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Autofahrer (91) nach Unfall mit Todesfolge in Bad Oeynhausen vor Gericht: Schlusswort des Beschuldigten sorgt für Befremden

Acht Monate Haft auf Bewährung

Bad Oeynhausen

Diese Strafe „kann keine Kompensation sein für das, was passiert ist“, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer zum folgenschweren Unfall im Mai 2020 am Alten Postweg. Seinen Forderungen schloss sich Amtsrichter Dr. David Cornelius im Urteil an. Acht Monate Haft auf Bewährung verhängte er gegen den 91-jährigen Unfallfahrer, der mit seinem Schlusswort viele vor den Kopf gestoßen hatte.

Wilhelm Adam

Vor dem Amtsgericht in Bad Oeynhausen ist am Mittwoch im Prozess gegen den Beschuldigten (91, links) ein Urteil gesprochen worden. Er musste sich für einen Unfall verantworten, bei dem im Mai 2020 am Alten Postweg eine Radfahrerin ums Leben gekommen und eine weitere schwer verletzt worden war. Foto: Wilhelm Adam

„Ich habe mich durchaus fahrtüchtig gefühlt. Das war‘s“, hatte der Beschuldigte abschließend erklärt. Bedauern habe er nur über seinen Verteidiger ausgedrückt, bemerkte daraufhin ungehalten einer der beiden Nebenkläger. Von ihm selbst „haben wir keine Einlassung gehört“, stellte er klar und bezeichnete die Forderung der Staatsanwaltschaft insgesamt als „sehr milde.“ Die Bewährungsauflage falle nach seinem Empfinden zu niedrig aus.

Neben 10.000 Euro für den hinterbliebenen Witwer der getöteten Radfahrerin hielt der Nebenkläger 15.000 Euro für seine Mandantin für angemessen, die an ihren Verletzungen ein Leben lang tragen werde. Von einem „Augenblicksversagen und er konnte sich nicht erinnern“, könne beim 91-Jährigen keine Rede sein. Ihm sei bewusst gewesen, dass er vor dem Unfall bei seinem Einkauf „Probleme im WEZ verspürt hat“. Dies sei als „Ursächlichkeit“ zu bewerten, die mit zur Tat gehöre.

„Völlig außer Streit“ seien die Unfallereignisse, räumte der Verteidiger des Beschuldigten ein. Sein Mandant habe die Kontrolle über sein Auto verloren und die „tragischen Folgen berühren den Angeklagten noch heute“. Dennoch sei der Beschuldigte „komplett unter ärztlicher Kontrolle“ und „bestens eingestellt“ gewesen. Grobe Fahrlässigkeit erkenne er nicht. Was geschehen sei, habe der Mann nicht vorhersehen und verhindern können. „Mein Mandant ist freizusprechen.“

„Sorgfaltspflicht grob fahrlässig verletzt“

Doch von „einer abstrakten Gefahr, die jeder Person“ passieren könne, wollte Amtsrichter Dr. Cornelius nichts wissen. Spätestens sein Schlusswort sei „nicht mehr glaubhaft“. Ohne Zweifel habe er seine Sorgfaltspflicht grob fahrlässig verletzt. Aufgrund von „seit 20 Jahren bestehenden chronischen Erkrankungen“ sei belanglos, ob er eine Unterzuckerung oder eine andere Beeinträchtigung nicht habe vorhersehen können. Bereits einmal habe ihn in Minden eine Polizeistreife angehalten, weil der „Fahrzeugführer den Ansprüchen im Straßenverkehr nicht mehr gerecht wird“, wie die beiden geladenen 41 und 52 Jahre alten Polizisten zuvor dazu bestätigt hatten.

Auch zwei vom Verteidiger vorgebrachte amtsärztliche Bescheinigungen einer vollen Fahrtauglichkeit nach jenem Zwischenfall änderten daran nichts. „Sie haben nicht gewartet und sind gleich losgefahren“, sagte der Vorsitzende zum Beschuldigten mit Blick auf den Unfall am Alten Postweg. Ganz leicht hätte er mit dem Verzicht auf die Fahrt den Unfall verhindern können.

Freiwilliger Verzicht auf Führerschein

In allen Punkten folgte der Richter dabei dem Plädoyer des Staatsanwalts. „Ein sorgfältiger und gewissenhafter Mensch“ sei der 91-Jährige gewesen, stellte dieser bezüglich der Arztbesuche fest. Auch mit seinem freiwilligen Verzicht auf den Führerschein habe er Verantwortung für den Unfallhergang übernommen.

Aber nach nur „200 Metern waren Sie nicht mehr in der Lage, ein Fahrzeug zu führen. Sie sind ein Risikopatient mit äußerst fragilem Gesundheitszustand“. Auch wenn er bislang unbescholten gewesen sei, habe er an jenem Tag „das Risiko auf andere abgewälzt“, dabei „das Bewusstsein verloren und auf das Gaspedal gedrückt“ und die Radfahrerinnen erfasst, von denen eine noch vor Ort starb. Damit werde er „ein Leben lang umgehen müssen“.

Acht Monate auf Bewährung lautet nun das Urteil. Zudem muss der 91-Jährige neben sämtlichen Verfahrenskosten jeweils 3000 Euro an den hinterbliebenen Witwer sowie weitere 3000 Euro an die andere Geschädigte zahlen. Den Beschluss wollen beide Nebenkläger akzeptieren, trotz der vom Gericht niedriger als gefordert angesetzten Summen. Schmallippig reagierte der Verteidiger. Nach seinen Angaben will er sich noch mit seinem Mandanten beraten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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