1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bad-oeynhausen
  6. >
  7. Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung

  8. >

Bad Oeynhausen: Karla Rahlmeyer spricht zum Weltfrauentag am 8. März über das Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander

Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung

Bad Oeynhausen

Im Hinblick auf die Gleichstellung von Mann und Frau hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits viel zum Positiven verändert. Es gibt allerdings auch noch einiges zu tun. In einem Interview zum Weltfrauentag am 8. März bezieht Karla Rahlmeyer (62), Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bad Oeynhausen, Stellung.

Malte Samtenschnieder

Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bad Oeynhausen hat Karla Rahlmeyer (62) genau im Blick, dass weder Frauen noch Männer gesellschaftlich benachteiligt werden. Foto: Stadt Bad Oeynhausen

Der internationale Weltfrauentag am 8. März wird gerne zum Anlass genommen, um zu beleuchten, wie es um die Gleichstellung von Mann und Frau bestellt ist. Zu welchem Ergebnis kommen Sie im Frühjahr 2021?

Karla Rahlmeyer: Es gibt sie, die Gleichstellung von Mann und Frau, zumindest auf dem Papier. Denn nach Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Aber schon der nächste Satz: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“ zeigt, dass sich vor allem die Mütter des Grundgesetzes bewusst waren, Gleichberechtigung wird kein „Selbstläufer“. Auch im Frühjahr 2021 schauen wir noch auf Themenfelder, die es zu „beackern“ gilt. Dazu nenne ich nur einige Stichworte, die Liste ließe sich fortsetzen. So sind in der Politik Frauen immer noch unterrepräsentiert. Die Anzahl der von Frauen besetzten politischen Mandate ist weit entfernt von der Geschlechterparität. Das gilt für alle Ebenen, angefangen von den Kommunalparlamenten bis hin zum Bundestag. Weitere Handlungsfelder sind die bestehenden Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern, und auch der Frauenanteil in Führungsfunktionen, sowohl in der Wirtschaft als auch in den öffentlichen Verwaltungen, ist ebenfalls noch verbesserungsbedürftig. Die unbereinigte Lohnlücke liegt im Jahr 2021 übrigens erneut bei 20 Prozent.

Wie kann es gelingen, die von Ihnen geschilderten Probleme zu beheben? Welche Ansatzpunkte gibt es?

Rahlmeyer: Freiwillige Selbstverpflichtungen haben nichts gebracht. Deshalb hat es ja einige gesetzliche Regelungen zu diesen Herausforderungen gegeben, aktuell die Initiativen für ein Paritätsgesetz zur Besetzung von politischen Wahllisten. Aber sofort werden Gerichte zur Prüfung von Verfassungskonformität eingeschaltet. Gesetze allein genügen auch nicht, zumal wenn sie „zahnlose Tiger“ bleiben, weil sie keine entsprechenden Sanktionen beinhalten. Es muss der wirkliche Wille da sein, die Gleichstellung der Geschlechter im Alltag zu leben. Dazu muss sich etwas in den Köpfen ändern, und zwar nicht nur in denen von Männern, sondern auch von Frauen.

Wer ist besonders von Benachteiligungen betroffen? Lässt sich das beispielsweise am Lebensalter oder am gesellschaftlichen Status festmachen, oder müssen sich alle Mädchen/Frauen gleichermaßen damit auseinandersetzen?

Rahlmeyer: Die unterschiedlichen Lebensaltersphasen spielen schon eine Rolle. So sind es überwiegend Frauen, die nach der Familienphase in Teilzeit in den Beruf zurückkehren. Das vermindert ihr eigenes Einkommen und auch ihre Aufstiegschancen. Denn in Führungsfunktionen ist nach wie vor die Vollzeitpräsenz angesagt. Das Gleiche gilt im Alter, es sind viel mehr Frauen von Altersarmut betroffen als Männer. Auslöser dafür sind unter anderem die unterbrochenen Erwerbsbiografien und vermehrten Teilzeitbeschäftigungen wegen Kinderbetreuung. Weitere Ursachen sind aber auch die niedrigeren Löhne in den frauenspezifischen Berufen. Das trifft naturgemäß Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen härter als diejenigen, die mit besseren Qualifikationen im Erwerbsleben unterwegs sind.

