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Die bizarre Geschichte des Dirk K.

Falscher Arzt: »Ich bin ein notorischer Lügner«

Lemgo (WB). Zum Schluss übernachtete sie mit dem Portemonnaie unter dem Kopfkissen. Erst spät war der heute 50-Jährigen aufgegangen, dass ihr Mann nicht der war, für den er sich ausgab. Am Mittwoch wurde der falsche Doktor Dirk K. vom Amtsgericht Lemgo zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Bernd Bexte

Der notorische Betrüger Dirk K. soll nun erstmals ins Gefängnis: Das Amtsgericht Lemgo verurteilte ihn zu dreieinhalb Jahren Haft. Foto:

»Ich war blind vor Liebe. Aber er hat mich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans«, erzählt die Näherin aus Lemgo Richter Florian Hobbeling. Betrug, Urkundenfälschung, Untreue, unbefugtes Führen akademischer Titel, Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung und Körperverletzung wirft Anklägerin Jacqueline Eggers dem Bad Salz­ufler K. vor. Er soll seiner Frau vorgespiegelt haben, Professor und doppelt promovierter Arzt zu sein, zudem Jurist und Betriebswirt.

»Ja, das mit den Titeln war so«, gesteht er kleinlaut – einer der wenigen Vorwürfe, die er einräumt. K. ist kein unbeschriebenes Blatt: Er hat 14 Vorstrafen, vor allem wegen Betrugs.

Heiratsantrag am Telefon

Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Beziehung: 2007 lernt die Lemgoerin K. über einen Chat im Fernsehsender »Traumpartner TV« kennen. »Ich habe nur ein Foto von ihm gesehen und mich gleich in seine Augen verliebt.« Der heute 56-Jährige chattet und telefoniert mit ihr. Noch bevor sie sich persönlich gegenüberstehen, macht er ihr bereits am Telefon einen Heiratsantrag. Darauf geht sie nicht ein. Erst beim vierten Versuch wird sie schwach, 2010 heiratet das Paar.

Für ihn ist es die vierte, für sie die erste Ehe. »Nach der Hochzeit hat er sich schlagartig verändert«, erzählt die Lemgoerin, die sich im April 2016 von ihm trennte und die Scheidung einreichte. Zum Beginn der Ehe habe sie ihm eine Kontovollmacht erteilt. Ihre Vereinbarung: Sie finanziert mit ihren monatlichen Einkünften (1500 Euro) die Tagesausgaben, alles andere übernehme K. »Das stimmt nicht«, sagt er. »Wir haben das Finanzielle gemeinsam gemacht.«

K. hat eine blühende Fantasie: Er erzählt ihr, er fahre zum medizinischen Einsatz nach Haiti, um Flutopfern zu helfen. Tatsächlich fährt er nach Holland, um auszuspannen. »Meine Frau hat so geklammert, ich musste Abstand gewinnen«, begründet er die Ehe-Flucht. Zu ihrem 40. Geburtstag will er ihr für eine halbe Million Euro ein Anwesen in Detmold-Berlebeck schenken. Es bleibt bei der Ankündigung. »Ich war ja im Nachhinein so blöd«, sagt sie.

Bausparvertrag abgeräumt und Darlehen aufgenommen

K. soll in ihrem Namen und durch Fälschung ihrer Unterschrift zwei Darlehensverträge über insgesamt 15.700 Euro abgeschlossen haben. Raten wurden nie gezahlt, ebenso wenig Abschläge für die Stadtwerke, Grundbesitzabgaben, Telefonkosten und einiges mehr. Er soll ihr Sparkonto und ihren Bausparvertrag abgeräumt und wichtige Post vorenthalten haben.

So erfährt sie erst spät, dass ihrer Eigentumswohnung in Lemgo – das Paar wohnte mal dort, mal in K.s elterlichem Haus in Bad Salzuflen – die Zwangsversteigerung droht. »Meine Eltern haben das noch abgewendet.« Als sie nach einer Operation Schmerz- und Beruhigungsmittel verschrieben bekommt, soll K. – da angeblich Dr. Dr. der Medizin – sie bewogen haben, höhere Dosen zu nehmen. »Das habe ich nie getan«, beteuert er. »Es war so schlimm, dass ich Erinnerungslücken hatte«, hält die Lemgoerin dagegen.

K., vertreten durch Anwalt Helmut Wöhler, steht nicht das erste Mal vor Richter Florian Hobbeling. Der fragt den Angeklagten ganz offen: »Sind sie ein notorischer Lügner?« »Ja, das bin ich«, sagt K. zögerlich – ohne wirklich reinen Tisch zu machen. So gibt der Bad Salzufler zunächst an, von Zuwendungen seiner Eltern und nach deren Tod von Einkünften als Immobilienverwalter im Auftrag seiner Neffen zu leben.

Weitere Verfahren

Noch während der gestrigen Verhandlung lassen diese aber telefonisch mitteilen, dass sie K. nicht finanzieren. Hobbeling bohrt nach, bis K. gesteht, auch dies erfunden zu haben. Er gibt auch zu, bei einer eidesstattlichen Versicherung gegenüber einer Gerichtsvollzieherin 10.000 Euro verschwiegen zu haben. Wie der gelernte Industriekaufmann, der viele Jahre im Glaserbetrieb seinen Vaters arbeitete, seinen Lebensunterhalt bestreitet, bleibt unklar.

»Sie zeigen kein Unrechtsbewusstsein«, zeigt sich Richter Hobbeling sichtlich genervt von K.s beharrlichen Ausflüchten. Aufgrund von Hinweisen, die im Laufe des Prozesstages ans Licht kommen, will er nun weitere Verfahren gegen K. einleiten: wegen Fahrens ohne Führerschein und Steuerbetrugs.

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