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Verschiedene Chroniken aus dem Stadtarchiv lassen Rückschlüsse auf die Lebensverhältnisse in Bad Oeynhausen rund um Weihnachten 1945 zu

Der erste Winter nach dem Zweiten Weltkrieg

Bad Oeynhausen

Zum Weihnachtsfest 2020 geht der Blick im Rahmen einer dreiteiligen Miniserie zurück auf die Ereignisse im Winter 1945 – unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Teil 3: Blick in das Stadtarchiv.

Malte Samtenschnieder

Im Winter 1945 sahen sich die Menschen in Bad Oeynhausen mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Foto: Malte Samtenschnieder/Symbolbild

Mitten in der Corona-Pandemie verläuft das bevorstehende Weihnachtsfest für viele Menschen anders als sonst. Doch auch in der Vergangenheit sahen sich die Bad Oeynhausener an den Festtagen schon oft mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. So im Winter 1945. Ein Blick auf die Ereignisse rund um das erste Weihnachtsfest nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren ist möglich dank verschiedener Ortschroniken. Sie werden im Stadtarchiv aufbewahrt.

„Die ersten Jahre der Nachkriegszeit sind auch in Wöhren durch wirtschaftliche Not gekennzeichnet“, ist in der Schulchronik von Wöhren zu lesen. Der Mangel habe sich vor allem in Ernährungshaltung und Wohnungswesen ausgewirkt. Die Not sei in städtischen Gebieten noch größer gewesen als im ländlichen Wöhren: „Samstags und Sonntags erbettelte sich die Industriebevölkerung – Greise wie Kinder, Männer wie Frauen – gegen Tauschwaren manches Stück ‚Fettigkeit‘ und manches Säckchen Kartoffeln.“

In der Folge des allgemeinen Mangels habe es auch organisierte Raubüberfälle gegeben. „Begehrenswertes Raubgut waren Schweine, Schafe, Hühner, Kaninchen und Fleischwaren. Auch Wäsche und Radioapparate verschonte man nicht. Selbst Roggen, Weizen und Kartoffeln erntete man, ohne gesät zu haben“, verrät die Chronik.

Derartigen Auswüchsen habe der von der Wöhrener Bevölkerung eingerichtete „Selbstschutz“ Einhalt geboten: Eine Nachtwache habe bezirksweise Häuser, Wege und Felder kontrolliert. Mit Erfolg: Die nächtlichen Diebstähle flauten ab.

Laut Wöhrener Schulchronik brachten die Winter 1945/46 und 1946/47 viele Familien in Folge der Holzknappheit in Not. Eidinghausen mit zig Flüchtlingen und Evakuierten habe zusätzlich mit Brennmaterial versorgt werden müssen.

In der Folge sei der Eidinghausener Berg des Wiehengebirges planlos abgeholzt worden und habe dadurch seine einstige Schönheit verloren. „Es bedarf langer Schonzeit, den Wald als solchen wieder ansprechen zu können“, hält die Schulchronik dazu fest.

Laut Gemeindechronik Lohe gab es im Winter 1945/46 in dieser Ortschaft ähnliche Probleme. Erwähnt wird eine Holzaktion. Diese sei nötig gewesen, da die Bevölkerung nicht mit Kohle versorgt worden sei. Geförderte Kohle sei restlos von der britischen Militärregierung beansprucht worden.

„Jeder Haushalt bekam im Laufe des ganzen Winters drei Zentner Schlammkohlen oder Koksgrus – beides Abfallprodukte, die in normalen Zeiten niemand geschenkt genommen hätte“, ist in der Chronik zu lesen.

Für fehlende Kohlen musste Holz eingeschlagen werden. Die Gemeinde Lohe bekam ihr Holz zugewiesen im „Königsholz“ und im Taller Forst. An jeder Einschlagstelle waren bezahlte Gemeindearbeiter aktiv.

Doch das reichte laut Chronik nicht aus: „Jeder Interessent musste für einen Raummeter drei Tage kostenlos im Holz arbeiten. Von dieser Pflicht waren nur Alte und Kranke befreit.“ Das Holz sei durch einheimische Bauern abgefahren worden. Es wurde meterweise gestapelt und dann von den Interessenten nach Zahlung beim Gemeindebürgermeister in Empfang genommen.

Die Arbeit sei hart gewesen. Die Bäume wurden „gefällt, entastet, die Stämme auf Meterlänge geschnitten und die Rollen an Plätzen, die von den Lastwagen erreicht werden konnten, aufgestapelt“. Über den ganzen Tag sei Holz auf die Lohe transportiert worden.

„Es war eine schwere Arbeit, die vor allem bei Frauen und Mädchen oft die Kräfte überstieg. Aber durch die Not der Zeit gezwungen, mussten sie die Arbeit leisten“, ist in der Chronik zu lesen. Dank der Kraftanstrengung sei es aber gelungen, „einigermaßen über den Winter 1945/1946 hinwegzukommen“.

Interessantes zu den Geschehnissen im Advent 1945 – teilweise mit Tagesdatum – ist in der Chronik der Gemeinde Rehme vermerkt. Am 4. Dezember habe die englische Militärpolizei Straßenkontrollen gemacht. „Wer nach der Sperrstunde noch auf der Straße angetroffen wird und nicht im Besitze eines Sonderausweises ist, erhält zwei Monate Gefängnis“, ist in der Chronik zu lesen.

Ein besonderes Himmelsphänomen ist unter dem Datum vom 19. Dezember erwähnt: „Um 1.37 Uhr trat der Mond in den Kernschatten der Erde. Von 2.40 bis 4 Uhr war der Mond vollkommen verfinstert.“ Aus heutiger Sicht schmunzeln lässt der Nachsatz: „Jedes Kind bis zu sechs Jahren erhält zu Weihnachten ein halbes Pfund Süßigkeiten.“

„Weihnachten und Neujahr ohne Ausgangssperre“ – so beginnt der Eintrag für den 21. Dezember. Es folgt eine Einschränkung: Die einzelnen Militärbefehlshaber konnten die Sperre jederzeit wieder verhängen, wenn der Anlass gegeben war. Doch: „Die Tage verliefen ohne Zwischenfall.“

Es wurden aber in steigendem Maße Kohlenzüge bestohlen. Laut Chronik lagerten die Diebe an Bahnhöfen: „Da die Züge hier kurzen Aufenthalt hatten, war es immer eine gute Gelegenheit für Kohlenklau.“ Einschränkungen beim Stromverbrauch habe es kaum gegeben, „da das EMR auch den Strom für das britische Hauptquartier liefern muss und deshalb gut mit Kohlenlieferungen versorgt wird“.

Teil 1: Blick in die Altstadtgemeinde

Teil 2: Blick in das Märchenmuseum

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