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Verstorbene ohne Angehörige werden in Lemgo mit einer Trauerfeier verabschiedet

Nicht vergessen

Lemgo (WB). Manuela Werner ist zwei Stunden vor Beginn der Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Die Bestatterin verteilt die fünf elfenbeinfarbenen Urnen auf dem Sargwagen und richtet sie so aus, dass die kleinen Namensschilder in Richtung der Trauergemeinde zeigen – obwohl sie nicht weiß, ob heute überhaupt jemand kommen wird. Dann holt Manuela Werner hohe Gräser, Kerzenständer und Tücher aus ihrem Wagen und schmückt den kahlen Raum.

Christian Althoff

Die Urnen mit der Asche von drei verstorbenen Frauen und zwei Männern stehen auf einem Sargwagen in der Friedhofskapelle in Lemgo-Lieme. Dreimal im Jahr werden hier Trauerfeiern für Menschen veranstaltet, die keine Verwandten haben. Manchmal kommen Nachbarn, Freunde und Kollegen, manchmal niemand. Foto: Christian Althoff

Die Bestatterin aus Lemgo macht das ehrenamtlich. „Für mich ist das eine Herzensangelegenheit“, sagt die 45-Jährige. Denn die fünf Menschen, die hier heute zu Grabe getragen werden sollen, haben keine Angehörigen – oder keine, die sich um die Beerdigung kümmern wollen.

Bestatterin Manuela Werner senkt eine Urne nach der anderen in das anonyme Grab in der Nähe des Friedhofseingangs. Foto: Christian Althoff

Während solche Verstorbene in anderen Städten im Auftrag des Ordnungsamts eingeäschert und die Aschekapseln von Friedhofsgärtnern anonym vergraben werden, geht Lemgo seit 2014 einen anderen Weg. „Abschied in Würde“ heißt die Initiative, die von den beiden großen christlichen Kirchen und mehreren Ehrenamtlichen getragen wird.

„Auch wer keine Angehörigen hat, hatte vielleicht Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen, die Abschied nehmen möchten“, sagt Pfarrer Matthias Altevogt, der die Trauerfeier zusammen mit Diakon Helmut Haybach leitet. „Aber auch den Menschen, die überhaupt niemanden haben, wollen wir den letzten Weg würdig gestalten.“ 64 waren es seit 2014.

Pfarrer Matthias Altevogt und DIakon Helmut Haybach leiten die Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Foto: Christian Althoff

An diesem Donnerstag sind 15 Trauergäste in die Friedhofskapelle nach Lemgo-Lieme gekommen. Sabine Wall ist eine von ihnen. Sie arbeitet beim Ordnungsamt und hat in den letzten Monaten versucht, Angehörige der Verstorbenen zu finden. „Manche haben wirklich niemanden mehr. Aber es gibt auch Fälle, in denen die Familien zerrüttet sind und sich keiner um die Bestattung kümmert.“ Früher seien dann die Menschen eingeäschert und in Bielefeld beerdigt worden, „weil es da am billigsten ist“. Doch der Weg, den man in Lemgo eingeschlagen habe, sei „besser und würdevoller“.

Vier Monate lang sammelt die Stadt Urnen einsam gestorbener Menschen und lässt sie dann beisetzen. Die Geistlichen würden grundsätzlich auch Verstorbene bestatten, die nicht in der Kirche waren, aber das möchte die Stadt nicht. „Mancher hatte ja seinen Grund, warum er ausgetreten ist. Wir möchten den Menschen nichts überstülpen“, sagt Sabine Wall. Sie sei gekommen, weil die Toten, mit denen sie sich beruflich befasst habe, in der Trauerfeier „ein Gesicht“ bekämen. Denn die Geistlichen versuchten, den Lebensweg jedes einzelnen nachzuzeichnen – begleitet von der Organistin Jutta Brand (84), die sich ebenfalls ehrenamtlich engagiert.

