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Lyrikabend auf der Aqua Magica bietet viele Anknüpfungspunkte zum Nachdenken

Auf der Suche nach einer eigenen Sprache

Bad Oeynhausen/Löhne (WB). In der Lyrikszene ihrer jeweiligen Heimatländer sind die drei Dichter Tomasz Rózy­cki (Polen), Daniela Danz (Deutschland) und Hussein Bin Hamza (Syrien/Libanon) bestens bekannt.

Malte Samtenschnieder

Das künstlerische Schaffen von Tomasz Rózy­cki (Polen), Daniela Danz (Deutschland) und Hussein Bin Hamza (Syrien/Libanon) hat beim Lyrikabend der 19. Poetischen Quellen im Literaturzelt auf der Aqua Magica im Mittelpunkt gestanden. Foto: Malte Samtenschnieder

Bei einem Lyrikabend im Rahmen der Corona-Sonderausgabe der Poetischen Quellen am Freitag im Literaturzelt auf der Aqua Magica stellten sie sich und ihre Arbeit mehr als 100 interessierten Zuhörern vor.

Die Moderation der Veranstaltung unter dem Motto „Gegen die Eindeutigkeit der Welt – Dichtung als Widerstehen“ übernahm Jürgen Keimer. Bereits mit seiner ersten Frage förderte der Journalist interessante Erkenntnisse zutage: „Viele junge Menschen schreiben Gedichte. Sie hören jedoch irgendwann auf. Warum haben Sie weitergemacht?“

Tomasz Rózy­cki konterte spontan. „Die meisten werden irgendwann erwachsen. Die anderen, zu denen zähle ich mich, bleiben Kinder“, ließ er seine Begleiterin Dorota Stroinska aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzen.

Daniela Danz meinte, viele junge Menschen fingen an, Gedichte zu schreiben, weil ihnen die Alltagssprache nicht genügend Ausdrucksmöglichkeiten eröffne. „Ich bin dabei geblieben, weil ich Geld brauchte“, sagte die Lyrikerin mit einem Augenzwinkern.

Hussein Bin Hamza drehte den Spieß um: „Ich habe etliche Male aufgehört, zu schreiben. Dauerhaft gelungen, ist es mir aber nicht.“

Krieg, Flucht, Vertreibung

Krieg, Flucht und Vertreibung behandelt Tomasz Rózy­cki in seinen Gedichten. Zum einen verarbeitet er damit die Geschichte seiner eigenen Familie nach dem Zweiten Weltkrieg. Er spannt aber zum anderen den Bogen bis zur aktuellen Flüchtlingssituation im Mittelmeer.

In einer Passage kommt er zu dem Schluss: „Es ist nicht einfach, reine Gedanken zu finden.“ An anderer Stelle resümiert er: „Wenn es Liebe war, hinterlassen wir keine Leere.“ Für den ausdrucksstarken Vortrag der aus dem Polnischen ins Deutsche übertragenen Texte lieh der Sprecher Thomas Streipert dem Lyriker aus Oppeln seine Stimme.

Exkursion in die Wildnis

Auf eine bildreiche Reise in den ältesten Buchenwald Europas nahm Daniela Danz ihre Zuhörer mit. Die Grundlage waren Auszüge aus ihrem Gedichtband „Wildniß“. Vom Zerfall einer Dorfgemeinschaft am Ende der Welt ist darin die Rede, genauer davon, wie sich die Wildnis lange zuvor verlassene Lebensräume zurückholt.

Und auch dem Widerstand gibt die Autorin, die im thüringischen Kranichfeld zu Hause ist, eine Stimme: „Wir werden nicht hinnehmen, dass eine Nacht ausreicht, uns zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen.“ Aktuelle Themen greife die Lyrikerin in ihren Texten ebenfalls auf, wie Moderator Jürgen Keimer betonte. Von den Gedichten zur Corona-Krise bekam das Publikum auf der Aqua Magica aber keins zu hören.

Beginn eines neuen Lebens

Im letzten Drittel des Lyrikabends stand Hussein Bin Hamza im Mittelpunkt. Der gebürtige Syrer zog 1995 in den Libanon. In der Hauptstadt Beirut war er als Journalist und Literaturkritiker aktiv. 2017 flüchtete er nach Deutschland und lebt seitdem mit seiner Familie in Hannover.

Um die Flucht, das Ankommen in der neuen Heimat und das kontinuierliche Hinterfragen der eigenen Identität als Künstler geht es in den aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzen Gedichten, die erneut Thomas Streipert vortrug. Trotz ernster Themen bleibt hier und da Platz für etwas Selbstironie. Ein Beispiel: „Ich schreibe keine kurzen Gedichte. Ich schreibe nur auf, was von einem langen Gedicht übrig bleiben würde.“

Im Gespräch zeigte sich Hussein Bin Hamza dankbar für die Chance, in Deutschland neu anfangen zu können: „Durch den Kontakt mit einer anderen Sprache habe ich mich als Dichter neu entdeckt.“

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