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Senior aus Bad Oeynhausen will nur zusammen mit seiner pflegebedürftigen Frau (95) geimpft werden

94-Jähriger sagt Corona-Impftermin ab

Bad Oeynhausen

„Es hätte mir das Herz zerrissen, wenn ich die Wahl hätte treffen müssen“, sagt Richard K. aus Bad Oeynhausen. Er ist 94 Jahre alt und hat versucht, für sich und seine 95 Jahre alte, demente Frau Corona-Impftermine zu vereinbaren.

Christian Althoff

Richard K. aus Bad Oeynhausen legt seine Hand beruhigend auf die Hände seiner Frau. Sie ist seit Jahren dement und wird von ihm betreut. Foto: Christian Althoff

„Sie wollten mir nur einen Termin für einen von uns geben. Soll ich etwa entscheiden, wer von uns beiden geimpft wird? Da hab‘ ich gesagt: Dann lassen wir‘s.“

Trotz seines hohen Alters bewältigt der frühere Kaufmann den Alltag weitgehend alleine. „Meine Frau ist seit fünf Jahren dement, und ich kümmere mich um sie.“ Seit zwei Monaten bekomme er Unterstützung von einem ambulanten Pflegedienst. „Die kommen morgens und helfen meiner Frau beim Waschen und beim Anziehen, und manchmal duschen sie sie auch.“ Das Mittagessen lässt der 94-Jährige von Bofrost kommen. „Ich hole jeden Tag was Schönes aus der Truhe und mach‘ es warm. Die Sachen sind alle lecker. Ich habe gerade ein Reisgericht auf dem Herd.“

Für ihn sei es nie eine Frage gewesen, seine Frau und sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Er sei herzkrank, und seine Frau habe Neuropathie. „Wir sind zwar alt, aber doch noch lebensfroh.“ 66 Jahre seien sie jetzt verheiratet. „Zur Diamantenen Hochzeit im letzten Jahr hat Herr Laschet uns geschrieben und gratuliert.“

Seit der Corona-Pandemie gehe er kaum noch aus dem Haus, sagt der 94-Jährige. „Nur zur Apotheke und zum Supermarkt, der 100 Meter um die Ecke ist. Natürlich mit Maske.“

Richard K. (94) aus Bad Oeynhausen

Seine demente Frau, die schwindelig und auf einen Rollstuhl angewiesen sei, habe zum Glück nicht den Drang, nach draußen zu wollen. „Sie hat das Haus seit Monaten nicht mehr verlassen. Wir haben schon lange unseren eigenen Lockdown.“ Es habe viel Zeit gebraucht, um seiner Frau einigermaßen zu erklären, was Corona bedeute. „Aber ich glaube, jetzt ahnt sie es.“

Dass es inzwischen Impfungen gebe, sei ein Segen, sagt der Bad Oeynhausener. „Wir wollen nicht so einen Tod sterben. Wenn man das mal im Fernsehen gesehen hat... Das schwebt doch seit Monaten wie ein Albtraum über uns.“

Als er den Brief von Gesundheitsminister Laumann mit der Einladung zum Impfen bekommen habe, habe er sich gefreut, erzählt Richard K. „Ich dachte, da stehen unsere Impftermine drin.“ Das sei aber nicht so gewesen, und ihm sei dann auch klar geworden, warum nicht: „Wenn sie Impftermine verschicken, gehen die ja auch an Leute, die sich nicht impfen lassen wollen. Dann sind diese Termine ja verloren.“ Also habe er sich am Montagmorgen ans Telefon gesetzt und versucht, durchzukommen. „Immer und immer wieder. Am Dienstag gegen 11 Uhr hat es endlich geklappt. Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als sich die Frau gemeldet hat.“

Doch seine Freude sei nur kurz gewesen. „Als sie sagte, dass ich nur für eine Person buchen kann, wollte ich das erst nicht glauben. Das hätte für mich und meine Frau vier 30-minütige Taxifahrten zum Impfzentrum nach Hille bedeutet. Wenn ich denn überhaupt noch mal am Telefon durchgekommen wäre.“ Gemeinsam oder gar nicht, habe er sich gedacht – und auf den Termin verzichtet.

Richard K. fühlt sich alleingelassen. „Ich glaube, die wissen gar nicht, was sie uns alten Menschen antun.“ Er sei nicht so eingestellt, dass er gleich auf alles schimpfe, wenn mal etwas nicht funktioniere, sagt der 94-Jährige. „Ich habe schon Achtung davor, was da im Moment auf die Beine gestellt wird. Was da organisiert werden muss, ist nicht ohne.“ Aber es habe sich offenbar niemand der Organisatoren in alte Leute hineinversetzt.

Am Mittwoch bat Richard K. seinen in Berlin lebenden Sohn, es noch einmal für ihn zu versuchen. „Er ist tatsächlich durchgekommen, aber man wollte ihm auch nur einen Termin geben. Obwohl die Kassenärztliche Vereinigung doch immer sagt, am Telefon würde man zwei Termine bekommen.“

Am Donnerstag setzte sich der Senior wieder selbst ans Telefon. „Als es endlich klappte, sagte ein Mann, Paare könnten nicht gemeinsam buchen, und au­ßerdem seien alle Termine für den Kreis Minden-Lübbecke vergeben. Warum erfährt man das erst nach Stunden in der Leitung?“

Die Hoffnung, gemeinsam mit seiner Frau gegen Corona geimpft zu werden – sie ist noch da. Aber wie das gehen soll, weiß Richard K. nicht. Da geht es ihm wie ungezählten anderen alten Menschen.

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