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Briefe zeigen: Lippes letzter Herrscher wollte Freund vor dem KZ bewahren – Enkel kauft Grab

Wie der Fürst um das Leben eines Juden kämpfte

Detmold (WB). Erkennbar verzweifelt und an allerhöchsten Stellen hat Fürst Leopold IV. zur Lippe ab 1938 versucht, einen jüdischen Freund vor der Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt zu bewahren. Der Fürst scheiterte.

Christian Althoff

Stephan Prinz zur Lippe (59) betrachtet ein Foto, das Georg Freiherr von Eppstein zeigt. Er diente seinem Großvater Fürst Leopold IV. zur Lippe und wurde von ihm mit Orden überhäuft. Der Fürst konnte allerdings nicht verhindern, dass sein jüdischer Freund ins KZ deportiert wurde und dort umkam. Foto: Christian Althoff

Auf diese tragische Begebenheit ist der Bad Salzufler Lehrer und Historiker Dr. Stefan Wiesekopsieker gestoßen. Er überträgt im Auftrag der Familie zur Lippe die Tagebücher des letzten regierenden Fürsten (1871 – 1949) in eine heute lesbare Schrift und wertet sie aus. Dabei förderte er Aufzeichnungen über den Juden Georg Epstein aus Breslau zutage.

Über Epsteins Ausbildung ist wenig bekannt. Er gab Gedichte und Romane heraus, schrieb für Zeitungen und will 1901 in Berlin den Dr. phil. erworben haben.

1912 kommt Epstein als Berater an den Lippischen Hof. Er ist mit Hertha verheiratet, hat eine dreijährige Tochter Ingeborg und ist 1901 zum protestantischen Glauben konvertiert – »vermutlich, weil das einem Aufstieg in der bürgerlichen Gesellschaft dienlich war«, sagt Dr. Wiesekopsieker.

Epstein wird zum engsten Vertrauten Fürst Leopolds IV.

Epstein macht Karriere am Hof und wird zum engsten Vertrauten und Berater Fürst Leopolds IV., später auch zu dessen Freund. Er gründet die Fürstliche Leopold-Akademie, an der Verwaltungswissenschaften studiert werden können, und organisiert Geld für den Neubau des abgebrannten Theaters. Der Fürst überhäuft Epstein mit Orden und macht ihn 1918 zum Freiherrn von Eppstein, der sich jetzt mit zwei P schreibt. »Als es 1918 zur Revolution kommt, coacht Eppstein den Fürsten durch die unruhigen Zeiten und trägt dazu bei, dass in Lippe kein Blut fließt«, sagt Stadtarchivarin Dr. Bärbel Sunderbrink.

Das Grab der Eppsteins. Foto:

Nach dem Verlust der Macht und eines Großteils des Landesvermögens muss der Fürst den Hofstaat verkleinern. 1921 entlässt er den Freiherrn. Der zieht mit Frau und Tochter nach Berlin. Dort stirbt Ingeborg zwei Jahre später mit 14 Jahren. Eppstein kauft ein Dreiergrab für die Familie und lässt einen großen Grabstein aufstellen. Er schreibt wieder Bücher und Gedichte. »Der Fürst und er blieben in Verbindung. Die Freundschaft bestand fort«, sagt Historiker Stefan Wiesekopsieker.

»Schuldlos in die bitterste Notlage gebracht«

1937 stirbt Eppsteins Frau Hertha, eine Christin. Damit verliert Eppstein den Schutz, den Juden in Mischehen noch haben. Ihm droht die Deportation, und er bittet Fürst Leopold um Hilfe. Der schreibt am 17. November 1938 an seinen Neffen Prinz Bernhard der Niederlande einen langen Brief. Darin heißt es unter anderem:

»Lieber Bernilo! Auf die verzweifelten Bitten von Exzellenz von Eppstein hin wende ich mich heute mit diesen Zeilen an Dich, da Du der einzige bist, der noch helfen kann. Die jüngsten Ereignisse hier in Deutschland haben ihn schuldlos in die bitterste Notlage gebracht und ihm jede Existenzmöglichkeit genommen.«

Der Fürst schreibt, es sei jedem Deutschen unmöglich, Eppstein zu helfen, und bittet seinen Neffen, ihm eine bescheidene Stelle zu beschaffen und ihn beim Auswärtigen Amt anzufordern. »Damit er einen Paß erhält.«

Am 29. November 1938 antwortet der Prinz unter anderem:

»Hochverehrter Onkel Leopold! Mit großer Rührung las ich Deinen lieben Brief. (...) Meine Nachforschungen ergaben, dass der betreffende Herr völlig unbehelligt in seiner Villa leben kann. Auch von Ausweisungen ist keine Rede.«

Der Fürst schreibt am 1. Dezember 1938 zurück und beklagt, dass sein Neffe ihm nicht glaube. Er bittet erneut inständig um Hilfe, die er aber nicht bekommt.

Er wird verbrannt, die Asche verscharrt

Am 12. März 1941 schreibt der Fürst an den Chef der Reichskanzlei, Dr. Hans Heinrich Lammers, der mit Epstein im Ersten Weltkrieg in einem Regiment war:

»Sehr verehrter Herr Staatsminister! Zu meiner größten Bestürzung erfahre ich, daß für meinen früheren Kabinettschef eine sehr gefährliche Situation entstanden ist und die größte Gefahr besteht, dass er abtransportiert wird (...).«

Lepold IV. erinnert an Eppsteins »tapferes Eintreten fürs Vaterland im Weltkriege« und andere Verdienste. Er appelliert, Lammers möge seinem alten Regimentskameraden »dieses schwere Schicksal« ersparen. Acht Tage später schreibt Lammers aus dem Führer-Hauptquartier in Berlin zurück. In dem Brief steht unter anderem:

»Euer Hoheit (...). Es besteht keinerlei Möglichkeit, Eppstein von der Evakuierung der Juden auszunehmen.«

Am 2. Juli 1942 wird Georg Eppstein ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort stirbt er am 29. September mit 68 Jahren – nach offiziellen Angaben an einer Darminfektion. Er wird verbrannt, die Asche verscharrt.

Stephan Prinz zur Lippe: »Diese Geschichte hat mich sehr bewegt, zumal es damals auch in der Familie umstritten war, dass sich mein Großvater für einen Juden einsetzte. Ich habe das Familiengrab der Eppsteins auf dem Friedhof Berlin-Lichterfelde gefunden. Es war abgelaufen, aber der große Grabstein, an dem die Metallbuchstaben fehlten, stand noch.« Prinz zur Lippe kaufte die Grabstelle, in der Ingeborg und Hertha Eppstein liegen, und ließ den Grabstein restaurieren. Außerdem stellte er ein Schild auf, das über Eppsteins Schicksal informiert.

Donnerstag wird um 19 Uhr im Schloss eine Ausstellung über Freiherr von Eppstein eröffnet. Stephan Prinz zur Lippe begrüßt die Gäste, Dr. Stefan Wiesekopsieker hält den Einführungsvortrag. Karten (fünf Euro) gibt es unter stadtarchiv@detmold.de.

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