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Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit veranstaltet Pilgerweg mit evangelischer und katholischer Kirche

Erinnerung an jüdisches Leben in Schlangen

Schlangen

Das Jahr 2021 ist bundesweit zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erklärt worden. In der Sennegemeinde wurde jetzt mit einem Pilgerweg an das lange wie wechselvolle Leben der Juden in Schlangen erinnert.

Von Klaus Karenfeld

Psalmverse verbinden den jüdischen und den christlichen Glauben. Das Bild zeigt (von links) Sabine Mellies-Thalheim, Marie Hanselle, Bettina Hanke-Postma, Georg Kersting und Ulrike Burchart.  Foto: Klaus Karenfeld

Ausgangspunkt dieser Veranstaltungspremiere war die katholische Kirche St. Marien. Den etwa 35 Besuchern fielen als zunächst vier Textfahnen in deutscher und hebräischer Sprache auf, die von der Orgel-Empore herabhingen. Darauf abgebildet waren ausgewählte Psalmverse wie dieser: „Gott sehnt sich nach den Menschen. Und die Menschen sehnen sich nach Gott.“

Psalmverse haben eine lange jüdische Tradition, sind später aber auch wichtiger Teil des christlichen Glaubens geworden. „In ihnen spiegelt sich viel Lebenserfahrung und ein großes Maß an Gottvertrauen wider“, erläuterten Pfarrer Georg Kersting und Pfarrerin Sabine Mellies-Thalheim in ihren kurzen Ansprachen.

Die Fahnen sind eine Leihgabe der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Detmold und Ergebnis einer aufwendigen Projektarbeit. Sie werden für kurze Zeit noch in beiden Kirchen zu sehen sein.

Jüdisches Leben in Deutschland ist aber auch vom Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet, das zur Ermordung von sechs Millionen Juden führte. Es war ein bewegender Moment, als Madita Burchart aus den Erinnerungen von Karla Raveh, geborene Frenkel, vorlas. Die damals 15-Jährige war 1942 mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden, später nach Au­schwitz. Neben ihr hat nur ihre Großmutter überlebt, die anderen zehn Familienangehörigen starben.

Heinz Kriete erinnerte am jüdischen Denkmal an die Geschichte der Juden und ihrer Synagoge in Schlangen. Foto: Klaus Karenfeld

Der Pilgerweg führte weiter zur evangelisch-reformierten Kirche. Hier kam Marie Hanselle als Zeitzeugin zu Wort. Die heute 91-Jährige erinnerte sich noch gut daran, wie die Mitschülerinnen jüdischen Glaubens mehr und mehr ausgegrenzt und isoliert wurden. „Ich war damals, 1938, erst acht Jahre alt. Aber ich habe das alles schon seinerzeit als sehr schrecklich empfunden.“

Der Pilgerweg führte schließlich nach knapp einer Stunde zum jüdischen Denkmal in Schlangen. Wie Heinz Kriete, Vorsitzender des örtlichen Heimat- und Verkehrsvereins, erläuterte, ist jüdisches Leben in Schlangen bis in das Jahr 1650 nachweisbar. Die erste Synagoge am Ort wurde 1867 gebaut: „Sie erfüllte sämtliche Anforderungen an ein Bethaus, war von den Maßen her aber eher klein und bescheiden“, so Heinz Kriete.

In der NS-Zeit habe die Gemeinde Schlangen ihre bedingungslose Treue zum nationalsozialistischen Regime leider mehrmals unter Beweis gestellt – auch das machte Kriete in seinem Vortrag deutlich: „Schlangen gehörte zu den ersten drei Kommunen in Lippe, die per Ortssatzung die Ausgrenzung der Juden schriftlich fixierten.“

1932/33 lebten 25 Juden in Schlangen und fünf in Haustenbeck. Um 1933 fand Kriete zufolge der letzte Gottesdienst in der Synagoge statt. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wanderten zahlreiche jüdische Einwohner der Dörfer Schlangen und Haustenbeck aus, andere wurden in Konzentrationslager deportiert und dort umgebracht. Ein Überlebender kehrte 1945 in seinen Geburtsort zurück.

Die Veranstaltungspremiere endete mit einem besonderen Dank an die drei Organisatorinnen Ulrike Burchart, Sabine Mellies-Thalheim und Bettina Hanke-Postma, evangelische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Lippe.

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