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Schlänger Reiter überstehen Lockdown mit Organisation, Zusammenhalt und Disziplin

Pferde versorgen mit straffem Zeitplan

Schlangen (WB). Eigentlich fing das Jahr 2020 für den Reit- und Fahrverein Schlangen richtig gut an. Stute Beverly zog als viertes Schulpferd neben Candy, Wallach Ed und Varina auf die Reitanlage im kleinen Bruch und bot noch mehr Möglichkeiten für den Reitunterricht. Doch dann kam das, was niemand jemals für möglich gehalten hätte: Der Lockdown als Reaktion auf die Corona-Pandemie legte den kompletten Betrieb lahm. „Von einem auf den anderen Tag durften nur noch diejenigen auf die Anlage, die ein Pferd eingestallt hatten“, erläutert Maike Hölscher. Und zwar pro Pferd nur für zwei Stunden.

Sonja Möller

Die lange Durststrecke ist überwunden für die Reitschüler (von links): Übungsleiterin Alex Wilkening, Nola Stelte (6) auf Candy, Farina mit Melissa Püster (7), Lucie Dirumdam (8) und die Vorsitzende Maike Hölscher freuen sich. Foto: Sonja Möller

Neben den zehn eingestallten Pferden mussten natürlich auch die vier vereinseigenen Schulpferde bewegt werden. Was normalerweise 50 aktive Reiter erledigen, lag plötzlich auf den Schultern der neun Pferdebesitzer – ganz schön anspruchsvoll. „Wir haben uns die Zeiten dann in Schichten aufgeteilt mit Zeitpuffern dazwischen, damit sich niemand begegnet. Pro Pferd durften wir uns zwei Stunden am Stall aufhalten“, schildert die stellvertretende Vorsitzende Alin Ruth die Vorgaben.

Es wurde ein genauer Zeitplan erstellt, damit immer maximal vier Personen gleichzeitig auf der Anlage sind. Maike Hölscher und Alin Ruth hingen Anwesenheitslisten auf und informierten über immer neue Auflagen, die aufkamen. „Dadurch hat alles super funktioniert“, erzählt Pressewartin Sandra Hunke-Höschen und betont: „In den zwei Stunden mussten die Pferde versorgt, reitfertig gemacht und bewegt werden.“ Dies diente einzig der Gesunderhaltung der Pferde.

Briefe aus Sicht der Schulpferde muntern Kinder auf

„Pferde müssen bewegt werden, um gesund zu bleiben. Deswegen müssen sie regelmäßig geritten werden. Mit richtigem Training hatte das nichts zu tun“, erläutert Sandra Hunke-Höschen. Geärgert hätten sie die Kommentare von Sportlern anderer Sportarten, die sich in den sozialen Medien abfällig darüber äußerten, dass die Reiter ihren Sport weiter betreiben dürften. Die Pressewartin des Reitvereins kann da nur den Kopf schütteln: „Pferde sind Lebewesen. Die legt man nicht in einen Schrank wie einen Fußball.“

Die Lockdown-Wochen waren für alle Reiter „ganz schön schwierig“, wie Maike Hölscher berichtet: „Wir mussten genau überlegen, wer wen bewegt, wer die Pferde auf die Wiese stellt und wer sie wieder in den Stall bringt.“ Die Schulpferde bekamen feste Pfleger zugeteilt.

Normalerweise gibt es 50 aktive Reiter im Verein, davon viele Kinder und Jugendliche. Mit Beginn des Lockdowns durften sie nicht mehr zu ihren geliebten Schulpferden. „Es durfte kein Fremder die Anlage betreten“, berichtet Alin Ruth. Für die Reitschüler sei das sehr traurig gewesen.

Um die Kinder ein bisschen aufzumuntern, haben ihnen die Jugendwarte Briefe aus Sicht der Schulpferde geschrieben. In einer Videobotschaft auf Instagram kamen Candy, Ed, Varina und Beverly sogar selbst zu Wort. „Das kam bei den Schülern gut an und schließlich durften die ersten wieder zum Unterricht kommen – wenn auch mit klaren Regeln“, erzählt Maike Hölscher. Betreten werden durfte die Anlage nur über die vordere Außentür, zuerst mussten die Hände gewaschen und desinfiziert werden und bis sie auf dem Pferd saßen, mussten die Schüler einen Mund-Nasenschutz tragen. Alle hielten sich daran, erzählt die Vorsitzende.

Seit Corona ist in der Sattelkammer nur Platz für eine Person. Während Sandra Hunke-Höschen ihre Trense weghängt, muss Alin Ruth mit ihrem Sattel vor der Tür warten. Foto: Sonja Möller

Maike Hölscher war mit anderen Reitvereinen in Kontakt und tauschte sich aus. Eine große Orientierungshilfe war die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN). Der Dachverband aller Reiter, Züchter, Fahrer und Voltigierer in Deutschland stellte einen Katalog mit Maßnahmen, Merkblättern und Listen zur Verfügung, an denen sich die Vereine orientieren konnten. „Danach haben wir unser eigenes Hygieneschutzkonzept erarbeitet. Allerdings hat sich ständig etwas an den Vorgaben verändert, auf das wir reagieren mussten“, berichtet Alin Ruth.

Einnahmen fielen weg

Auch finanzielle Einbußen musste der Verein hinnehmen. Einnahmen aus Reitunterricht, von Turnieren und Sponsoren fielen weg, während die Kosten für die Schulpferde wie Futter, Versicherung und Tierarzt weiterliefen. „Wir haben in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet, so dass wir das auffangen konnten. Zum Glück mussten wir keins unserer Schulpferde verkaufen. Aber ob wir einen zweiten Lockdown schaffen, wissen wir nicht“, schildert Maike Hölscher die Situation.

Mittlerweile kehrt langsam wieder etwas Normalität ein beim Reitverein Schlangen. Mit den Verhaltensregeln zum Schutz vor Corona sind die Reiterinnen vertraut. Auch Besucher dürfen wieder kommen, müssen sich aber in eine Liste eintragen und die Hygiene-Regeln befolgen. Nur ein Turnier wird es in diesem Jahr wohl nicht geben. „Unsere Turniere leben von der Geselligkeit, der Beteiligung vieler Schlänger und der Gastronomie. Das ist mit den Anforderungen nicht vereinbar“, bedauert Maike Hölscher.

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