Seit einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie in Deutschland das alltägliche Leben. Hat dies Einfluss auf Ihre Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte?

Rahlmeyer: Ja, auf jeden Fall. Da ich auch zur Risikogruppe gehöre, führe ich Beratungsgespräche nur telefonisch durch. Auch der regelmäßige Austausch mit meinen Netzwerkpartnerschaften und anderen Beratungsstellen findet zurzeit nicht in Präsenz statt. Hier halte ich auch telefonische Kontakte. Außerdem habe ich in den Vorjahren zweimal jährlich jeweils eine vierwöchige Veranstaltungsreihe zu gleichstellungsrelevanten Themen organisiert, die im vergangenen Jahr leider komplett ausfallen musste. Da bemühe ich mich derzeit um andere Wege der Öffentlichkeitsarbeit.

Haben sich während der Lockdowns in diesem und im vergangenen Jahr mehr Mädchen/Frauen hilfesuchend an Sie gewandt als in „normalen“ Jahren? Würden Sie die Einschätzung teilen, dass die Corona-Pandemie zu einer Verschärfung bestehender (familiärer) Probleme beiträgt?

Rahlmeyer: Die Beratungsbedarfe haben sich verändert. So stand häufig die erhöhte Belastung gerade der berufstätigen Frauen mit Betreuungsaufgaben im Mittelpunkt der Gespräche. Das geht über die Herausforderungen, die das Arbeiten im Home-Office bei gleichzeitiger schulischer Betreuung mit sich bringt bis hin zur psychischen Erschöpfung von Frauen. Auch der finanzielle Druck durch Kurzarbeitergeld oder durch den Verlust von Nebeneinkünften aus 450-Euro-Tätigkeiten spielt eine Rolle. Ja, die Einschätzung bezüglich einer Verschärfung bestehender familiärer Probleme teile ich. Das haben mir verschiedene Gespräche gezeigt. Allein durch die mangelnden Außenkontakte und die längeren Zeitspannen, die Familien miteinander verbringen, erhöhen sich bereits vorhanden gewesene Spannungen erheblich. Außerdem fehlt die soziale Kon­trolle durch externe Stellen, dadurch können Fehlentwicklungen viel länger unbeobachtet in den vier Wänden bleiben.

Die Vereinten Nationen haben für den diesjährigen Weltfrauentag das folgende Motto ausgegeben: „Frauen in Führungspositionen: Für eine ebenbürtige Zukunft in einer COVID-19-Welt“. Eine nachvollziehbare Entscheidung?

Rahlmeyer: Den Satz „Frauen in Führungspositionen: Für eine ebenbürtige Zukunft“ kann ich voll unterschreiben. Das in den Kontext zur COVID-19-Pandemie zu stellen, würde ich persönlich so nicht machen. Denn die Problematiken mangelnder Gleichstellung gibt es weltweit unabhängig von der Pandemie. Die Pandemie wirkt da noch mal als Verstärker.

Bei der Partei „Die Linke“ sind jüngst zwei Frauen an die Bundesspitze gewählt worden. Gehört das zu einer „ebenbürtigen Zukunft“ dazu oder ist das schon einen Schritt über das Ziel hinaus?

Rahlmeyer: Das ist eine konkrete Entscheidung dieser Partei, die ich nicht bewerten oder kommentieren möchte. Persönlich halte ich die geschlechterparitätische Besetzung von Funktion für das Mittel der Wahl. Dadurch fließen Aspekte beider Geschlechter in politische Bewertungen und Entscheidungsprozesse ein. Damit wird am ehesten die Lebenswirklichkeit abgebildet.

