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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste die Altstadtgemeinde in Bad Oeynhausen Weihnachten 1945 im Altenheim feiern

Als die Kirche im Sperrgebiet lag

Bad Oeynhausen

Zum Weihnachtsfest 2020 geht der Blick im Rahmen einer dreiteiligen Miniserie zurück auf die Ereignisse im Winter 1945 – unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Teil 1: Blick in die Altstadtgemeinde.

Malte Samtenschnieder

Dieses Schwarz-Weiß-Foto hat der Soldat Donald C. Williams aufgenommen. Er war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im britischen Militärhauptquartier in Bad Oeynhausen stationiert. Das Bild zeigt die alte Auferstehungskirche im Schnee – vermutlich im Winter 1945.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 wurde für die Bad Oeynhausener nicht von jetzt auf gleich alles besser. Im Gegenteil. Als die britische Militärregierung in der Innenstadt und im Kurpark ihr Hauptquartier einrichtete, verloren viele ihr Zuhause.

Besonders betroffen war die evangelische Kirchengemeinde Altstadt, wie Lieselotte Thies in einem Artikel beschreibt, der in dem Buch „Evangelische Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt 1868 bis 1993 – eine Gemeinde unterwegs“ veröffentlicht worden ist. Zunächst hätten zumindest die Gottesdienste in der Auferstehungskirche noch zur gewohnten Zeit stattfinden können. Alle anderen kirchlichen Veranstaltungen seien direkt verboten worden. Dann sei die Räumung gekommen und damit der letzte Gottesdienst in der Auferstehungskirche. Er war am Himmelfahrtstag 1945.

Das brachte die Gemeindearbeit aber nicht zum Erliegen. „Die Gottesdienste und Taufen sollten im Wechsel im städtischen Altenheim im Sültebusch und in der Friedhofskapelle in Werste stattfinden“, schreibt Lieselotte Thies. Trauungen seien als Haustrauungen oder in den Kirchen der Nachbargemeinden abgehalten worden. Die restliche Gemeindearbeit habe geruht – genau wie die Schulen und der Kindergarten an der Weserstraße.

Nach der Einrichtung des mit Stacheldraht umzäunten Sperrbezirks im Zentrum wurde die Altstadtgemeinde laut Lieselotte Thies „in alle Winde zerstreut“. Nur die Randgebiete blieben von der Evakuierung verschont. Pfarrer und Gemeindeschwestern hätten zu Fuß oder mit dem Fahrrad weite Wege zu bewältigen gehabt, um ihre Gemeindemitglieder zu besuchen.

Nach Angaben der Chronistin gab es schon bald neben dem sonntäglichen Gottesdienst auch einen Wochengottesdienst, der ebenfalls im Altenheim stattfand: „Gottesdienstzeiten und kirchliche Informationen wurden in den Geschäften der sogenannten Barackenstadt, die an der Mindener Straße entstanden war, ausgehängt.“ Städtische Neuigkeiten seien bis zum Wiedererscheinen der Tageszeitungen Anfang 1946 ebenfalls von der Kanzel abgekündigt worden.

Ab Juni 1945 entfielen laut Lieselotte Thies die Gottesdienste in der Friedhofskapelle. Das Altenheim blieb nun alleiniger Kirchenersatz. Auch die katholischen Christen feierten dort eine Zeit lang ihre Messen. Mit der Wiederaufnahme des Kindergottesdienstes und der Frauenhilfe im Sommer begann das kirchliche Leben neu zu pulsieren.

In der Adventszeit kam nach Angaben der Chronistin erstmals die weibliche Jugend wieder zusammen. Für die männliche Jugend war es erst im Folgejahr soweit. Eine Weihnachtsfeier, die alle Kreise vorbereitet hatten, habe 1945 nicht nur die Bewohner des Altenheimes, sondern auch viele Gemeindemitglieder erfreut.

„Zur Feier des ersten Weihnachtsgottesdienstes in der Evakuierung versammelte sich eine große Schar Gemeindeglieder. Der obere Flur des Altenheimes konnte die Menschen nicht fassen“, schreibt Lieselotte Thies weiter. Über eine Lautsprecheranlage sei der Gottesdienst in die unteren Flure übertragen worden.

Die erste Konfirmation nach Kriegsende fand 1946 in der Kirche zu Rehme statt. „Die Flure des Altenheims reichten nicht aus, um für den festlichen und großen Gottesdienst alle Besucher unterzubringen“, berichtet die Chronistin.

Im August 1946 erhielt die katholische Gemeinde ihr Gotteshaus zurück. Dies habe Presbyterium und Pfarrer ermutigt, erneut bei der Militärregierung vorstellig zu werden, um auch eine Freigabe für die Auferstehungskirche zu erwirken. Zu einer schriftlichen, definitiven Zusage des Stadtkommandanten sei es aber nie gekommen. „Die Auferstehungskirche blieb Garnisonkirche der Engländer“, schreibt die Chronistin.

Mit Genehmigung der Militärregierung und Zustimmung der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde konnte die Altstadtgemeinde ab Oktober 1946 Gottesdienste in der Christuskirche feiern. Lieselotte Thies: „Jetzt mussten, da die Christuskirche auch im Sperrgebiet lag, sogenannte Kirchenpässe für die Gemeindeglieder beantragt werden.“

Zudem habe es klare Verhaltensregeln gegeben: Alle Gemeindemitglieder sollten sich in der Sperrzone korrekt verhalten, das Betreten von Häusern vermeiden und auf dem kürzesten Weg das Gotteshaus aufsuchen. Kindergottesdienst und alle bestehenden Kreise blieben bis Jahresende im Altenheim.

„Für den Gottesdienst am Heiligen Abend überließ die Baptistengemeinde der Altstadtkirchengemeinde nachmittags die Kirche“ berichtet die Chronistin. Die englische Garnisongemeinde habe sich zum Christfest 1946 ebenfalls freundlich gezeigt und 500 Deutsche zu einem Krippenspiel in „ihre Kirche“, die Auferstehungskirche, eingeladen.

Das war nach der Räumung der Stadt das erste und letzte Mal, dass die Gemeinde ihr altes Gotteshaus betreten durfte. Es brannte im Februar 1947 ab.

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