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Vor ihrer Lesung im Theater im Park in Bad Oeynhausen spricht Claudia Michelsen über den Lockdown, die Folgen und die Zeit danach

Dank Kultur „mental in Balance“

Bad Oeynhausen

Claudia Michelsen liest Marlene Dietrich. An diesem Samstag um 19.30 Uhr beginnt die Veranstaltung im Theater im Park. Publikum ist coronabedingt nicht zugelassen. Stattdessen gibt es einen Live-Stream im Internet.

Malte Samtenschnieder

Claudia Michelsen (52) gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation. Foto: Stefan Klüter

Über diese besondere Auftrittssituation, die Folgen der Corona-Pandemie für den Kulturbetrieb in Deutschland und ihre Pläne für die Zeit nach dem Lockdown spricht die Schauspielerin im Interview.

Die Staatsbad Bad Oeynhausen GmbH versucht mit einer Reihe von Live-Streams, das seit dem Beginn des zweiten Lockdowns Anfang November daniederliegende kulturelle Leben zu reaktivieren. Sie sind bei der zweiten von vier geplanten Übertragungen aus dem Theater im Park dabei. Welchen Stellenwert hat diese Auftrittsmöglichkeit für Sie, bezogen auf die Zeit seit dem Beginn der Pandemie Mitte März 2020?

Claudia Michelsen: Ich denke, es ist ein Versuch, mit unserem Publikum in Kontakt zu bleiben. Die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Erleben in einem Raum ist enorm, und wir hoffen, dass es bald wieder überall in persona stattfinden kann.

Ursprünglich sollte Ihre Lesung bereits am Samstag, 6. Februar, vor Publikum stattfinden. Stattdessen gibt es jetzt am Samstag, 20. Februar, den Live-Stream. Wie schwierig war es, Sie für die Übertragung im Internet zu begeistern?

Michelsen: Für mich steht es völlig außer Frage, in welcher Form auch immer, Veranstalter und Publikum zu unterstützen. Und wenn es im Moment die einzige Möglichkeit ist, die uns allen bleibt, dann machen wir das so. Insofern war es gar keine Frage, mich für diesen Weg zu begeistern, und trotzdem wird es natürlich das unmittelbare Erlebnis, gemeinsam in einem Raum zu sein, nicht ersetzen können.

Sie präsentieren in Bad Oeynhausen ein ganz persönliches Marlene-Dietrich-Porträt. Was fasziniert Sie an dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit?

Michelsen: Ihre Haltung zu den Dingen, ihre Haltung zur Welt, zur Politik und gleichzeitig auch die Konsequenz, mit der sie sich dann später für diese harte Einsamkeit ihrer letzten Jahre entschieden hat.

Marlene Dietrich war nicht nur eine herausragende Schauspielerin, sondern auch eine faszinierende Sängerin. In welchem Umfang werden Lieder der „Femme fatale“ bei Ihrem Auftritt in Bad Oeynhausen eine Rolle spielen?

Michelsen: Wir haben uns bewusst an diesem Abend für nur zwei Lieder von ihr entschieden. Für „Lili Marleen“ und „Sag mir wo die Blumen sind“, den live Auftritt vor der Unicef-Gala 1962. Der Abend ist eher eine Wanderung durch verschiedenste Stationen ihres Lebens und diese beiden Lieder lassen uns noch mal ihre Stimme hören.

Welchen Unterschied macht es für Sie, ob Sie den Marlene-Dietrich-Abend vor vollen Rängen oder vor fünf Kameras im sonst leeren Theater präsentieren? Wie unterscheidet sich Ihre Herangehensweise?

Michelsen: Wir haben den Abend ja noch vor uns. Aber ich denke und ahne, dass es sehr leer, einsam und merkwürdig sein wird, weil es ja keinerlei Interaktion mit dem Publikum geben wird.

Sie sind nicht nur auf den Theaterbühnen der Republik zu Hause. Sie stehen auch regelmäßig vor der Fernsehkamera oder vertonen Hörbücher. Was tun Sie am liebsten? Oder macht gerade dieser Mix Ihre Begeisterung für die Schauspielerei aus?

Michelsen: Theater spiele ich ja tatsächlich schon sehr lange nicht mehr. Leider. Aber die vielen Lesungen lassen mich den direkten Kontakt zum Publikum haben, was natürlich ganz wunderbar ist. Die Abwechslung gehört für mich dazu, da sie ja auch ganz verschiedene Erzählweisen erfordert.

Sie haben zweimal den Grimme-Preis und einmal eine Goldene Kamera gewonnen. Außerdem wurden Sie mit einem Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin geehrt. Welche dieser Würdigungen bedeutet Ihnen am meisten?

Michelsen: Ehrlich gesagt, freue ich mich über alle Preise, die über die Jahre den Weg zu mir gefunden haben, weil es ja auch immer eine wunderbare Wertschätzung unser aller Arbeit ist. Da gibt es keinen besseren oder bevorzugten Preis für mich, nein.

Wenn man sich Ihre Filmografie anschaut, stellt man fest, dass Sie häufig für Krimis vor der Kamera stehen. Was fasziniert Sie an diesem Genre?

Michelsen: Na ja, ich würde eher sagen, es hält sich die Waage. Natürlich gibt es im Jahr durch meistens zwei Polizeirufe schon ein Gewicht im Krimigenre. Aber ich versuche, mich den Rest des Jahres auf andere Geschichten zu konzentrieren. Aber unabhängig davon mag ich auch das Erzählen von Geschichten im Krimibereich, da natürlich das dramaturgische Konfliktpotenzial meistens gleich ziemlich aufgeladen sein darf.

Welches war bislang Ihr wichtigster Film?

Michelsen: Das ist wirklich schwer zu beantworten. Ich denke, jeder Film hat seine Wichtigkeit, auch in einem beständigen Lernprozess, der einen begleitet. Insofern möchte ich fast keinen missen. Auch die Täler gehören ja zum Leben dazu. Aber natürlich gibt es ein paar Geschichten, die mir besonders am Herzen liegen, angefangen mit „Allegmagne neuf zero“, „Der Tunnel“, „12 heißt ich liebe Dich“, „Der Turm“, „Der Dreigroschenfilm“ oder „Das Ende der Wahrheit“. Aber auch die Figur im „Ku'damm 56/59“ liegt mir am Herzen. Ich glaube, da kommen dann doch ein paar Arbeiten zusammen, an die ich mich sehr gern erinnere.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem – kulturellen – Lockdown?

Michelsen: Alle Lesungen nachholen, die ausgefallen sind, und ganz viel die Theater und die Filmtheater des Landes besuchen.

Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht erforderlich, um das kulturelle Leben nach der coronabedingten Zwangspause wieder anzukurbeln?

Michelsen: Das kann ich schwer sagen, weil ich nicht weiß, wie schnell sich dieses verlangsamte Impftempo in Deutschland verändern kann und wird. Die Theater haben schon lange vor den Lockdowns alle notwendigen Maßnahmen getroffen, und es spielte für die Politik keinerlei Rolle. Im Gegenteil. Meiner Meinung nach wird der mentale Schaden, den dieser Entzug auf Dauer anrichtet, massiv unterschätzt, und das ist das fatale. Deswegen, sobald es möglich ist, finden Sie mich in allen Kultureinrichtungen des Landes wieder, da Kultur meiner Meinung nach notwendig ist, um auch mental in einer gesunden Balance zu bleiben.

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