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Seit 50 Jahren arbeitet Heinz Reker für die Stadt – Im Herbst ist Schluss

Lügdes Bürgermeister: „Die haben mir die Pest gewünscht“

Lügde (WB). Im Oktober, nach der Kommunalwahl, will Heinz Reker (66) sein Amt als Bürgermeister von Lügde niederlegen. Dann hat er 51 Jahre in der Stadtverwaltung gearbeitet. Der Missbrauchsfall Lügde – er hat ihn mehr Kraft gekostet, als er anfangs wahrhaben wollte. „Dass es nichts gab, was die mit den Mädchen nicht gemacht haben – das hat mich fertiggemacht. Und das habe ich abends mit in den Schlaf genommen.“

Christian Althoff

Heinz Reker ist Bürgermeister in Lügde – einer 10.000-Einwohner-Stadt, in der noch viele alte Fachwerkhäuser erhalten sind. „Hier kenne ich alles und jeden“, sagt der 66-Jährige, den der Missbrauchsfall viel Kraft gekostet hat und der im September nicht erneut zur Bürgermeisterwahl antreten wird. Foto: Christian Althoff

Der Blick aus Rekers Büro im ersten Stock des Rathauses geht auf den Marktplatz. „Seit meiner Kindheit kenne ich hier jeden Stock und jeden Stein“, sagt der Bürgermeister. Darum habe es ihn auch so erschüttert, als er vor einem Jahr, am 29. Januar, wie die übrige Öffentlichkeit vom Missbrauch auf dem Campingplatz „Eichwald“ erfahren habe. „Ich habe mir Vorwürfe gemacht und mich gefragt, ob ich nicht vorher etwas hätte bemerken müssen.“

Sozialamt erste Ausbildungstation

Reker hatte am 1. August 1969 seine dreijährige Verwaltungslehre in der Stadtverwaltung angetreten. Die Erinnerung lässt seine Augen leuchten. „Ich war 16, und es war eine tolle Zeit!“ Der Bürgermeister strahlt. „Das war meine Woodstock-Phase, da wurde ich musikalisch geprägt. Ich habe Pink Floyd gehört und tue das heute noch. Obwohl ich im Moment mehr Queen höre.“

Das Sozialamt in Lügde sei seine erste Ausbildungstation gewesen. „Mein Chef hatte das Gerücht gehört, dass eine Witwe unter sehr ärmlichen Verhältnissen leben sollte. Er schickte mich zu ihr, um das zu überprüfen.“ So etwas gebe es heute wohl nicht mehr, sagt der Bürgermeister. „Ich habe der Frau ihre Scham nehmen müssen und ihr erklärt, dass es keine Almosen sind, die ihr zustehen. Das hat mich sehr geprägt.“

Bauamt, Ordnungsamt, Standesamt – Heinz Reker war in seiner jahrzehntelangen Laufbahn fast überall. 1994 kam er in die Kämmerei. „Zahlen waren mein Ding.“ Reker wurde Kämmerer, und 2009 fragten ihn CDU und SPD, ob er nicht als parteiloser Bürgermeisterkandidat antreten wolle. Reker wollte. Er wurde 2009 Bürgermeister und 2014 von etwa 80 Prozent der Wähler im Amt bestätigt.

Dann kam der Missbrauchsfall

Lange lief das Leben des Bürgermeisters in normalen Bahnen. In der Woche führte der Vater zweier Töchter die 30-köpfige Verwaltung, und am Wochenende stieg er aufs Rad – seine große Leidenschaft. „Autos interessieren mich nicht. Mein Audi ist 25 Jahre alt. Aber ich habe zwei Rennräder, ein Mountainbike und ein Stadtrad.“ Es gibt wohl keinen Hügel im lippischen Bergland, über den sich Reker nicht schon gequält hat.

Dann kam der Missbrauchsfall Lügde. 2019 sei das schwerste Jahr in seinem Berufsleben gewesen, sagt Reker. „Das Jahr hat mich sehr viel Kraft gekostet. Da sind mir zum ersten Mal meine Grenzen deutlich gemacht worden.“

Weder die Polizei noch Landtagsabgeordnete hätten ihn während der vielen Monate informiert. „Ein paar Stunden Vorsprung hätten mir ja schon gereicht, um mich auf die immer neuen Situationen einzustellen. Aber so erfuhr ich die Neuigkeiten zusammen mit allen anderen, und wenn Ihnen dann Mikrofone unter die Nase gehalten werden, ist das nicht einfach.“

Sippenhaft und Wut

Viele Menschen in Deutschland hätten damals die Stadt Lügde und ihre Bürger für das, was auf dem Campingplatz geschehen war, in Sippenhaft genommen. „Die Leute wussten ja nicht, dass wir in Lügde kein Jugendamt haben und dass ich auch nicht der Chef der Polizei bin.“ Überall seien die Menschen fassungslos gewesen, und etliche hätten ihre Wut an ihm ausgelassen. „Das E-Mail-Postfach in meinem Büro war jeden Morgen voll. Hassmails, Bedrohungen, die haben mir die Pest an den Hals gewünscht. Einer schrieb, man sollte mich mit den Tätern in eine Zelle stecken.“

Die Fraktionen von CDU, SPD und Freier Wählergemeinschaft seien sich damals einig gewesen, dass Lügde mit einer Stimme sprechen solle – mit der des Bürgermeisters. „Lippes Landrat ist in der SPD, der Innenminister von der CDU – man hätte die Pannen rund um den Fall lokalpolitisch nutzen können. Aber niemand hier wollte das Schicksal der Kinder politisch ausschlachten.“

Das Herz ausgeschüttet

Wie sehr ihn das alles mitgenommen habe, habe er lange nicht wahrgenommen. „Irgendwann sagte meine Lebensgefährtin: Merkst du eigentlich, dass du keine Musik mehr hörst?“ Ein Bandscheibenvorfall und eine Kur verschafften dem Bürgermeister schließlich eine Atempause. „Als dann im September die Täter verurteilt wurden, kam auch unsere Stadt langsam wieder zur Ruhe.“

Ihn beschäftige bis heute, dass Kindesmissbrauch wohl ein Massenphänomen sei. Heute wisse er, dass es selbst in Lügde mehr Missbrauchsopfer gebe als die Kinder vom Campingplatz. „In den letzten Monaten sind ein paar Bürger in mein Büro gekommen, die ich seit Jahren kenne. Männer und Frauen.“ Sie hätten ihm ihr Herz ausgeschüttet und erzählt, was ihnen in ihrer Kindheit angetan worden sei. „In Heimen, aber auch hier in der Nachbarschaft.“

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