie inmitten ihrer Sammlung moderner Malerei lebt. In ihrem Arbeitszimmer hängt über der Couch ein Acrylbild des spanischen Künstlerduos »Equipo Cronica« aus der Zeit der Franco-Diktatur, das die Bedrohung der freien Gesellschaft thematisiert. »Ich habe es mir ausgesucht, und mein Mann hat es mir 1970 geschenkt – obwohl er der sparsamste Lipper war, den man sich vorstellen kann. Aber seine Sparsamkeit galt vor allem ihm selbst. Anderen gegenüber konnte er schon großzügig sein.« Es habe damals »eine Riesen-Aufregung« in der Familie gegeben, weil sie moderne Malerei ins Schloss gehängt habe, sagt Traute Prinzessin zur Lippe und lacht.

Im Arbeitszimmer steht auch ein Computer – der ihres verstorbenen Mannes. Nach seinem Tod sei ihr klargewesen, dass sie sich nun in diese Technik hineinfuchsen müsse, sagt die Prinzessin. »Ich muss ja wenigstens bei Wikipedia Künstler und Schriftsteller nachschlagen können.« Ihre Cousine habe ihr mit viel Geduld die Bedienung beigebracht. Sie besitze auch ein Handy. »Aber nur so ein Dampfhandy. Apps brauche ich nicht.«

»Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich auch bei ›Fridays for Future‹ mitmachen«

Jeden Morgen liest die Prinzessin die Lippische Landeszeitung und die Frankfurter Allgemeine, jeden Abend sieht sie die Tagesschau. Die promovierte Biologin ist vielseitig interessiert. »Wenn ich noch einmal jung wäre«, sagt sie, »würde ich auch bei ›Fridays for Future‹ mitmachen.«

Schlecht sei, dass Greta Thunberg inzwischen zu einer Heiligen stilisiert werde. Gut sei aber, dass die Jugend Politikern Druck mache, sorgsamer mit der Natur umzugehen. »Es gibt Entscheidungen, die mich am Verstand mancher Politiker zweifeln lassen, um es mal milde auszudrücken. Es fehlt in der Politik an Naturwissenschaftlern.« Auf Dauer, sagt die 94-Jährige, könnten die Jugendlichen aber »natürlich nicht« die Schule schwänzen.

In jungen Jahren hatten die Eheleute zur Lippe selbst ein politisches Zeichen gesetzt. 1960 waren sie in Detmold dem Verband der Kriegsdienstverweigerer beigetreten, da waren sie gut 30 Jahre alt. Traute Prinzessin zur Lippe: »Die Wiederbewaffnung Deutschlands machte uns Angst, und es war für einfache Menschen, die sich vielleicht nicht so gut ausdrücken konnten, sehr schwer, ihre Kriegsdienstverweigerung bei ihrer Anhörung zu vertreten. Diese Menschen wollten wir moralisch unterstützen.« Nachdem der Verein später kommunistisch unterwandert worden sei, seien sie aber wieder ausgetreten, sagt die Prinzessin, der soziales Engagement immer wichtig war.

Als Stephan Prinz zur Lippe und seine Frau Maria Prinzessin zur Lippe 2015 die neuen Schlossherren wurden, veränderte sich auch der Schlossgarten. »Meine große Leidenschaft waren Stauden, aber meine Schwiegertochter liebt Rosen über alles. Deshalb habe ich jetzt nur noch ein kleines Staudenbeet. Aber das ist nicht schlimm«, sagt die Prinzessin. »Rosen sind ja auch schön.« Blumen aus ihrem Staudenbeet schmücken viele ihrer Räume. »Ich bin als Kind in einem Dorf in der Natur großgeworden. Das hat mich geprägt. Das war vielleicht der Grundstein für meine Liebe zur Natur und meinen Entschluss, ab 1946 Biologie zu studieren.«

Liebe zur Natur

Wie es sich für eine Naturfreundin gehört, lebt natürlich auch ein Hund an ihrer Seite. Er heißt Heiner und ist ein Schottischer Terrier. »Wir hatten immer Scotts. Nachdem mein Henry vor drei Jahren gestorben war, haben meine Schwiegertochter und meine fünf Enkel wochenlang auf ihren Smartphones nach einem Nachfolger gesucht. In meinem Alter sollte man keinen Welpen mehr nehmen, und so haben wir schließlich bei einer Tierschützerin in Nordhorn den acht Jahre alten verwaisten Heiner gefunden. Er sprang sofort in unser Auto und hatte sich nach zwei Tagen im Schloss eingelebt.«

Angst um die Welt ihrer Enkel hat die 94-Jährige nicht. »Wissen Sie«, sagt sie, »alle paar Wochen gibt es ein neues Schlagwort in den Medien. Das Bienensterben zum Beispiel. Da werden dann Katastrophenszenarien gezeichnet, obwohl die Natur sehr stark ist und vieles kompensieren kann.« Sorgen mache ihr etwas anderes, sagt die Prinzessin: »Der viele Weltraumschrott, der um unsere Erde fliegt. Was meinen Sie, was passiert, wenn der ein Raumschiff trifft?«

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