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Krankenhaus Bad Oeynhausen nutzt spezielles Programm zur Behandlung von Gewaltopfern

Damit die Spuren nicht verwischen

Bad Oeynhausen/Löhne (WB). 125 Sexualdelikte hat die Kreispolizei Minden-Lübbecke im vergangenen Jahr aufgenommen. Für Opfer ist es häufig schwer, Anzeige zu erstatten und sich mit der Tat auseinanderzusetzen. Am Krankenhaus in Bad Oeynhausen gibt es deshalb ein Verfahren, bei dem Opfer Spuren sichern lassen können, ohne dabei in Kontakt mit der Polizei treten zu müssen.

Freya Schlottmann

Für Opfer von Gewaltverbrechen, vor allem von Vergewaltigungen, ist es nicht immer einfach, Anzeige zu erstatten. Im Krankenhaus Bad Oeynhausen gibt es deshalb die Möglichkeit, Spuren sichern zu lassen, ohne Anzeige zu erstatten. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Die Abkürzung »iGobsis« steht für »Gewaltopfer-Beweissicherungs-Informationssystem« und ist der Name dieses speziellen online-Systems für Ärzte und Opfer von Gewaltverbrechen. In Zusammenarbeit mit der Abteilung für medizinische Informatik der Fachhochschule Dortmund ist das System vom Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Düsseldorf entwickelt worden und wird vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW gefördert. Mehr als 100 Praxen und Kliniken in NRW arbeiten im Rahmen einer Projektphase bereits mit »iGobsis«, das eine anonyme Spurensicherung ermöglicht.

Einer der Nutzer von »iGobsis« ist die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Krankenhaus Bad Oeynhausen unter der Leitung von Chefarzt Dr. Manfred Schmitt. Ist beispielsweise eine Frau vergewaltigt worden und kommt ins Krankenhaus, kann Dr. Schmitt »iGobsis« für die Untersuchung nutzen.

Angeleitetes Programm

In einem Paket bekommen die teilnehmenden Praxen und Kliniken von »iGobsis« alle

notwendigen Materialien, die sie für eine Befunddokumentation und Spurensicherung benötigen. »Wenn man alle Spuren gesichert hat, gibt man alle erfassten Daten auf einer speziell gesicherten Internetseite ein, über die man nur mit einem Zugangscode für Ärzte gelangt«, erklärt der Chefarzt. »Weil das System intelligent aufgebaut ist und man sich Schritt für Schritt durch die Anweisungen arbeitet, kann man bei der Eingabe der Daten nichts vergessen, was für eine gerichtliche Verwertung nötig ist«, sagt Schmitt. Die gesicherten Spuren und weitere Proben werden zudem an die Uniklinik nach Düsseldorf geschickt und dort ausgewertet.

Daten werden gesichert

Der Vorteil bei »iGobsis« sei laut Dr. Schmitt, dass die Daten für zehn Jahre gespeichert werden. »Dementsprechend kann sich ein Opfer in dieser Zeit überlegen, ob es noch Anzeige erstatten will oder nicht«, sagt der Chefarzt. Des Weiteren bietet das System Informationen für Anlaufstellen mit psychologischer Betreuung, die die Ärzte auf Wunsch der Opfer auch besprechen und weitere Hilfestellung geben können.

Weil besonders Sexualverbrechen einen sehr sensiblen Umgang mit den Betroffenen erfordern und auch die Spurensicherung penibel genau erfolgen muss, sind im Krankenhaus in Bad Oeynhausen nur Chefarzt Dr. Manfred Schmitt sowie der Oberarzt Dr. Frank Jonas für die Beweissicherung zuständig. Für die Nutzung von »iGobsis« haben die beiden Ärzte extra an einem Lehrgang an der Uni in Düsseldorf teilgenommen, um sich mit dem System vertraut zu machen. »Grundsätzlich dürfen solche Untersuchungen aber auch nur Fachärzte vornehmen«, erklärt Schmitt.

Spätere Anzeige

Vor einigen Jahren ist er auf das System aufmerksam geworden und hat sich dafür eingesetzt, dass auch die von ihm geleitete Frauenklinik mit »iGobsis« arbeitet. »Es gibt zwei Möglichkeiten für Opfer, sowohl nach sexualisierter als auch nach jeder anderen Art von Gewalt, vorzugehen. Zum einen können sie zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Dann wird die Spurensicherung häufig von der Polizei veranlasst. Wenn Opfer aber zunächst keine Anzeige erstatten wollen, weil beispielsweise die Situation unklar ist, können sie auch ins Krankenhaus gehen und dort Spuren sicher lassen«, erklärt Schmitt. Sollte sich ein Opfer nach einiger Zeit doch noch dazu entscheiden, Anzeige zu erstatten, sind Spuren sowie dessen gerichtsfeste Sicherung und Dokumentation von großer Bedeutung. Ohne diese ist es nur schwer möglich, die Tat zu beweisen und dementsprechend auch den Täter zu überführen. Genau für dieses Szenario ist deshalb »iGobsis« entwickelt worden.

Etwa zwei bis drei Fälle gibt es jährlich am Krankenhaus Bad Oeynhausen, bei denen »iGobsis« in der Frauenklinik zum Einsatz kommt. Auch Birgit Thinnes vom Kommissariat für Prävention und Opferschutz der Kreispolizei Minden-Lübbecke spricht sich für das Programm aus: »Es kostet manchmal viel Überwindung, eine Anzeige zu erstatten. Und auch Angaben direkt nach der Tat zu machen, ist schwierig. Damit die Spuren aber auf jeden Fall gesichert sind, befürwortet die Polizei eine anonyme Spurensicherung.«

Kontakmöglichkeiten

Neben dem Krankenhaus Bad Oeynhausen bietet auch das Johannes-Wesling-Klinikum Minden die vertrauliche Spurensicherung an. Betroffene können sich im Johannes-Wesling-Klinikum unter Telefon 0571/7901400 oder unter Telefon 0571/7901080 (speziell für Kinder) sowie im Krankenhaus Bad Oeynhausen unter Telefon 05731/771167 melden.

Weitere Informationen gibt es auch hier .

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