Jeder Verstorbene bekommt ein Messingschild. Foto: Christian Althoff

Petra Freitag hält einen Trauerstrauß in den Händen, als sie die Friedhofskapelle betritt. Sie ist für Gustav Kemper gekommen, der 90 Jahre alt wurde. „Er war unser Mieter“, erzählt die 60-Jährige. „Als wir das Haus vor 22 Jahren gekauft haben, wohnte er schon dort. Er war als Fünfjähriger mit seinen Eltern eingezogen.“ Gustav sei ein ganz lieber Mensch gewesen, habe aber nie geheiratet und keine Verwandten gehabt. Als er nach einem Unfall vor zwei Jahren pflegebedürftig geworden sei, hätten ihr Mann und sie sich um ihn gekümmert. „Aber irgendwann ging das nicht mehr, und er musste ins Heim.“ Da sie den Kontakt gehalten habe, habe sie von seinem Tod erfahren. „Ich bin froh, dass ich mich heute hier von ihm verabschieden kann.“

Manchmal melden sich frühere Nachbarn oder Kollegen

In den Wochen vor der Trauerfeier versuchen die Kirchengemeinden, etwas über das Leben der Verstorbenen zu erfahren. Sie veröffentlichen die Namen in sozialen Netzwerken, und die lippischen Zeitungen drucken kostenlos eine Traueranzeige. „Manchmal melden sich dann frühere Nachbarn oder Kollegen“, sagt Matthias Altevogt.

Die Lebensläufe, die die beiden Geistlichen an diesem Donnerstag schildern, könnten unterschiedlicher nicht sein. Über Gustav Kemper ist viel zu erzählen. Dass er als Lackierer in einer Möbelfabrik gearbeitet hat und Fahrradfahren seine große Leidenschaft war. Dass er immer zum Tanztee nach Bad Salzuflen radelte und gerne mit seinem Freund August auf der Bank vor dem Haus saß und sang. Er war ein zufriedener Mensch.

Trauergäste erhalten mitunter tiefe Einblicke

Ganz anders verlief das Leben von Agnes, die 79 Jahre alt wurde. Die Trauergäste erfahren von Gewalt und Missbrauch, die die Arbeiterin zeitlebens erfahren habe. „Als sie mit 58 Jahren in ein Altenheim kam, war das für sie zugleich ein Frauenhaus, eine Zufluchtsstätte.“ Acht Kinder habe Agnes zur Welt gebracht, sagt der Pfarrer. Keines ist heute hier.

Zu Helga können die Geistlichen fast gar nichts sagen. 1936 geboren, vor zwölf Jahren verwitwet, zwei Kinder aus der zweiten Ehe – die rudimentären Daten hat das Standesamt herausgesucht. Mehr ist aus dem 84 Jahre währenden Leben der Frau nicht überliefert.

Karl ist mit 58 der Jüngste, dessen Asche heute bestattet wird. Er sei mit zwei Schwestern in Lemgo aufgewachsen und habe als Kind gerne im Wald gespielt, sagt Pfarrer Altevogt. Nach einer gescheiterten Ehe sei er auf die schiefe Bahn geraten. „Aber er hat sich wieder gefangen.“ Als Karl schwer krank geworden sei, habe er eine Behandlung abgelehnt. „Er war einverstanden, dass sein Leben zu Ende ging.“

Da sein – das Letzte, was man geben kann

Später, als alle fünf Verstorbenen gewürdigt und die Urnen beigesetzt sind, sprechen die Trauergäste noch ein Vaterunser. Dann verlassen sie den Friedhof.  „Ich kannte keinen der Verstorbenen“, sagt Anita Prante (80). „Ich habe zum Glück eine Familie. Aber wenn man sich in diese Menschen hineinversetzt, dann hätten sie sich bestimmt so einen Abschied gewünscht. Heute hier zu sein war das Letzte, was wir ihnen geben konnten.“

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