Wie bewerten Sie im Vergleich dazu die Wahl von Beate Gilles zur Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz?

Rahlmeyer: Das ist natürlich erst einmal ein Meilenstein. Ich hoffe nicht, dass die Wahl nur der wachsenden Bewegung von Frauen in der Kirche, die mehr Gleichstellung und Transparenz fordern, geschuldet ist. Ich wünsche Beate Gilles auf jeden Fall Standfestigkeit und Durchhaltevermögen in dieser Männerdomäne.

Nun lassen Sie uns noch einmal den Blick auf die Verhältnisse in Bad Oeynhausen richten: Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Gleichstellung von Mann und Frau im Rat der Stadt Bad Oeynhausen bestellt?

Rahlmeyer: Ich gehe davon aus, dass sich Politikerinnen und Politiker im Stadtrat auf Augenhöhe begegnen. Aber schauen wir auf die Zahlen, da gibt es natürlich noch reichlich Luft nach oben. Denn seit der Kommunalwahl im September 2020 haben wir nur 13 der 55 Mandate mit Frauen besetzt. Das entspricht gerade mal einer Quote von 24 Prozent. Nur zwei von zwölf Ausschussvorsitzen haben Politikerinnen inne. Da hat Bad Oeynhausen aber kein Alleinstellungsmerkmal, ähnliche Ergebnisse lassen sich auch in anderen Kommunen beobachten. Im Kreistag sieht es etwas besser aus. Da sind 21 von 65 Mandaten mit Frauen besetzt, was eine Quote von 32 Prozent ausmacht.

Und in der Stadtverwaltung?

Rahlmeyer: Da sind ebenfalls Spielräume für Verbesserung vorhanden. Wir haben keine Frau auf der Ebene der Beigeordneten in der Stadtverwaltung. Auf der nächsten Führungsebene sind von 15 Bereichsleitungen inzwischen fünf Stellen mit Frauen besetzt, also ein Drittel. Die Stellvertretungen werden ebenfalls von fünf Frauen wahrgenommen. Auf der darunter liegenden Führungsebene der Teamleitungen haben wir von 23 Stellen immerhin zehn mit Frauen besetzt, das entspricht einer Quote von 43 Prozent. Da nähern wir uns also der paritätischen Besetzung an. Die Stadt Bad Oeynhausen verfolgt als Arbeitgeberin das Prinzip der geschlechterparitätischen Stellenbesetzung in allen Funktionsbereichen. Das heißt, wir schauen auch in die Bereiche, in denen Männer unterrepräsentiert sind, und bemühen uns um Verbesserung. So haben wir vor einigen Tagen einen männlichen Auszubildenden für den frauentypischen Beruf des Erziehers einstellen können. Am Donnerstag vor einer Woche ist es uns gelungen, zwei von drei Stellen im Anerkennungspraktikum in den städtischen Kitas mit männlichen Bewerbern zu besetzen. Auch konnten wir 2020 zwei Männer im Reinigungsdienst einstellen. So kommt Bewegung in die Sache, wenn auch in kleinen Schritten.

Der internationale Weltfrauentag wird seit 1921 am 8. März begangen. Die Einführung ist also genau 100 Jahre her. Meinen Sie, es wird auch im Jahr 2121 noch ein Gedenktag erforderlich sein, um auf die – weiterhin – unvollendete Gleichberechtigung von Mann und Frau aufmerksam zu machen?

Rahlmeyer: Da ich Optimistin bin, gehe ich davon aus, dass im Jahr 2121 dieser Tag nicht mehr nötig sein wird, um auf die unvollendete Gleichberechtigung aufmerksam zu machen. Allerdings schlage ich vor, ihn als Gedenktag beizubehalten. So bleibt es im Bewusstsein der dann Lebenden, wie mühselig der Weg zur tatsächlichen Gleichstellung war.

Startseite