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Stephan Prinz zur Lippe stellt Spielzeug, Fotos und Ölgemälde seiner Vorfahren aus

Kindheit im Schloss

Detmold (WB). Stephan Prinz zur Lippe (57) sprüht vor Begeisterung, als er das Erich-Kästner-Buch »Arthur mit dem langen Arm« von 1931 aus der Vitrine nimmt. »Das habe ich als Kind geliebt!«, schwärmt er. Er schlägt es auf und liest spontan die ersten Verse vor.

Christian Althoff

Stephan Prinz zur Lippe auf der Schulbank seines Vaters: Auf der Tafel stehen noch die Vokabeln, die die Hauslehrerin in den 30ern hingeschrieben hatte. Foto: Oliver Schwabe

Unter dem Titel »Kindheit im Schloss« zeigt die Residenz Exponate, von denen die meisten seit Jahrzehnten auf dem Dachboden in Kisten verstaut waren. Aber auch alte Gemälde, die Kinder aus dem Adelsgeschlecht porträtieren und bisher ein Schattendasein im Schloss führten, wurden für die Ausstellung ins Licht gerückt.

Zugehörigkeit zu einer Adelsfamilie konnte eine Bürde bedeuten

Dass die Zugehörigkeit zu einer Adelsfamilie für ein Kind eine Bürde bedeuten konnte, verdeutlicht das Ölporträt der siebenjährigen Amalie Luise, das 1708 entstand. »Äbtissin zu Cappel« vermerkte der Künstler auf dem Werk, und Stephan Prinz zur Lippe erklärt: »Nachdem das Haus Lippe protestantisch geworden war, machte es die Klöster zu Stiften. Die erstgeborenen Töchter hatten von da an die Bestimmung, Äbtissin zu werden. Eine Wahl hatten sie nicht.«

Als das Freilichtmuseum Detmold im vergangenen Jahr die aktuelle Jahresausstellung »Ene, mene, muh . . .« vorbereitete, die die Veränderung von Kindheit im 20. Jahrhundert dokumentiert, fragte Museumsdirektor Jan Carstensen Stephan Prinz zur Lippe, ob er nicht das eine oder andere Exponat zum Thema »Kindheit im Schloss« beisteuern könne. »Ich war begeistert und habe mit meiner Frau die Dachböden durchstöbert«, sagt der Prinz. »Mütter werfen ja nichts weg, deshalb sind wir auf viel mehr Dinge gestoßen, als wir erwartet hatten.«

In Absprache mit dem Freilichtmuseum entstand die Idee, parallel zu dessen Ausstellung eine eigene zu zeigen. Da gibt es zum Beispiel einen Hochstuhl, eine Wiege und ein rundes Metallgestell mit Holzsitz und winzigen Rädern, mit dem sich Kleinkinder durchs Schloss bewegen konnten. »Der fliegende Holländer« steht auf dem Laufgestell, das Prinz Stephan auf 100 Jahre schätzt. Gezeigt wird auch ein englisches Schulbuch aus den 30ern samt Spickzettel, den der Schlossherr zwischen den Seiten entdeckt hat.

Mit einigen der Exponaten hat Stephan Prinz zur Lippe selbst gespielt

Dass es manchem männlichen Stammhalter besser ging als den erstgeborenen Töchtern, zeigt ein Gemälde des 1667 geborenen Friedrich Adolf zur Lippe. Er sitzt als 15-Jähriger auf einem Senner Pferd und bricht zu einer Bildungsreise durch Europa auf, die ihn zum Papst und zu Ludwig XIV. führte. »Friedrich Adolf erlebte auf dieser Reise, wie die Hugenotten verfolgt wurden. Er schrieb seinen Eltern nach Detmold, sie sollten Flüchtlinge aufnehmen, was sie auch taten,« sagt der Schlossherr und geht weiter zu einer Vitrine. Darin stehen alte Puppen, einige samt Verkaufskarton, ein kleines Billardspiel und bemalte Zinnsoldaten.

Daneben liegen gut erhaltene

Gesellschaftsspiele wie »Ohne Halt – Kameradschaft voran«, ein Rennwagen-Würfelspiel aus den 30ern. Mit einigen dieser Dinge hat Stephan Prinz zur Lippe selbst gespielt. »Militärspiele hat mein Vater allerdings nur widerwillig her­ausgerückt.« Denn Armin Prinz zur Lippe hatte im Krieg schlimme Erfahrungen gemacht und war 1959 zusammen mit seiner Frau Traute dem Verband der Kriegsdienstverweigerer beigetreten.

Ein besonderes Exponat ist die Schultafel, an der Armin Prinz zur Lippe und seine Brüder im Schloss von Privatlehrern unterrichtet wurden. Es sei sein »brennender Wunsch« gewesen, mit anderen Kindern zur Schule zu gehen, erinnerte sich Armin Prinz zur Lippe 2014, aber sein Vater habe abgewinkt: »Da steckt man sich nur an.« Irgendwann gab Leopold IV. nach, und zur Quarta durfte Armin aufs Leopoldinum wechseln. Das war in den 30ern. »Damals landete die Tafel auf dem Möbelboden«, sagt Stephan Prinz zur Lippe. »Als wir sie jetzt entdeckten, standen noch die Lateinvokabeln darauf, die mein Vater am letzten Tag seines Hausunterrichts lernen musste.«

Die 45-minütige Führung »Kindheit im Schloss« beginnt täglich um 15.30 Uhr und kostet sechs Euro pro Person. Gruppen können auch eine Führung mit dem Schlossherrn buchen. Informationen unter 05231/70020.

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