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Als Kind »zwangsgermanisiert« – Erstes Lebensborn-Opfer klagt

Ein geraubtes Leben

Lemgo (WB). Als Junge ist Hermann Lüdeking 1942 von den Nationalsozialisten aus Polen verschleppt und seiner Identität beraubt worden. Blond und blauäugig wie er war, passte er gut ins Rasseschema der Nazis. Die SS verpasste ihm über ihren Lebensborn-Verein ei­nen deutschen Namen und deutsche Pflegeeltern.

Elmar Ries

Hermann Lüdeking als Junge mit seiner Pflegemutter.

Sein Schicksal gleicht dem Tausender anderer – mit ei­nem Un­ter­schied: Der heute 83-Jährige, der schließlich in Lemgo aufwuchs und seit vielen Jahren in Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz lebt, verlangt eine Entschädigung von der Bundesrepublik Deutschland. Da sich das zuständige Bun­des­fi­nanz­mi­nis­teri­um jedoch querlegte, ging Lüdeking vor Gericht.

Vor dem Verwaltungsgericht in Köln zog er 2018 den Kürzeren. Jetzt ist das Oberverwaltungs­gericht Münster am Zug. »Es geht um die Zulassung der Berufung«, sagt Gerichtsspre­cherin Gudrun Dahme. Einen Termin für die Verhandlung gibt es noch nicht.

Kinder wurden »germanisiert«

Lüdeking ist das erste Lebensborn-Opfer, das klagt. »Sollte er am Ende gewinnen, wäre das ein wichtiges Urteil für alle anderen Opfer«, sagt Christoph Schwarz vom Verein »Geraubte Kinder – vergessene Opfer«. All die anderen Opfer: 74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind das nicht mehr viele. Schwarz spricht von »vielleicht einer Handvoll«.

Das SS-Projekt »Lebensborn«, gegründet von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, sollte »rassisch gewünschten Nachwuchs« aus den besetzten Ländern ins Reich bringen. Die Jungen und Mädchen wurden ihren Eltern geraubt, Väter und Mütter oftmals ermordet oder zur Zwangsarbeit gezwungen. Genaue Opferzahlen gibt es nicht. Die Schätzungen reichen von 50.000 bis zu 250.000 Kindern.

In Heimen wurden sie zuerst »germanisiert«, ehe linientreue, deutsche Ehepaare sie adoptierten. Lüdeking erzählt, er sei mit schätzungsweise sechs Jahren verschleppt worden und habe mehrere Heime durchlaufen. Als 16-Jähriger entdeckte er die Unterlagen seiner Lebensborn-Adoption in ei­ner Kommode ­seiner Pflegemutter und brachte sie an sich. Noch heute erinnert er sich an sie als »elegante Dame«, die ihn als Kind aus einem Heim mit ins neue Zuhause nach Lemgo nahm.

Begangenes Unrecht wiedergutmachen

Dass er seither in einem falschen Leben lebe und darunter leide, sei nicht wiedergutzumachen. »Wiedergutzumachen ist aber das begangene Unrecht«, sagt der 83-Jährige. Auch er sei Opfer des NS-Systems, auch ihm stehe darum eine Entschädigung zu – auch wenn es sich bei seiner Forderung von 2500 Euro »um einen symbolischen Betrag handelt«, sagt sein Anwalt Rainer ­Elias Hofmeister.

Das Bundesfinanzministerium argumentiert anders. Die Bundesrepublik zahlt Op­fern von NS-Unrechtsmaßnahmen im Rahmen des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes Beihilfen. Dabei geht es um Personen, die »wegen ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung oder wegen ihres gesellschaftlichen oder persönlichen Verhaltens vom NS-Regime als Einzelne oder als Angehörige von Gruppen angefeindet wurden und de­nen deswegen Unrecht zugefügt wurde«.

Anerkennung als NS-Opfer

Dazu gehören Eu­thanasie-Opfer, Zwangssterilisierte und Ho­mo­sex­u­elle. Lebensborn-Kinder fallen nicht in diese Kategorie. »Es ist eine Ungerechtigkeit, dass diese Opfergruppe vergessen worden ist«, sagt Schwarz.

Lüdeking betont, ihm gehe es letztlich um die Anerkennung als NS-Opfer. Wirklich Frieden finden, sagt er, werde er auch durch ein Urteil nicht. »Das ginge nur, wenn ich wüsste, wer ich bin und wer meine Eltern gewesen sind.«

Um hier und in anderen Fällen Licht ins Dunkel zu bringen, sei ein Fonds hilfreich, mit dem eine DNA-Datenbank aufgebaut werden könnte, ergänzt sein Anwalt Hofmeister. Dann sei es möglich, Lebensborn-Kinder und ihre lebenden Verwandten zusammenzuführen. Das aber ist eine andere Geschichte.

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